Die Mode, immer ihrer Zeit voraus, steht früh auf und reibt sich die Nacht aus den Augen. Nicht jeder der partygeplagten Gäste auf der Mailänder Modewoche ist schon um 8.30 Uhr zur Strenesse-Zeit auf den Beinen. Denn nicht jeder macht es wie Gabriele Strehle, die der Einfachheit halber gar nicht geschlafen hat (allerdings wegen der Arbeit). Also bringen die Schauspielerinnen Alexandra Maria Lara, Christiane Paul und Heike Makatsch, obwohl auch nur von kurzem Schlaf gesegnet, hellwache Stimmung in die erste Reihe. Sie seien die besten Werbefiguren für die Marke, weil sie natürlich und frisch wirken, meint Gerd Strehle und kündigt nebenbei eine Überraschungsschau an. Christiane Paul freut sich auf Mode, die "feminin und elegant" ist. Und das wird, ohne daß sie es wissen kann, etwas mit der Überraschung zu tun haben.
Abwechslung täte gut. Denn aus der letzten Saison sind die Vorgaben kurz, kürzer, am kürzesten - und Achtziger, Siebziger, Sechziger. Zwar lassen London und New York die Farben und die Formen etwas fließen, aber dem läuft man in Mailand auf dem Laufsteg nicht immer hinterher. Auf der "Milano Moda Donna", wo Gucci ein schwarzes Jahrzehnt prägte, geht man gerne back to business. Auch im wörtlichen Sinn: Trotz der Krise zeigen nicht nur etwa 100 Schauen der "Milano Moda Donna" und ebenso viele Präsentationen in den Showrooms ungestümen Vorwärtsdrang. Die Stadt feiert auch einen Rekord an Geschäftseröffnungen: Vivienne Westwood am Corso Venezia, Burberry und Alexander McQueen in der Via Verri, Adidas Originals Store am Corso di Porta Ticinese. Die schnelle Billig-Konkurrenz aus Schweden und Spanien ist auch schon da: H & M eröffnet am Corso Vittorio Emanuele (gleich neben Zara) und Mango bald in der Via Torino. Das goldene Dreieck nördlich des Doms verblaßt etwas angesichts weit größerer Quadratmeterzahlen dieser Kleider-Kaufhäuser.
Taghelle Farben und uncooler Trab
Die großen Designer müssen also immer wieder an neuen Stellen nach Gold schürfen. Der eigentlich minimalistische Giorgio Armani macht das maximal vor: Unter Modeabteilungen, Restaurant, Blumenladen und Ausstattungsgeschäft seines großen Stores setzt er nun auch noch einen Club mit dem sprechenden Namen "Privé". Ob die wenigen Glücklichen ("members only") dort unten auch Armani tragen werden? Für Frühjahr und Sommer 2004 packt der Meister seine Models nämlich in taghelle Farben und versetzt sie in ganz uncoolen Trab. Mit dem Thema "Marine" segelt er in der Publikumsgunst und nicht nur für Mitglieder: Seine bunten Quer- und Längs- und Diagonalstreifen auf schwarzem oder weißem Grund lassen nur zur Abwechslung mal Platz für ein Fensterkaro oder ein Schachbrettmuster. Die weich fallenden Seidenhosen im Jogging- oder Radlerstil nehmen auch aus der Sportmode nur das, was sich in die Eleganz hinüberretten läßt. Armani zeigt Witz: Das Militärische verkürzt er zum Spencerjäckchen, das Sportblouson zerschneidet er längs - und schon wirkt es wie Couture. Zwei gestreifte Hosenträger, die hinten beginnen, aber vorne frei über die Brust hinunterbaumeln und spitz zulaufen wie Krawatten mit Clubstreifen, legen sich gnädig über die durchsichtige Bluse. Das war der Wink mit dem Binder: Armani kann es eben.
Seine Organzakleider schienen denn auch ein paar Stunden später wieder über den Laufsteg zu flirren. Diesmal trug sie aber Kate Moss, deren Eastend-Charme Burberry vor einigen Jahren von der Traditions- zur Trendmarke machte. Organza bei Burberry? Das Karo und die Trenchcoats erschienen erst nach geschlagenen zehn Minuten auf dem Laufsteg. Bis dahin sah man Trenchcoats ohne Trenchcoats, zurückgeschneidert bis auf die Schulterklappen, darunter nur pastellene Kleidchen. Designer Christopher Bailey hat aus dem militärischen Stoff ein japanisches Märchen gemacht. Kammgarn hat er zum Sommer durch Seide ersetzt. Aus einstmals starrem Muster fließen Kuschelfarbkaskaden. Als ob ihm das selbst unheimlich wäre, spritzt er dann plötzlich, frei nach Jackson Pollock, schwarze oder rote Kleckse auf die schönen weißen Trenchcoats: Sie sind im nächsten Jahr ein Muß für die Frau mit Mut.
Freudenfest des Eklektizismus
Mindestens so laut und deutlich geht es bei D & G zu, der Zweitlinie von Dolce und Gabbana. Ein Freudenfest des Eklektizismus ist diese junge Kollektion, die sich "Pin" auf den einen und "Up" auf den anderen Schuh setzt, Baby-Doll-Plüsch, Biergartentischdecken, Jeans-Korsagen, Kimono-Minis, Formel-1-Overalls und Torero-Boleros überzieht. Noch lauter geht es kaum, auch wenn sich die kanadischen Brüder Dean und Dan Caten mit ihrer Marke Dsquared redlich bemühen. Hosen und Röcke sind so knapp, als ob es Stoffe wegen der Krise nur noch auf Bezugsschein gäbe. Das alles ist so super-duper-sexy-hexy - wer soll nach dieser auch noch so benannten Hommage an den Sexmagazingründer Hugh Hefner ruhig schlafen?
Wo es doch am nächsten Morgen, am Mittwoch, früh zu Strenesse geht. Dort wecken nicht die lauten Töne (einmal abgesehen von der dröhnenden Musik), sondern die neuen Ideen. Schon das erste Kleid ist knöchellang. Blümchen blühen prächtig pudrig. Volants lassen die Kleiderkanten flattern. Unterm strengen grauen Spencer breitet sich blaßrosa und gemächlich eine Bluse aus. Streifen ziehen sich als Blumen-Patchwork um den Oberkörper. Gabriele Strehle, so sagt sie nach der Schau, will "zarte Farbigkeit für sommerliche Stimmung". Der große Düsseldorfer Einzelhändler Albert Eickhoff präzisiert: "Eine neue Ära bricht an!" Die Stadt der reduzierten Farben und Formen kommt ins Leben zurück. Das kann sie gut gebrauchen so früh am Morgen - und für den Rest der Woche.