06.11.2006 · Schönheit ist, was den Menschen gefällt und sexuelle Kompetenz ausstrahlt. Das sagen jedenfalls Psychologen, die seit zwanzig Jahren die menschliche Attraktivität erforschen. Aber für die neuen Topmodels gelten ganz andere Maßstäbe.
Von Florentine FritzenLily Cole, Tanya Dziahileva und Irina Lazareanu würden in den Studien von Ronald Henss nicht gerade überragend abschneiden. Denn die drei Topmodels verletzen die „Nicht-zu-Regel“ des Saarbrücker Attraktivitätsforschers. Die rothaarige Engländerin Lily Cole: zu rundes Gesicht, zu sehr „Babyface“. Die blonde Weißrussin Tanya Dziahileva: zu weit auseinanderstehende Augen, zu abstehende Ohren. Die braunhaarige Kanadierin Irina Lazareanu: zu lange Nase.
„Zu exzentrisch“, faßt Henss zusammen. Zwanzig Jahre lang haben der 56 Jahre alte Psychologe und seine Kollegen an der Universität des Saarlandes Menschen Fotos gezeigt und gefragt: Wie schön finden Sie dieses Gesicht - auf einer Skala von eins bis zehn? Das abstrakte Konzept Schönheit wird also heruntergebrochen auf die konkrete Frage, wie Menschen die äußere Erscheinung von anderen beurteilen. Die Forscher fanden heraus: Schönheit setzt sich zusammen aus einem gefälligen Grundmuster plus einer individuellen Note. Die darf aber nicht zu stark ausgeprägt sein, sonst wird's schon wieder häßlich.
Karl Lagerfeld schert sich nicht um die „Nicht-zu-Regel“. Er hat die rumänischstämmige Irina Lazareanu mit ihrer großen Nase und den tief in die Augen hängenden Ponysträhnen zum neuen Gesicht der Marke Chanel gemacht. Zum Abschluß seiner Haute-Couture-Schau zeigte sich der Modeschöpfer dem Pariser Publikum im Sommer mit der zur Braut geschmückten Irina an der Hand.
Langnasige Musen sind keine Einzelfälle
Meister Lagerfeld und seine langnasige Muse sind keine Einzelfälle. Lily Cole mit ihrem kreisrunden Gesicht lief auf der London Fashion Week im September für Jasper Conran und die von der Designerin Bella Freud wiederbelebte Sixties-Marke Biba. Tanya Dziahileva wurde für Defilees der Prêt-à-porter-Schauen in Paris, New York und Mailand gebucht. Auf den Laufstegen sehen die Zuschauer derzeit einige Mädchen von der Sorte der Weißrussin: Geschöpfe mit Ohren wie aus einem Fantasy-Film, mit durchscheinenden Gesichtern, riesigen, weit auseinandergezogenen Augen und schrägem Blick. Die koreanischstämmige Amerikanerin Hye Rim Park verkörpert diesen Typus, der eher an Elfen als an Frauen denken läßt, in asiatischer Ausprägung.
„Auf den Laufstegen zeigt sich, was derzeit das Ideal von Designern und Moderedakteuren ist“, sagt Louisa von Minckwitz, die für ihre Münchner Agentur „Louisa Models“ vor ein paar Jahren auf dem Oktoberfest die inzwischen international bekannte Julia Stegner „scoutete“, wie es im Jargon heißt. Den Modeschöpfern gehe es darum, „mit Hilfe bestimmter Models produktbezogene Individualität zu kreieren“. Das Image einer Marke müsse vom als hübsch empfundenen Mainstream abweichen. Das gelte aber nur für die Schauen und Kampagnen des Topsegments, nicht für den breiten Massenmarkt.
Wer für „ganz normale Produkte“ werben wolle, greife nach wie vor zu Mädchen, die nett, fröhlich und nicht zu speziell aussähen: „Der Heidi-Klum-Typ verkauft sich in Deutschland immer noch am besten.“ Denn gerade der Deutsche möge es nicht „edgy“, also kantig, schräg, und auch wenn für Unterwäschekampagnen zunehmend olivfarbener Teint gefragt sei, stehe man hierzulande doch vor allem auf blond und blauäugig.
Ein konservatives Volk also mit zartem Hang zum Exotischen. Schon als Heidi Gross, wie Louisa von Minckwitz Leiterin einer großen deutschen Modelagentur, 1976 ins Geschäft einstieg, beherrschten skandinavische und nordamerikanische Models das Angebot. „Damals warb Karen Graham für Estée Lauder“, sagt die Leiterin von „Model Management“ in Hamburg. „Ein wunderschönes Wesen, ein Grace-Kelly-Typ.“ Noch in den Siebzigern seien aber allmählich auch andere Mädchen auf den Markt gekommen. Der Amerikaner John Casablanca kreierte in seiner Agentur „Elite“ einen sportlichen Antityp mit dunklem Kurzhaarschnitt. Marie Helvin, eine Frau mit japanischen und hawaiischen Wurzeln, begeisterte die Modewelt mit ihren leicht exotisch geschnittenen Augen. „Die Bresche wurde immer weiter“, erinnert sich Heidi Gross. „Irgendwann gab es erste schwarze Models. Nach der Öffnung des Ostblocks kamen Osteuropäerinnen mit slawischen Wangenknochen dazu.“
Mainstream bleibt blond und blauäugig
Zwar bleibe der Mainstream blond und blauäugig, sagt Heidi Gross, die gerade erst zwei neue klassische Schönheiten unter Vertrag genommen hat: Charlott Cordes und Franziska Frank seien Hamburgerinnen, wie man sie sich vorstelle. „Und die sehen keineswegs langweilig aus.“ Der Trend zum Speziellen sei aber unverkennbar - „sofern die Mädchen fotogen sind“. Es gebe, sagt auch Louisa von Minckwitz, „gewisse Eckdaten, und die muß jede haben, die Model werden will“. Wer kleiner ist als 1,78 Meter, einen Hüftumfang von mehr als 87 Zentimeter hat, älter ist als achtzehn oder keine reine Haut hat, kann die Idee von einer Karriere als Model für große Kampagnen gleich vergessen.
Insofern bedeutet die Diversifizierung des Marktes auch nicht, daß auf den Laufstegen jetzt alles Erfolg hat. Sichtbar wird dort allerdings die eine oder andere, die im Urteil der meisten Menschen auf der ganzen Welt als „kraß“ gelte. Zwar gebe es verschiedene Schönheitstypen, sagt Attraktivitätsforscher Henss: die kühle Nordische, den Vamp, das Engelchen, die Exotische. Über alle Kulturen hinweg herrsche aber Konsens darüber, was Schönheit sei: „Als schön wird empfunden, was sexuelle Reife und Kompetenz suggeriert.“
So kann sich die Masse der Durchschnittsgeschmäckler immerhin auf die Evolutionsbiologie berufen. Henss zählt Merkmale auf, die den Wunsch auslösen, sich jemandem zu nähern: Proportionalität im Sinne der „Nicht-zu-Regel“ - und alles, was Gesundheit, Jugendlichkeit sowie entweder Männlichkeit oder Weiblichkeit ausstrahle. Für die mageren, oft alterslos und knabenhaft erscheinenden Geschöpfe auf den Modenschauen gilt oft keines dieser Kriterien. Mode auf höchstem Laufstegniveau will Kunst sein. Und Kunst ist ja auch nicht immer schön.
Florentine Fritzen Jahrgang 1976, Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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