25.02.2009 · Sie sind jung, blond und diszipliniert. Deutsche Mädchen sind in der Modebranche gefragt wie nie. Ganz ohne Heidi Klum erobert eine neue Model-Generation die Laufstege von New York bis Mailand.
Von Alfons Kaiser und Anke SchippIn der Business-Lounge des New Yorker Kennedy-Flughafens wurde Luca Gadjus vor kurzem erst mal abgewiesen. Außer der Bordkarte musste sie auch ihren Ausweis vorzeigen. In der Lounge wird Alkohol ausgeschenkt, daher ist das Mindestalter 21 Jahre. Luca Gadjus lacht, als sie das erzählt, während sie vor einem Fototermin geschminkt und frisiert wird - noch immer halb ungläubig und halb geschmeichelt.
Der Nachfrage des strengen Sicherheitsmanns lassen sich mindestens drei Dinge entnehmen: Erstens sind auch Models, die gut im Geschäft sind, heute keine Supermodels mehr - sie werden nicht mehr überall erkannt. Zweitens ist der Preisverfall im Modelgeschäft, der auf den Andrang von Osteuropäerinnen zurückgeht, noch nicht so dramatisch, dass Luca neben den Moderedakteuren in der Holzklasse sitzen müsste. Und drittens darf sich Luca, die mit ihren 25 Jahren schon zu den älteren der neuen deutschen Models zählt, durchaus noch zum Nachwuchs rechnen.
Es sind vor allem die Sechzehn- und Siebzehnjährigen, die nun von Deutschland aus und ohne Hilfe von Heidi Klums suspekter Casting-Show „Germany's Next Topmodel“ die Laufstege und die Modetitel der Welt erobern: Toni Garrn auf der Märzausgabe der deutschen „Vogue“, Alexandra Tretter auf dem Märztitel der deutschen „Elle“, Katrin Thormann im Dezember auf der italienischen „Vogue“ sowie in dieser Woche auf den Laufstegen von Zac Posen oder Donna Karan, das noch neuere Gesicht Karolin Wolter bei Schauen von Marc Jacobs und Matthew Williamson - und auf der Suche nach Isabelle Sauer wird man bald auf mehr als nur 812 Google-Treffer stoßen. Wohl noch nie hatten deutsche Mädchen in der Modeszene einen so guten Lauf.
Vom „Brazilian Moment“ zum „Sauerkraut Look“
Nach Claudia Schiffer, die in den neunziger Jahren zu den Supermodels gehörte (und deshalb auch noch mit 38 Jahren bestens i Geschäft ist), mussten sich deutsche Mädels meist hinten anstellen. Erst gab es in der Modelgeschichte den „Brazilian moment“ mit Gisele Bündchen, Adriana Lima, Raquel Zimmermann und vielen anderen. Dann strömte eine unüberschaubare Flut junger Osteuropäerinnen auf die Laufstege, die Olga oder Nadja oder Natalia hießen, hohe Wangenknochen hatten und mit 16 Jahren ihre gesamte Familie im Ural versorgen mussten.
„Jetzt könnten 15 Jahre ,Brazil-Terror' ein Ende haben“, sagt Pascal Kluttig, der in Berlin die Modelagentur Seeds betreibt und unter anderen Katrin Thormann unter Vertrag hat. Gefragt sei derzeit der nordische Typ mit klassischen Gesichtszügen und einer blonden Coolness - die allerdings nicht nur deutsche, sondern auch holländische oder skandinavische Models ausstrahlten. Die Deutschen stechen aber heraus. Das „New York Magazine“ spricht vom „Sauerkraut-Look“ auf den Runways: „blond und atemberaubend schön“.
Das ist auch Katrin Thormann, die kühle Blonde aus dem hohen Norden. Aufgewachsen ist sie in Kiel, entdeckt wurde sie vor vier Jahren auf dem Berliner Alexanderplatz, als sie eine Tante besuchte. Damals gab es noch nicht die Sendung „Germany's Next Topmodel“, die seit drei Jahren bei jungen Mädchen den meist wolkigen Wunsch beschleunigt hat, Model zu werden. Als Katrin damals von einem Scout angesprochen wurde, reagierte sie überrascht: „Im ersten Moment war ich total verwirrt und perplex.“ Vielleicht war es deshalb gut, dass die Agentur ihr erst mal nur kleine Aufträge in Deutschland gab und sie in Ruhe ihr Abitur machen konnte. Im vergangenen Jahr wurde sie ins Ausland geschickt - und startete sofort durch. Prada, Chanel und Louis Vuitton buchten sie für die Laufstege, zweimal war sie schon auf dem Cover der italienischen „Vogue“ - höher geht's nicht in der Mode.
Sie arbeiten, ohne zu meckern
Es läuft also gut für die deutschen Mädchen - auch bei der New York Fashion Week, die am Freitag zu Ende ging. „Letzte Saison waren Toni Garrn und ich die einzigen Deutschen“, erzählt Katrin Thormann. „Diesmal sind noch einige andere Mädels dazugekommen. Der Trend scheint in diese Richtung zu gehen.“ Das zeigt auch das Beispiel der 17 Jahre alten Karolin Wolter - für Claudia Lorenz, Chefin der Hamburger Agentur „m4 Models“, „das interessanteste new face des Jahres“. Im November stand das Mädchen von der Schwäbischen Alb plötzlich in der Agentur und stellte sich mit den Worten vor: „Ich möchte Model werden.“ Claudia Lorenz verlor nicht viel Zeit: Drei Monate später lief Karolin in New York bei fast allen großen Schauen mit. Ein Debüt, das selbst für eine erfahrene Bookerin außergewöhnlich ist.
Yannis Nikolaou, Chef von Place Models in Hamburg, der unter anderen Luca Gadjus entdeckte und mit der Österreicherin Iris Strubegger ebenfalls ein erfolgreiches Jungmodel in der Kartei hat, glaubt dennoch nicht an ein neues Fräulein-Wunder: „Das ist eher ein Zufall, dass es wieder mehr deutsche Models gibt.“ Allerdings sagt Nikolaou auch: „Blond verkauft sich kommerziell gesehen besser.“ Die meisten Kunden wünschten einen Look, der nicht zu exotisch ist, nicht zu fremd oder „zu extrem mit dicken Lippen oder Sommersprossen“. Wichtig seien außerdem die Charaktereigenschaften und die Arbeitsmoral: „Die Zusammenarbeit mit Mädchen aus Osteuropa und Brasilien ist oft sehr viel anstrengender.“ Sie seien meist aufgekratzt, plapperten permanent und sorgten beim Shooting für Hektik. Die deutschen Models dagegen erscheinen pünktlich und arbeiten, ohne zu meckern - „auch wenn die Arbeit zwölf Stunden dauert“, sagt Nikolaou. Während sie backstage warten, lernen sie fürs Abitur. Als Toni Garrn am Freitag in Manhattan für Ralph Lauren gelaufen war, flog sie gleich zurück nach Hamburg, um sich mit ihrem Wochenend-Privatlehrer auf die Deutschklausur am Montag vorzubereiten. Bis Mittwoch geht sie zur Schule, dann nach Mailand zu Dolce & Gabbana & Co.
Neben Wowi in der ersten Reihe
Die neue Modelwelle begann mit Julia Stegner. Die 24 Jahre alte Münchnerin, vor neuneinhalb Jahren auf dem Oktoberfest entdeckt, hat schon Hunderte Kilometer auf Laufstegen zurückgelegt. Jetzt steuert sie auf die in der Modeszene argwöhnisch betrachteten lukrativen Jobs zu - arbeitet als „Gesicht“ der Berliner Modewoche für Mercedes-Benz, lächelt für die Kosmetiklinie Maybelline, zeigt ein bisschen Haut für Victoria's Secret und macht sogar Werbung für die modisch mittelmäßige Marke Luisa Cerano. Sonja Ostrowski, Head-Bookerin bei Louisa Models in München, achtet aber auf die richtige Mischung: „Julia hat sich ein Image aufgebaut und einen großen Bekanntheitsgrad. Jetzt kann sie auch ein bisschen auf der kommerziellen Schiene fahren.“ Bei Schauen wird sie wählerischer. Nur noch eine Schau pro Stadt will sie machen. Das liegt teils auch an den Beschränkungen durch die großen Auftraggeber: Am Donnerstag lief sie nicht etwa bei Proenza Schouler oder Calvin Klein in New York, sondern hatte einen Termin bei Maybelline.
Mit ihrer Freundin Luca Gadjus traf sie sich vor drei Wochen endlich mal wieder auf der Berliner Modewoche. Julia saß neben Bürgermeister Wowereit in der ersten Reihe, Luca eröffnete die Michalsky-Schau in der Zionskirche. Da ahnte man, dass auch die neue deutsche Modehauptstadt die deutschen Models beflügelt. Luca, die gerade von der Chanel-Haute-Couture zurückgekehrt war, und Julia, die vorher zu Givenchy gejettet war, freuten sich nach der Schau, mal nicht nur Brasilianerinnen und Russinnen zu sehen, sondern einer Art Klassentreffen der deutschen Mädchen beizuwohnen. Luca und Toni, die beiden Hamburgerinnen, gewannen an diesem Abend sogar doppelt: Während die beiden Models im Mittelgang der Kirche über den Laufsteg schritten, verlor Luca Toni mit den Bayern gegen ihren HSV.
Alfons Kaiser Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.
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Anke Schipp Jahrgang 1966, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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