Zwei Geschichten, die mit der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele, der Opening Ceremony, zu tun haben, und mit Mode: Die erste ist schnell erzählt und geht nicht gut aus, hauptsächlich, weil sie in China beginnt. Die zweite hat ihren Ursprung auf der benachbarten Insel Hongkong. Die zwei Modegeschichten sind, jede auf ihre Weise, auch symptomatisch für ein verunsichertes Amerika.
Geschichte Nummer eins findet vergangene Woche ihren Höhepunkt, als sich herumspricht, in welchem Aufzug die amerikanischen Olympioniken bei der Londoner Opening Ceremony ihre Runden drehen sollen. Entworfen sind die Uniformen zwar von dem Modemacher Ralph Lauren, gefertigt aber wurden sie nicht im Heimatland, sondern in China. Wenn alles so bleibt, dürfte die Opening Ceremony für Ralph Lauren deshalb ein mittleres PR-Desaster werden. Ende der ersten Geschichte.
Für Geschichte Nummer zwei muss man etwas weiter ausholen. Dabei ginge es, pünktlich zur Eröffnung der Olympischen Spiele, nur um einen neuen Store in der Olympia-Stadt und um eine lustige Namensgleichheit - wäre die New Yorker Marke, die Opening Ceremony heißt und sich in London mit einem ersten europäischen Stützpunkt einrichtet, nicht ebenjene Institution, die amerikanische Träume anderer Designer erfüllt, die aus jungen Tröpfen halbe Modemillionäre macht, und mit diesen dann wiederum den Bringdienstcharakter der Globalisierung noch fester in der Mode verankert. Gut, irgendwie hat es Opening Ceremony auch geschafft, Anlaufstelle für die Hipster der Welt zu werden.
Aber so weit sind Carol Lim und Humberto Leon, die Köpfe hinter Opening Ceremony, im Jahr 2001, im Urlaub in Hongkong, noch lange nicht, und überhaupt müssen sie sich erst einmal kennenlernen. Vor dem Hongkong-Trip liegt eine halbe Ewigkeit Freundschaft.
Die Rollenverteilung: Sie ist die Fleißige, er geht gerne feiern
Es ist 1993, und Carol Lim, 18 Jahre alt und im zweiten Jahr Studentin in Berkeley, ist an diesem Abend eigentlich schon bettfertig. Die Schlafanzughose hat sie bereits übergezogen. Sie sitzt nur noch mit ein paar Freunden zusammen, als der damals ihr noch fremde Humberto Leon, Student an derselben Uni und ebenfalls 18 Jahre alt, an der Tür klingelt. Ob man denn nicht noch weggehen möge, schlägt er vor.
Die Rollenverteilung zwischen den zwei Freunden, die bis heute kein Paar sind, wird in den kommenden Jahren so bleiben: Sie ist die Fleißige, er geht gerne feiern. Aber an diesem Abend lässt sich Lim doch überreden und zieht zur Schlafanzughose nur noch schnell die High Heels an. Gemeinsamkeiten finden Lim und Leon schnell. Abgesehen davon, dass beide ihr Outfit cool finden, haben sie asiatische Wurzeln, sind Vorstadtkinder vom Rande von Los Angeles und kennen die Malls dort in- und auswendig. In den kommenden Jahren entdecken sie gemeinsam die Charity-Läden der Heilsarmee als überraschende Quelle für Gebrauchtes von Chanel oder Louis Vuitton.
Nach dem Studium verlieren Lim und Leon zunächst den unmittelbaren Kontakt zueinander und treffen sich erst ein paar Jahre später in New York wieder. Lim arbeitet jetzt beim Schweizer Modehaus Bally, Humberto bei Burberry. Wirklich zufrieden ist keiner von beiden, und mit dieser Gemeinsamkeit geht es 2001 in den Urlaub nach Hongkong. Lim und Leon sind begeistert von den Designern der Stadt und überlegen pausenlos, welche Mode-Mitbringsel für wen daheim in New York im Koffer landen sollen. Als der Urlaub zu Ende ist, brauchen sie weit mehr Platz, als in ihrem Gepäck für Souvenirs frei ist. Lim und Leon kratzen ihre Ersparnisse, 20.000 Dollar, zusammen, mit denen sie die Kleider unbekannter Designer aus Hongkong einkaufen und sich ein paar Monatsmieten in der New Yorker Howard Street leisten können.
Die olympische Idee: Sport, Business, weltweite Partizipation
Die ist im Jahr 2002 in Maklerkreisen nicht wirklich ein Sahnestück. Die Bürgersteige werden zwar mittlerweile von Laternen beleuchtet, als angeblich letzte Straße Manhattans wurde sie mit ihnen ausgestattet, und die Mörder der Stadt haben sich einen anderen Ort gesucht, an dem sie ihre toten Opfer liegenlassen. Aber nach 20 Uhr kommen immer noch Leute angefahren, um ihren Müll auf dem schmalen Streifen zwischen Broadway und Lafayette abzuladen. Im August 2002 sind Lim und Leon so weit, in einem Haus mit windschiefen Feuerleitern zu eröffnen.
Ihr Laden, Opening Ceremony, soll von Anfang an jene Schlüsselidee von Pierre de Coubertin, dem Initiator der Olympischen Spiele der Neuzeit, in die Mode transportieren. Dieser modernisierte das Ereignis Olympia im Jahr 1896 radikal, indem er Sport, Business und weltweite Partizipation unter einen Hut bringt. Bei Opening Ceremony treten von nun an jedes Jahr amerikanische Modemacher als Gastgebernation gegen Designer aus der Fremde an. Los geht es natürlich mit Hongkong. Lim und Leon reisen anschließend jährlich in ein Land ihrer Wahl, schauen sich dort eine Weile um und kaufen ein. 2004 kommen sie nach Deutschland. Gleichzeitig mischen sie ein bisschen selbstentworfene Mode unter, die Leons Mutter, die Schneiderin ist und aus China kommt, näht.
Dass Lim und Leon mit der Idee Erfolg haben würden, war nicht sehr wahrscheinlich. Doch zu ihrem Glück droht die New Yorker Mode langsam langweilig zu werden. Von dem vielschichtigen Charme der Einwanderernation ist kaum mehr etwas zu erkennen. Modisch kommt New York so glatt daher wie die Haut nach einem chemical peel, für das sich zu jener Zeit alle interessieren. Rauf und runter hängen in den Boutiquen der Stadt dieselben Kleider.
Lim und Leon verändern die lokale Designer-Landschaft
Bei Opening Ceremony hingegen geht es zu wie bei der Ankunft eines Schiffes auf Ellis Island vor hundert Jahren. Da werden Kollektionen von Modemachern ausgepackt, die bislang nur von New York geträumt hatten, deshalb jetzt ihr Bestes geben, ohne sich dem konformistisch gewordenen Charakter der Stadt anzupassen. Frauen probieren die absurd skinny Jeans von Acne an, die Opening Ceremony als erster Laden außerhalb Schwedens verkauft, und schlüpfen in die Flipflops des nach Urlaub klingenden Labels Havaianas, die man bislang nur an den Füßen von Brasilien-Heimkehrern sehen konnte. Beide Marken mögen heute Selbstverständlichkeiten sein - auch weil Opening Ceremony der Mode damals einen kräftigen Schubs in Richtung Globalisierung gibt.
Umgekehrt verändern Lim und Leon die lokale Designer-Landschaft, indem sie jungen Modemachern wie Alexander Wang oder Proenza Schouler, inzwischen zwei der wichtigsten Köpfe dort, früher als andere außerordentlich viel Platz in ihrem Laden in Chinatown einräumen, der so vollgestellt ist wie die Apartments der durchschnittlichen New Yorker. In der Howard Street dehnt sich Opening Ceremony in die Nachbarhäuser und Wohnungen aus; außerdem expandiert man gen Westen, nach Los Angeles, und gen Osten, erst nach Tokio und jetzt nach London.
Noch immer hat das Vorhaben Guerilla-Charakter
Mit einem lustig bunten Onlineshop eröffnen sie 2009 im Netz und erreichen jedermann im Wohnzimmer. Heute ist openingceremony.us der zweitwichtigste Standort des Hauses. Von da aus gehen zum Beispiel geflochtene argentinische Gürtel in die Welt oder Stücke, die zu einer der vielen Designer-Kooperationen gehören, die Opening Ceremony quer über den Globus verteilt unterhält, oder 8000-Dollar-Kleider der Rodarte-Schwestern aus Pasadena. Und dazu erfährt der virtuelle Shopper noch, wo er für unter zehn Dollar in New York gut essen kann.
Obwohl Lim und Leon mittlerweile auch Chefdesigner bei dem Pariser Haus Kenzo sind, behält ihr ursprüngliches Vorhaben nach zehn Jahren noch einen gewissen Guerrilla-Charakter, und der kommt der Mode gerade besonders gut zupass, schließlich mischt er das Bild, das man zuvor bewusst vereinheitlicht hat, wieder auf.
So eröffnen selbst etablierte Marken seit einigen Jahren Pop-up-Shops, schauen ein paar Wochen oder Monate, wie sich die Geschäfte entwickeln; wenn es gut läuft, bleiben sie, wenn nicht, ist man schnell wieder verschwunden. Nun eröffnete Opening Ceremony vor drei Tagen in London als Pop-up - und hat den langfristigen Mietvertrag für den Laden drei Häuser weiter, für die Zeit, wenn die Olympischen Spiele in London vorbei sind, trotzdem bereits unterschrieben. Das ist schließlich keine Eintagsfliege, sondern weltweite Expansion.