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Modelabel c.neeon „Wir sind so deutsch“

25.09.2006 ·  Auf der Londoner Fashion Week überraschte das junge Berliner Modelabel c.neeon mit ungewöhnlichen Stoffen und Entwürfen. Als einzige Deutsche vor Ort nutzte das Designer-Duo dabei seinen Außenseiter-Status geschickt aus.

Von Florentine Fritzen
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Die Augenbrauen zupfen sich Doreen Schulz und Clara Kraetsch nicht. Das unterscheidet die beiden von so ziemlich allen anderen Frauen im zweistöckigen Ausstellungszelt vor dem Natural History Museum. Doreen ist 30 und stammt aus Thüringen, die 31 Jahre alte Clara aus Berlin. Eben haben sie auf der Londoner Fashion Week ihre Entwürfe für Frühling und Sommer 2007 über den Laufsteg geschickt. Ihr Label c.neeon entsteht in Berlin, in einem Atelier in Lichtenberg.

Clara und Doreen sind die einzigen Deutschen unter den 49 Designern, die in der vergangenen Woche in London ihre Kollektionen vorstellten. Es ist üblich, daß sich die Modeschöpfer am Ende eines jeden Defilees den Besuchern zeigen, je nach Temperament triumphal über den Laufsteg schreiten und sich von Publikum und Models beklatschen lassen - oder aber wenigstens einen schnellen Handkuß werfen und sich verbeugen. Die erste Variante wählte diesmal etwa der Modeschöpfer Paul Smith, für die zweite entschied sich zum Beispiel die Designerin Bella Freud, Urenkelin des Psychoanalytikers Sigmund Freud, die es übernommen hat, die Marke Biba wiederzubeleben, jenes englische Kult-Label der sechziger und frühen siebziger Jahre.

Als aber die c.neeon-Schau im Zelt des British Fashion Council vor dem Naturkundemuseum endet, applaudieren die Zuschauer ins Leere. „Rike wollte, daß wir diesmal rauskommen“, berichtet Clara. Rike Döpp, ebenfalls um die Dreißig, ungeschminkt wie Clara und Doreen, macht die Öffentlichkeitsarbeit für c.neeon. „Aber“, fährt Clara fort, „in dem Moment will man sich lieber verstecken.“ Doreen ergänzt: „Man ist auch wahnsinnig müde.“ Dann wieder Clara: „Außerdem, wenn es die Entwürfe nicht rübergebracht haben - dann weiß ich auch nicht.“ Die Entwürfe aber bringen es rüber. Im vergangenen Jahr gewann c.neeon den großen Preis des Internationalen Mode-Festivals in Hyères; dieser Tage ging eine c.neeon-Ausstellung im Kunstgewerbemuseum Berlin zu Ende.

„New Generation Designers“

Jetzt sitzen die beiden erschöpft im Ausstellungszelt, in dem mehr als zweihundert Designer ihre Stände aufgebaut haben. Vor der Schau konnten sie nur einmal proben. Der Laufsteg war von der Biba-Schau am Vorabend noch lila eingefärbt, mußte hastig weiß gestrichen werden - und erst einmal trocknen. Das „C“ in „c.neeon“ steht für „Clara“; „Neeon“ war das klägliche Ergebnis, als Doreens jüngere Schwester im Kleinkindalter versuchte, den Namen der Großen auszusprechen. Unter den von der englischen Bekleidungskette „Topshop“ gesponserten „New Generation Designers“ - die also nicht selbst dafür aufkommen müssen, in London zeigen zu dürfen - sind die Deutschen die einzigen, die nicht in Großbritannien studiert haben. Sondern an der Kunsthochschule Weißensee, wo sie sich 2001 kennengelernt haben. Einmal sagt Clara: „Daß wir immer so auf das Ganze gucken, das kommt vielleicht daher, daß wir von der Kunsthochschule kommen. Das Bauhausprinzip zielt ja auch darauf, daß man ein Kunstwerk von allen Seiten betrachten können muß.“

Ihre Entwürfe haben etwas streng Ästhetisches, im guten Sinn Akademisches. Wenn sie über ihre Mode sprechen, spulen sie nicht eingeschliffene Worthülsen ab, wie es viele Designer tun - häufig aus Unfähigkeit, die eigene Arbeit zu interpretieren. Doreen und Clara verfertigen ihre Gedanken beim Sprechen. Wenn eine Aussage im Kopf noch nicht präzise genug gezimmert ist, halten sie inne. Überlegen. Sprechen weiter.

Daß es Kleidung von c.neeon zum Beispiel in den Berliner Galeries Lafayette zu kaufen gibt und daß das Label auch in Japan hervorragend läuft, ist von Rike zu erfahren. Clara und Doreen sprechen über Stoffe und Entwürfe. Darüber, daß die Muster größer sind als die Rapporte, so daß jede Stoffbahn anders bedruckt werde. Schütteln den Kopf darüber, daß am Morgen eine Frau sagte, ihre Farben sähen nach DDR aus. So wollen sie sich nicht festlegen lassen. Klar seien die Farben abgetönt, und ja, es sei viel Ocker und Braun dabei. Aber sie wollen sich kein Ost-Etikett aufkleben lassen. Clara stammt aus West-Berlin.

Mode für Individualisten

Beide interessiert die Spannung zwischen Heimat und Fremde. Das Kennzeichen von Doreens rotem Golf zwei lautet GRZ-VK 59, obwohl sie seit zehn Jahren in Berlin lebt. „In Berlin ist man nie sicher, ob man angekommen ist.“ Oft macht sie sich auf den Weg in den ostthüringischen Landkreis Greinz. c.neeon bedruckt nach wie vor einen Teil der Stoffe bei Doreens Eltern. Die Marke steht für Stoffreichtum. „Ich mag es, mit großen Schnitten anzufangen und sie durch Falten und Gürtel an den Körper heranzuholen“, sagt Doreen. Die früheren Kollektionen waren zwar noch üppiger, aber auch die Teile für den kommenden Sommer zeigen viel Oberfläche. Manches sieht nach Origami aus, anderes wird gestaucht oder zum Pluder-Look aufgeblasen. Zahlreiche Oberteile haben Kapuzen oder Schulterüberwürfe. Die Röcke sind mehrschichtig, eine Hose sieht aus wie ein Vampirumhang für die Beine. Fast unter jedem Kleid tragen die Models Leggings, als Strumpfersatz: „Das Outfit soll nicht am Knie aufhören.“

Wenn die beiden darüber sprechen, daß sie absichtlich ganz unterschiedliche Models nehmen - große, kleine, dünne, kräftige -, dann ist das keine Reaktion auf die in diesen Tagen hysterisch geführte Debatte über untergewichtige Mädchen auf den Laufstegen, zu der auch die Designer in London immer wieder Stellung nehmen mußten. Doreen und Clara gehen überhaupt nicht auf die Diskussion ein. Trotzdem ist ihre Schau eine Antwort auf die Debatte: „Wir wollen Mode für den einzelnen Menschen machen.“

Obwohl es auf der Fashion Week um Frauenmode ging, liefen bei c.neeon auch Männer. Denn viele Entwürfe haben einen Unisex-Look. Den rothaarigen Erik hat Clara im Bus angesprochen. „Da habe ich extra noch Doreen angerufen, um zu fragen: Kann ich das machen, oder denkt der dann, das ist eine dumme Anmache?“

„Anders als die Engländer“

Beide haben sich etwas Kindliches bewahrt. Treuherzig erzählen sie, daß sie sich diesmal schon viel besser in London zurechtfinden als zuvor, weil sie jetzt wissen, welche U-Bahn wo abfährt. Fragt man, wie sie das geschafft haben, auf der Fashion Week zu zeigen, und das schon zum dritten Mal, sagen sie bescheiden: „Wir machen andere Sachen als die Engländer, keine Abendmode, mehr Streetwear. Und wir sind verläßlich, wir sind so deutsch.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.09.2006, Nr. 38 / Seite 63
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Jahrgang 1976, Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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