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Natürlicher Luxus Ein Stoff für die großen Erzählungen

 ·  Michelle Obama hat einmal mehr Modemut bewiesen. Für das Kleid, das sie zur Amtseinführung ihres Mannes trug, zog sie ein meliertes Senfgelb vor. Den Stoff für diesen historischen Moment lieferte einer, der sich vor Aufträgen kaum retten kann.

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Die Winterkollektion stand unter dem Motto „Natürlicher Luxus“. Hans Schreiber, Creative Director der Schweizer Stofffirma Forster Rohner, entwarf ornamental-florale Dessins und nahm einen natürlichen Stoff: Schurwolle. Er griff zu verschiedenfarbigen Fäden, verarbeitete sie aufwendig zu Guipure-Stickerei und schickte die Entwürfe zum Agenten in Manhattan, wo die New Yorker Designerin Isabel Toledo zugriff.

Am Donnerstag abend bekam Schreiber, gerade auf dem Rückweg von einer Pariser Stoffmesse ins heimische St. Gallen, den Anruf, dass er Stoff für eine große Erzählung geliefert hatte, nämlich für das Kleid, das Michelle Obama zur Einführung ihres Mannes in das Amt des amerikanischen Präsidenten trug – bevor sie im weißen Abendkleid des Designers Jason Wu mit ihrem Mann auf all den Inaugurationsbällen erschien.

Schreiber kann sich vor Aufträgen kaum retten

Sonderlich überrascht scheint Schreiber nicht zu sein. Kein Wunder, denn mit seinem Couture-Material bestückt das Schweizer Unternehmen schon seit den fünfziger Jahren – der großen Zeit der Guipure – große Modehäuser von Dior über Balenciaga bis Yves Saint Laurent. Im Februar 2008 brachte Miuccia Prada die Schweizer Stickerei in 34 von 42 Modellen einer legendären Schau in die Mode zurück – weshalb sich der Stoffhersteller vor Anfragen kaum retten kann, obwohl das Material für Prêt-à-porter-Verhältnisse teuer ist. Auch auf den Haute-Couture-Schauen in der kommenden Woche wird man viel Guipure-Stoffe sehen – so viel darf Schreiber verraten, ohne Namen zu nennen. Isabel Toledo allerdings, die in New York neben Designern wie Marc Jacobs oder Oscar de la Renta Forster-Rohner-Stoffe nutzt, ist unabhängig von Prada-Trends – und schon lange eine gute Kundin.

Der schlichten Silhouette des Complets gibt der Stoff Gewicht. Die substantielle Steife – sie unterscheidet Guipure auch von der leichteren und feineren Spitze – verlieh dem Anlass Grandezza, meint Schreiber. Im Rückblick auf die Modegeschichte und die Trachten des spanischen Hofes im 16. Jahrhundert erkennt man in dem nicht fließenden, sondern skulpturalen Material außerdem die Strenge höfischer und sakraler vestimentärer Ordnungen. Noch heute wird Guipure-Stickerei häufig zu Hochzeiten, Trauerfeiern oder Taufen getragen. Aber nicht nur wegen dieser kirchlich-festlichen Anklänge erinnert der Stoff an die heilsgeschichtliche Aufladung der amerikanischen Politik, Barack Obamas zivilreligiöses Pathos und seine Vereidigung mit der Bibel.

Überzeitliche Ätzstickerei

Den metaphysischen Effekt bewirkt auch die Farbe, den Trendbewusste als Zitronengras deuteten, festlicher gestimmte Gäste als güldenen Schimmer wahrnahmen und der Stoffdesigner als „grünstichigen Gelbton“ bezeichnet. Michelle Obama zog das melierte Senfgelb dem Schwarz, Anthrazit und Wollweiß vor, die auch im Angebot waren – was wieder ihren Modemut zeigt. Die Wollfarbe bringt jedenfalls eine starke Melange hervor, deren Wirkung das weiße Seidenfutter unterstützt, das Toledo dem Stoff unterlegte.

Schon die Herstellung des Stoffes zeigt, dass er nicht nur für einen Tag gemacht wird: Der Entwurf wird ins Computerprogramm übersetzt und auf die Stickmaschine übertragen; in die Nadeln wird das gefärbte Wollgarn eingefädelt; die Maschine stickt mit dem Wollgarn das Muster auf einen Hilfsstoff, der am Ende weggeätzt wird, weshalb man von Ätzstickerei spricht. Dann muss der Stoff nur noch von der Maschine genommen, ausgewaschen, ausgerüstet und den Designern verkauft werden. Die Überzeitlichkeit des Materials nennt Schreiber „nachhaltig“. Man muss es nicht gerade mit dem unmodischen Wort „ewig“ belegen – ins Museum kommt das Kleid aber vollkommen zu recht.

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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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