Home
http://www.faz.net/-gut-q1ou
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

New York Die Nostalgie-Strategie

09.02.2005 ·  In schwierigen Zeiten besinnt sich auch die Modebranche auf Klassisches: Bei den Schauen in New York setzten die ersten Designer jetzt auf bekannte Schnitte und nostalgische Accessoires für den kommenden Herbst.

Artikel Bilder (1) Bildergalerie Lesermeinungen (0)

Nostalgie ist ein guter Stoff in unsicheren Zeiten. Und so ließen sich die amerikanischen Top-Designer, die auf der New Yorker Modewoche noch bis Freitag die Trends für die kommende Herbst- und Wintersaison präsentieren, von der Vergangenheit inspirieren. Sozusagen um auf Nummer sicher zu gehen. Staatsdefizite kaschieren sich bestens, in dem die glorreiche New Yorker Boomzeit der 20er und 30er Jahre à la F. Scott Fitzgerald heraufbeschworen wird.

Donna Karan beispielsweise lud ihre Gäste in die Lounge des Algonquin Hotel, ein legendärer Treffpunkt für Literaten, ein. Dort hatte sie Mannequins in grauen Flanell-Kleidern mit grünem Tüll zur Begrüßung drapiert, andere räkelten sich auf Sofas und Couchtischen in weichen Samtjacken und silbernen Tops dekoriert mit Pailletten im Art-Deco-Stil. Auch Max Azria hatte sich für sein Label BCBG von dem britischen Literaten-Zirkel Bloomsbury-Gruppe im London zu Beginn des letzten Jahrhunderts inspirieren lasen. Er schlug vor, Westen und Jacken über Mieder anzuziehen, kombinierte bestickte Mäntel mit Hemdkleidern und steckte schmal geschnittene Hosen in Stiefel aus Veloursleder.

Brokatstoffe und Goldknöpfe

Der aktuelle Krieg und drohende Terroranschläge lassen sich dagegen am besten mit Reminiszenzen an die Zarenzeit und die russischen Revolution vergessen, wie es die Kollektionen von Diane von Furstenberg, Cynthia Steffe und Oscar de la Renta zeigten. Schwere Brokatstoffe, die direkt von den Vorhängen am Hof von St. Petersburg entwendet sein könnten, verarbeitete Diane von Furstenberg zu schmalen Hosenanzügen. Breite goldene Gürtel an halblangen Mänteln mit schwingenden Rockschößen von Cynthia Steffe erinnern an feurige Kosaken. Und direkt aus „Doktor Schiwago“ entstiegen schien ein tiefgrüner Mantel mit einer doppelten Reihe Goldknöpfen und Pelzbesatz am Saum von Mode-Zar Oscar de la Renta, der auch First Lady Laura Bush einkleidet.

New York: Die Nostalgie-Strategie

Wirklich revolutionär, im modischen Sinne, kam dagegen die Entwürfe von Marc Jacobs daher. Er zeigte am Montagabend (Ortszeit) nach eineinhalb Stunden Wartezeit in der vollbesetzten New York Armory eine wahrhaft voluminöse Kollektion: Aufgebauschte Mäntel und Kleider mit einer hoch angesetzten Taille und Röcken, die bis weit über das Knie reichten. Dass diese Silhouette für fast jede Frau unvorteilhaft daherkommt, ließ sich sogar an den überschlanken Models absehen, die beinahe in der Stoffülle versanken. Tragbarer waren die Krepp-Kleider und auf Hüfte geschnittenen Pullover mit großen Blockstreifen. Pop-Sängerin Beyoncé mit ihrem Freund, dem sichtlich gelangweilten Hip-Hop-Musiker Jay-Z, saß in der ersten Reihe. Auch Hollywood-Schauspielerin Uma Thurman stellte sich dem Blitzlicht-Gewitter der Fotografen.

Poncho-Variationen

Mut zu übermütigen Designs gab es wenig zu sehen. Akzente setzen da auffallenderweise die internationalen Designer, wie das australische Duo Sass & Bide, die interessante Variationen für den Poncho boten und schokobraune Stoffe mit gelben Akzenten in Szene setzen. Auch die brasilianische Ausnahmeerscheinung Alexandre Herchcovitch, der auf Rokoko-Art munter verschiedene Lagen und Stoffmuster aufeinander häuft, bot eine erfrischende Pause von all der amerikanischen Nostalgie. Die New Yorker Modewoche geht am Freitag mit der Debüt-Kollektion von Jennifer Lopez zu Ende.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen