03.08.2004 · Die Modemesse "cpd woman man" sagt den nächsten Sommer voraus: überwiegend heiter. Selbst wer nicht so recht an die rosige Zukunft glauben mag, aktualisiert kurzerhand die Vergangenheit.
Von Anke SchippAuf Monkeys Island wird es eng. Familien, beladen mit Picknickkörben und Klappstühlen, kämpfen mit Männern in Leinenanzügen um Parkplätze. Die einen wollen entspannen, die anderen wollen Geschäfte machen. Die einen betrachten in den Showrooms im Düsseldorfer Hafengelände Kleider, Röcke, Anzüge, Hosen, Accessoires - kurz: die Mode. Die anderen betrachten vom künstlichen Sandstrand aus sanft dahinfließendes, grau-grünes Wasser - kurz: den Rhein.
Sonne, Textilien, Jubiläen - am vergangenen Wochenende gab es einiges, was Düsseldorf beinahe zum Kolabieren brachte. Das schöne Wetter trieb die Menschen aus den Häusern, das Jubiläum der Einkaufsstraße Königsallee, deren 200. Geburtstag gefeiert wurde, auch. Und dann kamen noch die rund 53.000 Besucher der trotz wachsender Konkurrenz immer noch größten Modemesse der Welt "cpd woman man" an den Rhein. Ein Sammelsurium. Und doch fand alles auf wunderbare Weise zusammen: Die Kollektionen entsprachen dem Wetter und der Stimmung an den Sandstränden, der gut besuchte verkaufsoffene Sonntag und das Volksfest an der "Kö" entsprach der hoffnungsvollen Stimmung der Textilbranche, die fest daran glaubt, daß es bald aufwärts geht und der Konsumfrust der Deutschen sich wandelt - in Konsumlust.
Ganz bestimmt positiv ...
Der nächste Sommer wird ganz bestimmt positiv - so die aktuelle Vorhersage der Textilbranche. Das bezieht sich nicht auf die ökonomische Seite, denn die steht noch in den Sternen. Aber in den gut 1800 Kollektionen muß man die Farbe Schwarz suchen: Es dominieren heitere, knallige, kunterbunte Farben. Von einem "Optimismustrend" spricht Peter Paul Polte, Chefredakteur des Fachmagazins "Textilwirtschaft". Der Hang zu starken Farben, Drucken und Mustern, der in diesem Sommer seinen Anfang nahm, basiere auf der Sehnsucht nach besseren Zeiten.
Genauso wie der immer noch dominierende Retro-Stil, in dem die Designer mittlerweile jede noch so langweilige Dekade hervorgekramt und neu interpretiert haben: "Wenn man nicht an die Zukunft glaubt," so Polte, "aktualisiert man die Vergangenheit." Im Rückblick verklärt sich eben alles - auch ein in weiten Teilen unerfreuliches Jahrhundert wie das zwanzigste, in dem es schließlich auch Kriege, Rezessionen und Arbeitslosigkeit gab.
Capri und Riviera statt Ballermann und Costa Brava
Das aber gilt es auszublenden, wenn man zurück in die Zukunft blickt und sich in Ferienstimmung versetzt. Nicht in die, die bei 30 Grad im Schatten am Ballermann oder der Costa Brava aufkommt. Eher die zurückgenommene, wie sie vor einem halben Jahrhundert auf Capri und an der Riviera zelebriert wurde: mit luftigen Glockenröcken, geblümt und gepunktet, geknoteten Blusen und dreiviertellangen Caprihosen - möglichst im Pepita-Muster. Die fünfziger Jahre haben nach wie vor Konjunktur - gelten sie doch als eine Zeit, in der die Welt noch klar und übersichtlich und die Frau noch lieblich und sanft war.
Das ist nicht unbedingt überraschend. Überhaupt: Vieles, womöglich zu vieles, was in den neuen Kollektionen zu sehen ist, hat seinen Anfang schon in diesem Sommer genommen. Dazu gehört der Chanel-Look. Die typischen Kurzjäckchen wird es weiter geben. Bei der Münchner Marke Rena Lange sind die melierten und taillierten Tweed-Jacken schon seit Jahrzehnten fester Bestandteil der Kollektionen. Einerseits profitiert die Marke von dem Trend, andererseits muß sie innovativ sein, um aus der Jäckchen-Inflation hervorzustechen. Das gelingt zum Beispiel mit jenen Entwürfen aus gemustertem Frottee-Stoff oder jenen Baumwoll-Tweeds, die durch aufwendige Lochstickereien auffallen.
Leder als Sommermaterial - bis hin zum Bikini
Baumwolle und Leinen sind die typischen Sommerstoffe. Um so überraschender, daß es im Frühjahr und Sommer 2005 in vielen Kollektionen Leder geben wird - ein Material, das man eher mit dem Herbst verbindet. Die Designer schienen sich darin überbieten zu wollen, wer das dünnste Leder auf den Markt bringt. Windsor hatte die Nase vorn und liefert eine federleichte Jacke aus auberginefarbenem Lammnappa. Bei Escada ist der Mantel ungewohnt nüchtern, nämlich grau. Er ist Teil der neuen "Business Collection", die sich an Frauen richtet, die arbeiten - was nicht unbedingt selbstverständlich für die klassische, gut betuchte Escada-Kundin ist. Das bemerkenswerteste Stückchen Lederstoff aber zeigte Strenesse: ein Bikini aus gelbem Wildleder mit Kreuznähten bestickt - auf seine Weise auch Retro, denn "Must Have" der Sioux-Indianer gewesen sein.
Der Sport erreicht in der nächsten Sommer-Saison die upper-class, zeigt er sich doch im Stil englischer Tennisclubs der zwanziger und dreißiger Jahre. Deshalb sollte man auf das Tragen knielanger Faltenröcke vorbereitet sein. Oder seinen Poloshirt-Bestand aufstocken. Besser aber man greift auf die Variation zurück: zum Beispiel auf das ärmellose Kleid aus Baumwoll-Pique von Strenesse.
Immer wieder Jeans
Zu sehen sein wird im nächsten Sommer auch viel Jeans - ein Thema, das freilich noch nie weg war, aber die Branche experimentiert mit Waschungen und Färbungen munter weiter. Die neuesten Kreationen nennen sich Authentic-Indigo und Darkdenim. In der steten Konkurrenz zwischen Rock und Hose gewinnt allerdings das feminine Kleidungsstück: Während bei den Zweibeinern in Form und Schnitt wenig neue Ideen zu beobachten sind, toben sich die Designer bei den Röcken weiter mit Plissees, Raffungen und Volants aus. Auch lange Röcke gibt es wieder - vermutlich als Gegenbewegung zu der endlich zum Stillstand gekommenen Mini-Epidemie. Aufgepeppt wird der Rock mit Tüchern um die Hüfte. Windsor liefert einen Krawattengürtel, der an den Enden zugespitzt ist und wie der Herren-Binder locker über dem Bauch geknotet wird.
Auffallend bei den Accessoires sind die neuen "Boss Woman"-Taschen, die jetzt mit dem neuen Logo auf den Markt kommen: "BHB" für "Boss Hugo Boss". Im Blick hat man jene Kundinnen, die Wert auf die Erkennbarkeit von Marken legen. Ein Prinzip, daß bei Gucci, Louis Vuitton und Dior zu Millionenumsätzen geführt hat. Dieses Selbstbewußtsein kann sich die Metzinger Marke leisten, seit ihre anfangs schwächelnde Damenkollektion endlich schwarze Zahlen schreibt.
Anke Schipp Jahrgang 1966, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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