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Modenschau in Paris Sexy-Hexy trifft auf punkigen Braut-Look

06.10.2009 ·  Geschickte Raffungen, starke Farben, neue Muster: die Pariser Mode präsentiert wahre Kunstobjekte. Dabei sollen sich die Designer mehr dem großen Publikum öffnen. Die Marke Ungaro versucht sich mit Lindsay Lohan als Designerin zu verjüngen - ein gescheitertes Experiment.

Von Alfons Kaiser
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So billig hat es Jil Sander noch nie gegeben. Die graue Flanellhose kostet 49,90, der V-Ausschnitt-Pullover aus Kaschmirstretch 129,90, das T-Shirt mit langen Ärmeln 19,90 Euro. Während in der ersten Reihe der Prêt-à-porter-Schauen in Paris die Redakteurinnen in 5.000-Euro-Jacken von Balmain die geschickt gerafften 3.000-Euro-Abendkleider von Alber Elbaz für Lanvin leicht gelangweilt mustern, schauen die Käufer im Uniqlo-Laden begeistert hin.

Der Preis der von Jil Sander entworfenen Kollektion „+J“ scheint zu stimmen: Die Schlange vor dem frisch eröffneten Geschäft neben der Oper ist am Montag trotz heftigen Regens so lang wie früher die Schlange vor der Louis-Vuitton-Filiale auf den Champs-Elysées. In Tokio hatten sich die Kunden am Freitag sogar schon um drei Uhr morgens für die neue Kollektion der in Japan überaus beliebten Designerin angestellt, sieben Stunden vor Öffnung des Geschäfts.

Internationaler Luxusmarkt schwächelt

Es ist ein schöner Treppenwitz der Modegeschichte, dass Jil Sander ihre erste Kollektion für den japanischen Billiganbieter zu Beginn der Modewoche in das erste französische Uniqlo-Geschäft bringt. Denn die „Queen of Less“ aus Hamburg, die sich international ihren Namen in Mailand machte, passt so gar nicht zur vieldeutigen Flatterhaftigkeit des Pariser Stils. Nun kommt sie mit dem kurzen Label „+J“ in der Hauptstadt der Mode an. Ihren Namen darf Jil Sander nicht mehr geschäftlich nutzen. Das macht aber auch nichts, denn die meisten der jungen Frauen, die sich die V-Ausschnitt-Pullover aus Merinowolle für 39,90 Euro in die Einkaufstasche stopfen, haben nach einer unrepräsentativen Befragung den Namen Jil Sander noch nie in ihrem Leben gehört.

Modenschau in Paris: Sexy-Hexy trifft auf punkigen Braut-Look

All die anderen Modemacher der mehr als 100 Schauen und Präsentationen in Paris werden es schwerer haben, ihre Entwürfe an die Frau zu bringen. Das Beratungsunternehmen Bain & Co. hat gerade ermittelt, dass der internationale Luxusmarkt erst wieder im Jahr 2012 auf das 170-Milliarden-Euro-Umsatzniveau des Jahres 2007 kommt. Daher versucht so manche Marke mit allen Mitteln, in die Presse zu kommen. So verfiel der Besitzer von Emanuel Ungaro auf die Idee, der neuen Chefdesignerin Estrella Archs die Gelegenheitsschauspielerin und Skandalnudel Lindsay Lohan als Beraterin zur Seite zu stellen.

Das Experiment scheiterte auf ganzer Linie: Die beiden versuchten geradezu verzweifelt, die Tradition des Hauses (Drapierungen, Bonbonfarben) mit den Trends der Saison (Lochmuster, Türkenhosen) zu versöhnen und gleichzeitig mit Sexy-Hexy-Attitüde (Miniröcken) sowie Wohlfühlattributen (Paillettenherzen) zu verjüngen. Da passte aber auch gar nichts zusammen. Die Damen werden’s bemerkt haben. Ein Interview, das sie mit dieser Zeitung für Montagnachmittag abgemacht hatten (Lindsay Lohan ist immer erst von 13 Uhr an zu sprechen), wurde kurzfristig abgesagt: „Lindsay fühlt sich nicht wohl.“

Phantastische Muster und Farben

Erfreulicher verliefen die weiteren Premieren. Der Prada-Schüler Peter Copping führte für Nina Ricci das Spiel mit den mädchenhaften Silhouetten markengerecht weiter. Und der Schweizer Modemacher Albert Kriemler (Akris) fügte seinen futuristisch leicht anmutenden Entwürfen erstmals Taschen hinzu. Im November hatte die Schweizer Marke, die sich bisher den Accessoires verweigert hatte, die letzte deutsche Taschenmanufaktur aus der Insolvenz gerettet und gekauft: Comtesse aus Hausen bei Offenbach. Und nun zeigt Kriemler Rosshaartaschen, die nichts mit labelbehängten und klunkergesättigten „It-Bags“ zu tun haben, sondern in der Trapezform des „A“ von Akris mit Sicherheit zu Klassikern werden.

Überhaupt, die Klassiker. Alber Elbaz macht Lanvin mit geschickten Raffungen, starken Farben und einer Pailletten- und Klunker-Orgie zu einer der nobelsten Kollektionen. Dries van Noten stellt phantastische Muster und Farben zusammen, wie man sie ganz sicher noch nie so gesehen hat. Die Konzeptkünstler dagegen müssen sich öffnen. „Eine verkäufliche Kollektion“, meint Puma-Chef Jochen Zeitz über Hussein Chalayan, dessen Mehrheit sein Konzern seit vergangenem Jahr hält. Eine Kollektion aber auch, die sich nicht so recht entscheiden kann zwischen harmlosen Sommerkleidern und dekonstruierten Smoking-Variationen.

Der wirtschaftliche Druck wird noch mehr Öffnung fürs große Publikum verlangen. Josef Voelk, Einzelhändler aus Berlin, meint: „Das Leben ist schon zu kompliziert für Konzeptkunst.“ Andererseits liegt gerade in ihrer vertrackten Komplexität die hohe Kunst der Pariser Mode. Mal sehen, wie Stefano Pilato für Yves Saint Laurent, Karl Lagerfeld für Chanel und Marc Jacobs für Louis Vuitton, die Großmeister der letzten Tage, ihre Kunst zum Leben bringen.

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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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