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Modewoche Die neue Nationalmannschaft

06.07.2010 ·  Für den Aufbruch der Berliner Modewoche stehen die Ausländer - wie bei den deutschen Fußballspielern. Die Podolskis, Kloses und Özils der neuen Designergeneration heißen Piedayesh, Gilpin oder Perret.

Von Alfons Kaiser, Berlin
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Leyla Piedayesh, Tochter persischer Einwanderer und Berlinerin von schnoddrigem Charme, begann spontan mit der Mode. Sie strickte gern, hatte witzige Ideen und fing einfach mal an. Die ehemalige MTV-Redakteurin hätte nie gedacht, dass aus der ersten Strickkollektion, die sie auf der damals neuen Messe „Premium“ im Januar 2004 präsentierte, aus ihren dekorierten Palästinensertüchern, mit denen sie ihren ersten großen Trend anschob, nur gut fünf Jahre später unter „Lala Berlin“ eine Modekollektion geworden ist, die den Ansprüchen der „high fashion“ genügt – und sich im eigenen Berliner Laden sowie bei mehr als 120 Einzelhändlern in der ganzen Welt bestens verkauft.

Mit gutem Design und geschäftlichen Erfolgen auf der Höhe zu sein – das hätte sich kaum ein Designer des Berliner Modewunders noch vor zehn Jahren träumen lassen. Dann lenkte die Modemesse „Bread & Butter“ seit 2003 die Aufmerksamkeit auf die wiedervereinigte Hauptstadt, Modemacher wie Dirk Schönberger, Stephan Schneider und Frank Leder kamen aus dem Ausland zurück, Michael Michalsky, Wolfgang Joop und Dutzende von Jungdesignern gründeten ihre Marken, Hédi Slimane und Mario Testino kamen für Fotoproduktionen, die Eventagentur IMG begann 2007 mit der „Mercedes-Benz Fashion Week“ nach New Yorker Vorbild, und die großen Kaufhäuser vom KaDeWe bis zum Quartier 206 sowie die kleineren Trendboutiquen von „Murkudis“ bis zu „The Corner“ verkauften plötzlich teure Designerstücke an Russinnen und Düsseldorferinnen.

Im Schatten der Fußball-WM

Seit Dienstag und bis zum Samstag ist nun wieder Modewoche. Sie könnte zu keinem schlechteren und keinem besseren Zeitpunkt beginnen. Zu keinem schlechteren, weil die große Präsentation von Calvin Klein an diesem Mittwoch in der Münze am Molkenmarkt im Schatten des deutschen Halbfinalspiels gegen Spanien stehen wird und überhaupt der Fußball diesem Gegner viel Aufmerksamkeit raubt. Zu keinem besseren, weil auch die Modestadt Berlin den Aufbruch spiegelt, der in der jungen deutschen Fußball-Nationalmannschaft für Furore sorgt.

Denn an die großen Traditionen Berlins als Stadt der Kleidung knüpfen nun vor allem Modeleute mit Migrationshintergrund an. Die Podolskis, Kloses, Khediras und Özils der neuen Designergeneration sind eben Leyla Piedayesh, die vor 39 Jahren in Teheran geboren wurde, die Halb-Schwedin Johanna Kühl (die mit Alexandra Fischer-Roehler „Kaviar Gauche“ betreibt), die Kanadierin Jennifer Ann Gilpin und der Neuseeländer Kyle Callanan (die mit „Don’t Shoot The Messenger“ als Neuentdeckung gelten), die Deutsch-Französin Johanna Perret und die Vietnamesin Tutia Schaad (deren Marke „Perret Schaad“ von August an in vielen Boutiquen verkauft wird).

Berlin strahlt aus

Sie beleben die deutsche Mode nicht mit ethnischen Spielereien oder politischer Korrektheit, sondern mit unverblümter Selbstverständlichkeit des stilistischen Ausdrucks, wie man ihn in Deutschland nicht gewöhnt war. Düsseldorf mit der urdeutschen Igedo, die in falsch verstandener Internationalisierung „Collections Premieren Düsseldorf“ heißt – das war die Zeit von Berti Vogts. Die rheinische Republik war für die Herausforderungen der globalen Mode zu engherzig, und Düsseldorf ist zu einer Ordermesse geworden, die Ende Juli vor allem das Fachpublikum ansprechen wird.

Berlin dagegen strahlt aus. Ins Ausland, woher viele der Zehntausenden Besucher kommen. Und in die Stadt, wo viele Vereine, Verbände und Läden mit Aktionen und Präsentationen die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich zu lenken versuchen, die zu den Modemessen „Bread & Butter“ (für Streetwear), „Premium“ (für Designermode), „Bright“ (für Skateboarder) „5 elements.berlin“ (für Body- und Beachwear), „TheKey.To“ und „Greenshowrooms“ (für „grüne“ Mode) und eben zu den Designerschauen kommen. Befeuert wird die gute Stimmung, die schon am Dienstag herrschte, als John Malkovich seine Herrenkollektion vorstellte und die ersten Partys auf anstrengende Tage einstimmten, durch die nackten Zahlen. Sie sprechen für einen Aufschwung in der deutschen Mode nach der Krise des vergangenen Jahres.

Auf der Modewoche wird es langsam eng

So ergab eine Befragung des Modeverbands „GermanFashion“, die am Montag veröffentlicht wurde, dass die allermeisten Modeunternehmen mit dem ersten Halbjahr zufrieden sind und den Umsatz steigern konnten. Der Gesamtumsatz der Bekleidungsindustrie, der im Jahr 2009 bei 12 Milliarden Euro lag, wird also voraussichtlich wachsen. Die Berliner Marke „Firma“ hat, um ein Beispiel zu nennen, in der letzten Saison um 30 Prozent im Umsatz zugelegt. Die Mainzer Designerin Anja Gockel erzählt, dass sie in der letzten Saison ihren Umsatz um 25 Prozent gesteigert habe, was nicht nur mit ihrer Präsenz bei „Germany’s Next Top Model“ zu tun hat, sondern eben auch mit dem Laufstegauftritt. Ihre Berliner Schau im Januar wurde in sage und schreibe 1200 Artikeln in Zeitungen und Zeitschriften erwähnt oder beschrieben.

Auf der Modewoche wird es daher langsam eng. Schon im kommenden Jahr, so teilt der Veranstalter IMG mit, wird man angesichts des großen Andrangs kaum noch mit einem Laufsteg auskommen. Das macht es noch wahrscheinlicher, dass nach der Modewoche im Januar 2011 der wegen des Bücherverbrennungs-Denkmals als Veranstaltungsort umstrittene Bebelplatz aufgegeben wird. Am Dienstag beklagte sich „Die Linke“ wieder, dass „das wirtschaftliche Interesse gegen das Votum des Parlaments über die denkmalpflegerischen, künstlerischen und erinnerungspolitischen Interessen“ gestellt werde. Außer acht gerät durch diese populäre Argumentation, dass gerade um den Bebelplatz (damals Kaiser-Franz-Josef-Platz) und den nahen Hausvogteiplatz bis in die Dreißiger die dann von den Nazis enteigneten, vertriebenen und ermordeten jüdischen Konfektionäre saßen, an deren Tradition man nun anschließen möchte. Die Modewoche wäre aber auch an einem anderen Platz – sofern man denn einen findet – nicht aufzuhalten. Der Vertrag zwischen IMG und dem Wirtschaftssenator wird wohl nach 2011 fortgeführt.

Inzwischen hat der Aufstieg der neuen Mode-Nationalmannschaft schon seine Folgen. „Ich hatte ja nie größer über eine Modekarriere nachgedacht“, sagt Leyla Piedayesh über ihren unvermuteten Erfolg. „Und 25 Mädels zu dirigieren ist auch nicht so ganz ohne.“ Ihre zweijährige Tochter Lou sieht sie in diesen Tagen kaum, und von der Welt außerhalb ihres Ateliers bekommt sie nicht mehr viel mit. Auch da geht es ihr nicht anders als unseren Jungs in Südafrika.

Wieder Haute Couture - aber wofür?

Seit einem halben Jahrhundert kämpft die alternde Diva um ihr Überleben. Verstaubt findet man die Couture schon seit Coco Chanels Satz von 1967: „Die Haute Couture ist am Ende, denn sie ist in den Händen von Männern, die Frauen nicht leiden können.“ Damals kleideten sich noch 60 Prozent der Designer-Kundinnen in Haute Couture, heute sind es wohl nicht einmal 0,006 Prozent. Doch ausgerechnet in schwierigen Zeiten und zu den Herbst-Winter-Kollektionen erlebt die Hohe Schneiderkunst einen zweiten Frühling. Bei der Schau von John Galliano für Christian Dior am

Montag musste man sich vorkommen wie eine Biene, die in einen blühenden Sommergarten geraten ist und trunken vor Glück von einer Blume zur nächsten wandert. Eine Explosion der Farben, ausladende Seidenröcke wie aus Klatschmohn, in Cellophan verpackte Hochsteckfrisuren - eine Hommage an die

Tulpenlinie Christian Diors von 1953. Aber verkauft sich das auch? Bien sûr! Laut „Women's Wear Daily“ macht Chanel mit der Sommerkollektion 20 bis 30 Prozent mehr Umsatz als in der vergangenen Saison. Und bei Dior ist man sich nicht sicher, ob man all die Bestellungen auch rechtzeitig ausliefern kann. Die Mitarbeiter werden also in den nächsten Monaten zwischen Fittings am Persischen Golf, Änderungen in Moskau und Spezialwünschen in Schanghai viel Stress haben. Ob das zur Couture passt?

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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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