Home
http://www.faz.net/-gut-xvhb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Modedesign Haute Couture und Frittenfett

03.05.2010 ·  In einem Viertel, in dem Schwarzmarkt und Drogenhandel boomen, hat die Stadt Paris zwölf jungen Modedesignern die Chance gegeben, sich jenseits der großen Modehäuser einen Namen zu machen - mit rasch wachsendem Erfolg.

Von Julia Rosch, Paris
Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (0)

Der Boulevard de Barbès schlägt eine Kerbe durch das 18. Pariser Arrondissement. Auf der einen Seite liegt der Touristenmagnet Montmartre. Auf der anderen Seite führen steile Treppen hinab in eine Welt, in der Bäckereien und Tabakläden nach und nach afrikanischen Lebensmittelläden und aufdringlich blinkenden Handyshops weichen. Anstelle von Akkordeonisten und Porträtmalern säumen schlaksige Männer in schwarzen Lederjacken die Straßenränder. Mit kehligen Stimmen raunen sie: „Marrrlboro, Marrrlboro, Marrrlboro“ und strecken den Passanten Zigarettenschachteln entgegen.

Abgesehen vom Billigkaufhaus Tati gibt es kaum Sehenswertes in Barbès, benannt nach dem Boulevard, der das Viertel in zwei Welten teilt. Sakina M'Sa stört das wenig. Seit sechs Jahren entwirft und produziert die von den Komoren stammende Modedesignerin hier die Kollektionen der nach ihr benannten Marke. Der schlechte Ruf, der dem Viertel ebenso anhaftet wie der intensive Geruch nach Frittiertem, ist für die Siebenunddreißigjährige eine Herausforderung. „Als Modemacherin und Künstlerin habe ich mich immer wieder gefragt, was ich eigentlich für die Gesellschaft tun kann“, sagt sie und bestellt frischen Minztee in einer Bar, einige Meter von ihrem Atelier entfernt.

Jenseits der großen Modehäuser etablieren

Weil die Stadt Paris die Gegend aufwerten und jungen Modemachern die Chance geben wollte, sich jenseits der großen Modehäuser zu etablieren, hat sie vor neun Jahren in der Rue des Gardes umweit des Boulevards de Barbès die „Rue de la mode“ gegründet. Rund ein Dutzend junger Designer sollte hier die Möglichkeit bekommen, Ateliers und Verkaufsräume zu mieten - zu günstigen Konditionen: Der Quadratmeter kostet im Jahr gerade mal sechzig Euro. Dafür arbeitet man eben nicht im schick-alternativen Marais in unmittelbarer Nähe zum Centre Pompidou oder im bourgeoisen Passy nahe den Champs-Elysées, sondern in direkter Nachbarschaft mit Kebapverkäufern und Koranschule.

Dass weder der puristische Stil ihrer Entwürfe noch die gehobenen Verkaufspreise, die irgendwo zwischen 200 und 2000 Euro liegen, zum Viertel passen, sei ihr durchaus bewusst, sagt M'Sa und lässt ihre dunkelbraunen Locken mit einem energischen Kopfnicken auf und nieder wippen. Die Tochter zweier Einwanderer, die im Alter von sieben Jahren und ohne ein Wort Französisch zu sprechen von den Komoren nach Marseille kam, kennt sich aus mit Gegensätzen: In einfachen Verhältnissen aufgewachsen, wollte sie schon als Jugendliche Modedesignerin werden. Dank eines Stipendiums konnte sie die Modeschule von Marseille besuchen und konnte es vermeiden, als Verkäuferin in einer mittelmäßigen Boutique zu enden. Heute will sie beweisen, dass hochwertige Mode auch inmitten eines Arbeitermilieus entstehen kann. 2006 hat sie darum den Verein Daïka gegründet. In Kooperation mit anderen Modemachern bildet er Langzeitarbeitslose zu Schneidern aus - mit dem Ziel, wieder im Berufsleben Fuß zu fassen. „Ich möchte dem Viertel etwas zurückgeben“, erklärt M'Sa ihr Engagement, „und die Bewohner an meiner Arbeit teilhaben lassen.“ In ihrem Atelier beschäftigt sie drei Schneiderinnen aus Barbès, die sie selbst ausgebildet hat. 2009 hat das französische Arbeitsministerium ihre Marke darum als Unternehmen zur Wiedereingliederung Arbeitsloser anerkannt.

Viel Laufkundschaft kommt nicht nach Barbès

Wenige Schritte von Sakina M'Sas Werkstatt und Showroom entfernt klimpern bei offener Tür einige Windspiele vor sich hin. Es ist wenig los in der Boutique von Marcia de Carvalho; viel Laufkundschaft kommt nicht nach Barbès. Seit acht Jahren verkauft und entwirft die Brasilianerin ihre knallbunten Kreationen an der „Rue de la mode“. Stoffe und Inspirationen für ihre Entwürfe bringt sie aus Brasilien mit. „Ich verarbeite vor allem Spitze und bestickte Stoffe, die in meiner Heimat große Tradition haben“, sagt die Fünfundvierzigjährige und wendet sich einigen Teenagern zu, die im hinteren Teil des Ladens an einem großen Holztisch sitzen. Konzentriert beugen sie ihre Köpfe über Stoffreste, aus denen sie Blütenbroschen nähen. Rund dreißig Schüler absolvieren jedes Jahr bei Marcia de Carvalho ein Praktikum und lernen erste Nähtechniken. Dafür arbeitet die Mutter zweier Kinder, die neben dem Modediplom noch ein Soziologiestudium in der Tasche hat, eng mit den Schulen aus dem Quartier zusammen. „Barbès hat zwar nicht den besten Ruf, aber schlechte Erfahrungen habe ich noch nie gemacht“, sagt sie mit einem warmen, portugiesischen Akzent, den sie auch nach 23 Jahren in Frankreich noch nicht abgelegt hat.

„Man muss die Menschen hier einfach akzeptieren, wie sie sind!“, sagt Sakina M'Sa. Ein viel größeres Problem sei die fehlende Laufkundschaft, denn die Frauen aus dem Viertel blieben lieber ihren farbenfrohen afrikanischen Gewändern oder den bunten Kopftüchern treu. Weil sich zahlungskräftige japanische Touristen und Fashion Victims nur selten in die kleine Straße im 18. Arrondissement verirren, verkauft M'Sa ihre Kollektionen vorrangig über das Internet und auf Messen. Das funktioniert so gut, dass sie mittlerweile sogar Kundinnen in Japan und Russland hat.

Savoir faire à la Parisienne

Die Designerin hat sich in der Modeszene einen Namen gemacht. Heute ist sie so gefragt, dass Schauspielerinnen wie Eva Mendes und Ludivine Sagnier ihre Entwürfe auf den roten Teppichen in Paris oder Hollywood tragen. „Die Leute kennen meine Marke“, sagt M'Sa, und es ist schwer zu erkennen, was in diesem Moment mehr strahlt: ihre braunen Augen oder die knallrot geschminkten Lippen. Dennoch ist der Erfolg für die zierliche Frau keineswegs selbstverständlich. Im Alter von 19 Jahren kam sie von der südfranzösischen Provinz nach Paris und musste sich einige Jahre mit Nähkursen und Kunstprojekten über Wasser halten. Der Durchbruch folgte 2001, als eine Einkäuferin der Galeries Lafayette sie bat, einige Stücke für das Nobelkaufhaus zu entwerfen.

Das typische savoir faire à la Parisienne stehe im Zentrum ihrer Arbeit, sagt Sakina M'Sa und meint damit die handwerklichen Fertigkeiten, die das Schneiderhandwerk erst zur Nähkunst machen. M'Sas Kollektionen kommen ohne viel Chichi wie Rüschen oder bunte Aufdrucke aus und haben dabei etwas Skulpturales und Formgebendes. Da werden Stoffbahnen in Falten gelegt, Muster mit Hilfe von Nähten geschaffen; all das geschieht in Handarbeit in ihrem Kelleratelier in Barbès. „Ich produziere zwar in Serie, trotzdem ist jedes Teil ein Einzelstück - made in France.“

Sakina M'Sa setzt weiterhin auf Barbès

Bei Marcia de Carvalho packen die Schülerpraktikanten Nadel und Faden ein. Im Gegensatz zu Sakina M'Sa dominiert bei der Brasilianerin ein bunter Ethnostil; lange Kleider, bunte Strickjacken und Accessoires wie Stulpen und gehäkelte Kopfbedeckungen sind ihre Markenzeichen. „Ich entwerfe keine regelmäßigen Kollektionen, sondern erweitere mein Sortiment kontinuierlich“, sagt die Designerin mit einem Seitenblick auf die Blütenbroschen. 2009 hat sie zudem das Projekt „Verwaiste Socken“ gegründet. Dazu bat sie die Nachbarn, ihr alte Socken und Kleidungsstücke zur Verfügung zu stellen. Gemeinsam mit Frauen aus Barbès und unterstützt von Modestudenten aus Frankreich und Brasilien veranstaltet sie einmal in der Woche einen Nähkurs. Socken, Lumpen und alte Jeans nehmen hier nach und nach neue Gestalt an. Die Ergebnisse präsentieren die Frauen bei kleinen Modeschauen in der Nachbarschaft. „Das soll neuen Wind ins Viertel bringen und es attraktiver machen“, sagt de Carvalho, die 2008 eine zweite Boutique in Paris eröffnet hat. Im ungleich repräsentativeren Marais, dem Mode- und Künstlerviertel nahe dem Centre Pompidou.

Sakina M'Sa setzt weiterhin auf Barbès - vorerst, räumliche Veränderungen seien nicht ausgeschlossen. Im Winter 2010 hat sie erstmals während der Haute-Couture-Schauen in Paris ihre Kollektion präsentiert und sich in der Königsdisziplin der Modedesigner bewiesen. „Mein Kindheitstraum!“, sagt sie kurz und widmet sich ihrem ununterbrochen klingelnden iPhone. Demnächst steht eine Kooperation zwischen ihr und der Pinault-Printemps-Redoute-Gruppe an, zu der unter anderem Gucci, Yves Saint Laurent und Puma gehören. Der Abgabetermin für die Präsentation ihrer Marke sei eigentlich gestern gewesen, sagt sie mit einem entschuldigenden Lächeln und nimmt einen letzten Schluck von ihrem Minztee.

An der „Rue de la mode“ herrscht Mittagsruhe. Die Wäsche einiger Anwohner trocknet im Wind vor den Fensterbänken, und eine Gruppe von Schulkindern rennt lautstark rufend einem Ball hinterher. Zwei verschleierte Frauen tragen in großen Plastiktüten ihre Einkäufe die Straße hinauf. Die bunten Schaufenster und Auslagen der Designer würdigen sie dabei kaum eines Blickes.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel