Die Paravents im Atelier von Maje in Paris sollen nicht vor fremden Blicken schützen. Dahinter hängt die neue Kollektion der Marke für das kommende Frühjahr bereit, und wer diese sehen will, dem stehen sie nicht im Weg. Völlig Fremden gewähren sie Zutritt. Die Paravents sollen vor ganz anderen Blicken schützen, vor allzu bekannten. Man könnte sie deshalb auch durch ein Schild ersetzen. Eines, wie es Teenager gerne von außen an ihre Zimmertüren heften. „Kein Zutritt für die eigene Schwester“ wollen die Paravents sagen.
“Niemals“, sagt Judith Milgrom, Chefdesignerin und Gründerin von Maje, entschieden. Ihre Schwester darf die Kollektion nicht sehen, bevor sie in den Läden hängt. Judith Milgrom reibt sich die Augen und lässt sich auf einen Stuhl in einem winzigen Konferenzzimmer fallen. Draußen auf den Fluren verabschieden sich jetzt, am Ende der Pariser Modewoche, die letzten Einkäufer. Die Designerin sieht müde aus. Dennoch, ihre Stimme klingt entschlossen. „Wir stehen in gesunder Rivalität zueinander. So gibt jeder sein Bestes.“
„Paris ermöglicht es uns, über uns hinauszuwachsen“
Judith Milgrom und ihre Schwester Evelyne Chétrite könnten die Klitschko-Brüder der Pariser Mode sein - jede unterhält ihr eigenes Label: Milgrom, mit 48 Jahren die jüngere Schwester, entwirft für Maje im zweiten Pariser Arrondissement ein bisschen klassischer, Chétrite, die fünf Jahre älter ist, für Sandro im dritten ein bisschen rockiger. Milgrom ist ein bisschen schüchterner, Chétrite ein bisschen lebendiger, Milgrom ist einen Kopf kleiner als die Schwester. Wie die Klitschkos spielen sie mit ihren Marken in derselben Gewichtsklasse, in der Contemporary Fashion. Nur, anders als die Box-Brüder, treten sie darin durchaus gegeneinander an.
Das zeigen schon die Paravents, die Maje vor Sandro schützen und Sandro vor Maje, Marken, die in Krisenzeiten wie diesen besonders zeitgemäß sind, weil sie eine Stufe unter den Prêt-à-porter-Häusern angesiedelt sind. So kann man zum Beispiel in dem Kleid für 200 Euro einen U-Bahn-Schacht hinabsteigen und dabei noch immer Pariser Mode tragen. Ihr Standort ist eine Art Gütesiegel und ein guter Teil der halben Miete für den Erfolg. „Paris ist ein wichtiger Bezugspunkt in der Mode, der es uns ermöglicht, über uns hinauszuwachsen“, sagt auch Evelyne Chétrite.
Die Designerin spricht Französisch. Dabei sei Deutsch doch praktisch Chétrites zweite Sprache, sagt die jüngere Schwester Judith Milgrom herausfordernd. Man könne mit ihrer älteren Schwester ruhig Deutsch sprechen. Also? „Meine Schwester hat wirklich eine Gabe dafür, mich in schwierige Situationen zu bringen“, antwortet Chétrite. „Ich habe gerade mal ein Jahr lang in der Schule Deutsch gelernt, und das weiß sie genau. Ich kann danke schön sagen, das war’s.“
„In Marokko war alles bunter und fröhlich“
Selbst die Paravents verhindern also nicht, dass bei Maje und Sandro das Private zum Geschäft gehört. Das trägt die eine Marke sogar im Namen. „M steht für meinen Mädchennamen Moyal“, beginnt Milgrom zu buchstabieren. „A steht für meinen Bruder Alain, J für Judith und E für meine Schwester Evelyne.“ Auch in ihren Atelierräumen im Pariser Stadtteil Sentier dürfte sich Milgrom zu Hause fühlen, schließlich war sie in dieser Gegend wirklich mal daheim. Zur Geschichte der Klitschkos von Paris gehört auch ein Aufstieg, und der trägt sich vor allem hier in Sentier zu, der Nachbarschaft in der Fremde vieler Einwandererfamilien.
Im Alter von zehn Jahren steigt Judith zum ersten Mal in ihrem Leben in ein Flugzeug, das sie nach Paris bringen soll. Das Flugzeug wartet auf sie, ihre sechs Geschwister und die Eltern in Marokko, wo sie bis dahin aufgewachsen ist. „Ich musste mein Heimatland von einem Tag auf den anderen verlassen.“ Die Familie hat in Marokko kein schlechtes Leben und hofft gleichzeitig auf die Freiheit für die Kinder in Westeuropa. Die schauen zu der Zeit jedoch lieber zurück in die Vergangenheit. „In Marokko war alles bunter und fröhlich. Man brauchte viel weniger, um glücklich zu sein. Das Leben war unbeschwerter“, erinnert sich Evelyne, die im Jahr des Aufbruchs schon 15 ist. Die Schwestern verstehen nicht, warum die Familie überhaupt gehen muss, die Eltern erklären ihnen wenig.
Dann lernt sie Didier Chétrite kennen
Auch Jahre später fühlt sich Evelyne in Paris noch nicht zu Hause. Ihre Mutter beginnt als Friseurin zu arbeiten, der Vater hat ein Restaurant. Intuitiv imponieren Evelyne die großen Kaufhäuser, und damit meint sie weder die gute Auswahl noch die geräumigen Umkleidekabinen, sondern die Schaufenster. Sie verbringt ihre Zeit damit, sich die Auslagen von Printemps am Boulevard Haussmann durch die Glasscheiben hindurch anzuschauen. Es fasziniert sie, wie sich die Kollektionen von Saison zu Saison verändern und dennoch einem verlässlichen Muster folgen. Der Glanz aber bleibt hinter Glas, denn ein paar Metro-Stationen weiter, wo sie wohnt, sieht die Welt anders aus. „Ich musste die Schwere des neuen Lebens meiner Eltern tragen.“ Einer ihrer Brüder leidet unter einer Behinderung und stirbt im Alter von 24 Jahren.
Französische Produkte finden kaum den Weg über die Türschwelle der Pariser Familienwohnung. „Wir haben nichts gekauft. Keine Kleidung, kein Brot, gar nichts“, sagt Judith. Alles wird in Heimarbeit produziert, die Familie ist ihr eigenes Kaufhaus. Das Kind weiß nicht, was eine Bäckerei ist. Als sie es doch herausfindet und einen Kuchen mitbringt, hängt der Haussegen schief.
Dennoch sollen die Kinder anders leben, als es die Eltern kennen. Die Mutter wünscht sich, dass aus ihnen Ärzte werden oder Anwälte. Evelyne beginnt daraufhin, Jura zu studieren. „Meine Mutter hat in ihrem Leben so viel Mut bewiesen, da wollte ich ihr den Gefallen tun.“ Aber wenn die Tochter nach der Schule oder nach der Uni nach Hause kommt, setzt sie sich an ihre Nähmaschine, wie sie es von der Tante aus Marokko kennt. Am Wochenende arbeitet sie auf Flohmärkten und in einer Boutique in Saint-Germain. Dann lernt sie Didier Chétrite kennen, der schon in der Mode arbeitet. Mit 19 Jahren heiratet sie ihn, mit 20 bekommt sie ihr erstes Kind, wenig später gründen sie gemeinsam Sandro. Das Mädchen, das zuvor in seiner Freizeit für die Familie genäht hat, versorgt von Mitte der achtziger Jahre an die Franzosen mit seiner Mode.
„Ich bin nicht mehr 20, aber ich ziehe mich so an“
Die jüngere Schwester überlegt indessen, Fotografin zu werden. Mit 17 arbeitet sie als Sommeraushilfe im Atelier der Schwester. Sie geht noch zur Schule. Bis dahin. „Ich bin nach dem Sommer einfach bei Sandro geblieben.“ Für die Schule hat sie zu wenig Atem, für die Arbeit im Atelier aber genau die richtige Energie. Also entwerfen die zwei Schwestern dort jahrelang Seite an Seite, ohne dass die kleine aufhören kann, der großen von ihren Plänen für die Selbständigkeit zu erzählen.
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„Ich wusste genau, was ich wollte“, sagt Milgrom. Eine Marke, die einen gerade nicht von Kopf bis Fuß einkleidet, die sich gut mit anderen kombinieren lässt, also eine gewisse Klassik hat, ohne dabei langweilig zu sein. Der Preis soll nicht die größte Rolle spielen, das Alter gar keine. „Die Frau, die ich kleide, ist 20 Jahre alt - im Kopf“, sagt Milgrom. „Ich bin nicht mehr 20, aber ich ziehe mich so an. Und meine Mutter, die über 60 ist, trägt das auch. Auch so bleibt man jung.“
Marken wie Maje sehen heute, wenigstens wenn sie im Geschäft hängen, so aus, als sollten sie wie stoffgewordene Anti-Aging-Präparate auch Frauen gefallen, die keine jungen Dinger mehr sind. Vielleicht sind diese Labels gerade deshalb in Zeiten, in denen sich ältere Frauen jünger kleiden als je zuvor, so erfolgreich. Für dieses Vorhaben verlässt Milgrom also im Jahr 1998 das Label der Schwester - um dann bei der neuen Marke mit ihrem Bruder zusammenzuarbeiten.
Etwa 400 Boutiquen weltweit
Die Familie scheint den sozialen Aufstieg wirklich mit der Räuberleiter zu bewältigen: Als der Bruder die Marke Maje vor zwei Jahren endgültig verlässt, schließen sich die beiden Schwestern in strategischen Angelegenheiten zur SMCP Group zusammen. Mit dem Luxuskonzern LVMH im Rücken, dem 51 Prozent der Marken gehören, laufen die Geschäfte in der Tat gut.
Zusammen unterhalten Maje und Sandro mittlerweile über 400 Boutiquen und Shop-in-Shops weltweit, darunter seit vergangenem Herbst Geschäfte in New York; seit drei Monaten hängen die Marken in Deutschland in sieben Karstadt-Filialen, und seit sechs Wochen gibt es einen Sandro-Laden in Hongkong. Kreativ arbeitet jeder weiter streng für sich. Die Paravents im Atelier von Maje stehen also durchaus mit Recht dort - es sei denn, es geht um Claudie Pierlot, eine dritte Marke, die beide Schwestern gemeinsam entwerfen.
LVMH plant, seine Anteile jetzt nach zwei Jahren wieder zu verkaufen. Galeries Lafayette könnte Interesse haben. Ob das wirklich stimmt, wissen höchstens die Schwestern. „Tut mir leid, das kann ich Ihnen nicht sagen“, so Chétrite. Manche Dinge sind eben doch privat.