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Freitag, 10. Februar 2012
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Modelalltag 90–60–94, aber leider zu dick

26.02.2008 ·  Ab diesem Donnerstag werden bei „Germany's Next Topmodel“ wieder Hoffnungen geweckt und Träume zerstört. Doch Models können auch auf normalem Weg anfangen. Wie zum Beispiel Henry. Um ganz oben anzukommen, steht sie aber immer wieder vor einer scheinbar unüberwindbaren Hürde.

Von Marco Dettweiler
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Henrike wird vor dem Fernseher sitzen und sich die dritte Staffel von „Germany’s Next Topmodel“ anschauen. Sie selbst hätte sicherlich gute Chancen, bei Heidi Klums Casting-Show ins Finale zu kommen. Die Neunzehnjährige hat ein ebenmäßiges, hübsches Gesicht mit vollen Lippen und braun-grünen Augen, ihre sehr schlanke und dennoch weibliche Figur dürfte der Jury und den meisten Zuschauern gefallen. Ebenso weiß sie, wie sie sich vor der Kamera zu präsentieren hat. Doch Henrike Harasymir hat sich für die deutsche Topmodel-Suche noch nie beworben. Sie braucht es auch nicht. Sie ist schon ein Model.

Ihre Agentur in Berlin sieht Fernseh-Casting-Shows skeptisch. Mädchen mit Model-Potential könnten doch viel leichter an „offenen Castings“ teilnehmen, sagt Melanie Constein, Henrikes Bookerin bei der Agentur Viva-Models. Dienstag nachmittags stehe für ein paar Stunden bei ihnen die Tür offen, damit man sich bewerben könne. Die Agentur würde die Tür schnell wieder verschließen, wenn nur ein Zehntel der Bewerberinnen der Topmodel-Fernsehshow anklopfen würde: 18 200 Mädchen hatten sich für die dritte Staffel beworben.

„Irgendwie entfernt und entrückt“

Melanie Constein, die einen sofort beim Vornamen nennt, aber siezt, hat nichts von der aufgesetzten Strenge einer Heidi oder der entfesselten Emotionalität eines Bruce. In ihrem stylishen schwarzen Outfit und mit ihrem braven Kurzhaarschnitt macht sie den Eindruck, als könnten die abgelehnten Mädchen und Jungen wieder mit Würde und ohne verheultes Gesicht nach Hause fahren. An „Germany’s Next Topmodel“ teilzunehmen sei eventuell sogar hinderlich für die Karriere: „Die Models werden bei der Show häufig bloßgestellt.“ Peinliche Situationen wie miserable Schauspieleinlagen, Heulanfälle oder Zickenkrieg vor einem Millionenpublikum könnten künftige Kunden abschrecken. Schließlich sollen Models „irgendwie entfernt und entrückt“ sein.

Der Sitz der Agentur ist für die ikonenhafte Stilisierung eines Models genau der richtige Ort: direkt am Hackschen Markt im Berliner Szene-Viertel Mitte. Vom zweiten Stock des neuen Gebäudes mit durchgängiger Glasfassade blicken die Mitarbeiter direkt auf die Straßenkreuzung, an der die Touristendichte und das Ich-bin-schön-Bewusstsein der Hauptstadt wohl am stärksten ausgeprägt sind. Hier ist die geeignete Umgebung, die Auserwählten auf Modezentren wie Paris, Mailand, Madrid oder London vorzubereiten.

„Die Hüfte ist das Problem!“

Natürlich möchte auch Henrike am liebsten dorthin. Die ersten Schritte hat sie bereits getan. Von dem idyllischen Dorf Dolgen in der Nähe von Hannover fuhr sie vor einem Jahr nach Wolfsburg und Laatzen, um bei Model-Castings teilzunehmen. Sie gewann beide Wettbewerbe. „Der Anfang hat geklappt“, sagt Henrike und schiebt ihre dunkelblonden Haare zur Seite. Sie will nun unbedingt weiterkommen. Ob es reicht? Ohne eitle Zurückhaltung sagt sie: „Die Hüfte ist das Problem!“ Man schaut auf ihre Figur, auf den Bund ihrer Jeans. Das kann sie eigentlich nicht ernst meinen. Doch sie legt nach: „In Paris hat man mir gesagt: Du bist zu dick.“ Die Standardmaße für Models seien, rein numerisch, noch immer 90–60–90. Als sie sich in Hamburg bei einer Agentur vorstellte, schickte man sie wieder nach Hause. „Wenn du an der Hüfte abnimmst, arbeiten wir mit dir. Vorher nicht.“ Es ging um vier Zentimeter Umfang.

Für ihre Bookerin Melanie ist die Hüfte ihrer Entdeckung kein Problem. Henry, wie sie in der Agentur genannt wird, solle sich bloß nicht „runterhungern“, sagt sie besorgt in leicht mütterlichem Duktus. „Die Schauen sind nur ein Teil des Geschäfts.“ Melanie weiß aber auch, dass Henry wohl nie in den Mode-Olymp aufsteigen kann. Vor allem in Paris gilt immer noch als Maß aller Models 90–60–90. Oder eben noch weniger. Die strikte Ablehnung anderer Körpermaße hat offensichtlich einen einfachen Grund. Die Designer schneidern ihre Kollektionen genau auf diese Größe. Wenn Prada, Jil Sander, Etro oder Armani Models buchen, wollen sie kein Risiko eingehen. Dabei nehmen die Modemacher immer mehr von den Idealmaßen Abstand – in Richtung mager. Auf den Haute-Couture- oder Prêt-à-porter-Schauen sehen die Gäste selten frauliche Kurven und häufig knochigen Unterbau. Das Aussehen muss nicht unbedingt das Ergebnis einer Radikaldiät sein, sondern ergibt sich häufig altersbedingt. „Für Schauen werden sehr junge Models eingesetzt“, sagt Bookerin Melanie. „Ab 15 Jahren geht’s da schon los.“

„Dieses Jahr warte ich noch ab“

Henrike war 18 Jahre alt, als sie bei ihrer ersten Bewerbung bei der Hamburger Agentur die Bedingung akzeptierte, dass sie an der Hüfte abnehmen müsse. Apfel mit Naturjoghurt war damals ihre Hauptmahlzeit, lange Läufe durch das niedersächsische Flachland ihre Nebenbeschäftigung. Immer wieder bekam sie Kontrollanrufe von der Agentur: „Wie viel hast du denn schon abgenommen?“ Nach zwei Monaten am Ziel angekommen, wog sie fünf Kilo weniger, das Maßband stoppte nun bei etwas über 90 Zentimetern. Die Laufstege in Paris, Mailand oder London rückten näher, aber die letzten Zentimeter wird Henrike wohl nie schaffen. „Man verliert die Lebenslust, wenn man sich so herunterhungert“, sagt die Neunzehnjährige, während sie heiße Schokolade trinkt und Käse-Kirsch-Kuchen isst. Dass dadurch auch ein Lebenstraum verloren gehen könnte, ist ihr klar. „Ich bin realistisch“, sagt sie mit einer leichten Note Resignation und setzt sich selbst eine Frist. „Dieses Jahr warte ich noch ab.“

Anderen Mädchen von Viva-Models, die den Sprung auf den Laufsteg in den Mode-Metropolen geschafft haben, bleibt kaum Zeit, um über ihr Leben nachzudenken. „Wenn es gut läuft, haben einige unserer Models, ein paar Jobs pro Woche“, sagt Melanie. Dann kommt sie mit dem Vermitteln kaum hinterher. Manchmal laufen die Mädchen mehrere Schauen täglich, jetten für ein paar Wochen nach Kapstadt, weil dort gerade das beste Licht des Jahres für die Fotografen vom Himmel fällt, um schnell wieder unter die Dächer Berlins zurückzukehren, weil dort die Fashion Week die Haupt- auch zur Modestadt machen soll. Die Macher von „Germany’s Next Topmodel“ versuchen diesen Druck und Stress mit ihren Aufgaben zu simulieren. „Das ist auch realistisch“, sagt Melanie. Jedoch nur für wenige der etwa 120 Mädchen, die Viva-Models unter Vertrag hat. Die Kriterien, nach denen ein Model beurteilt wird, kann Melanie nicht genau angeben: „Man sucht einen Typ, der sich von anderen unterscheidet.“ Hübsch zu sein alleine reiche nicht. Ausdruck sei enorm wichtig, sagt sie. Das Wort werden auch die Kandidatinnen bei Germany’s Next Topmodel wieder häufig von der Jury hören.

Letztlich entscheiden die Kunden der Agenturen, welches Model ein Typ ist – und vielleicht eine Ikone wie Kate Moss, Claudia Schiffer oder Naomi Campbell werden kann. Auf Henrike wurde Anfang Februar ein bekanntes Unterwäsche-Label aufmerksam. Die Dessous-Marke buchte sie für die Berliner Fashion Week. Über ein Dutzend Mädchen zeigten wenig Stoff und viel Haut. Henrike freute sich über ihre erste Buchung. Der Tag war stressig, die Show etwas chaotisch und für die Party danach keine Kraft mehr da. Darüber, dass sie ausgerechnet für ein Dessous-Label ihren ersten richtigen Job machen musste, wunderte sie sich nicht. „Die haben mich bestimmt wegen meiner Figur ausgesucht. Wenn Dessous vorgeführt werden, wollen die Leute schon noch gute Figuren mit fraulichen Kurven sehen.“

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