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Mode Schaulaufen der Designer nach dem Defilee

05.10.2009 ·  Danke zu sagen ist Teil der Dramaturgie einer Modenschau. Für manche Kreateure ist es reine Pflicht. Sie blicken scheu um die Ecke, um gleich wieder zu verschwinden. Andere betrachten ihren Auftritt als Kür - wie der Brite John Galliano beweist.

Von Anke Schipp
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Die Dramaturgie einer Modenschau ist in etwa so vorhersehbar wie der Ablauf der 20-Uhr-Nachrichten. Prolog: Ankommen der Gäste, Setzen, Warten. Die Handlung: Models treten einzeln auf und wieder ab. Zum Finale marschieren alle noch einmal auf. Applaus. Epilog: Der Designer stellt sich seinem Publikum, verbeugt sich oder winkt. Ende.

Gut dreihundert Mal kann man dieses Ritual bei den Modewochen in New York, Mailand, London und Paris verfolgen, wo in diesen Tagen die Mode für den nächsten Sommer präsentiert wird. Doch für viele Designer ist der Auftritt zum Schluss eher Pflicht als Spaß. Und das, obwohl sie, anders als ein Theaterregisseur nach der Premiere, kaum Buhrufe zu erwarten haben. Das Publikum gibt sich stets wohlwollend, und nur die Seismographen unter den Designern werden wissen, wann der Applaus eine Spur zu früh aufhört, wann er aufbrausend, wann nur freundliches Standardklatschen ist. Manch einer der Modemacher, die sich mal exzentrisch, mal kapriziös geben, leidet unter Lampenfieber. Der Belgier Raf Simons etwa hat sich jahrelang gar nicht gezeigt, es existierten noch nicht mal Fotos von ihm. Bis er Kreativdirektor von Jil Sander wurde - und Farbe bekennen musste, schließlich braucht eine Marke auch ein Gesicht. Seitdem tritt er kurz auf, lächelt flüchtig, minimalistisch-karg, wie man es von einem Modehaus mit deutschem Namen erwartet.

Wie ein Kaiser schreitet Karl Lagerfeld den Laufsteg ab

Nur wenige Designer nutzen den Laufsteg tatsächlich als Bühne, auf der man sich vor seinem Publikum präsentieren kann. Neben Karl Lagerfeld gehört John Galliano zu den begabtesten Selbstdarstellern mit durchaus schauspielerischem Talent. Doch anders als Lagerfeld, der wie ein Kaiser den Laufsteg abschreitet und sich vom Volk zujubeln lässt, spielt Galliano eine Rolle. Bis ins Detail durchdacht, geprobt und inszeniert.

Freitagnachmittag in Paris, ein Zelt im Jardin des Tuileries. Das Modehaus Christian Dior präsentiert die Kollektion für Frühjahr und Sommer 2010. Eine Hommage an den Film Noir der vierziger Jahre. Applaus. Auftritt John Galliano. Der Brite trägt einen Trenchcoat mit Hut. Galliano als moderner Humphrey Bogart. Applaus. Gallianos Outfits entsprechen dem Thema seiner Kollektion, aber sie bleiben ein Geheimnis bis kurz vor der Schau. Einer allerdings ist immer eingeweiht: Klaus Stockhausen, stellvertretender Chefredakteur und Modechef der deutschen Ausgabe des Männermagazins "GQ", der seit zehn Jahren das Styling von John Galliano verantwortet.

Gallianos Auftritt als Astronaut war bisher am aufwendigsten

Lange vor dem Defilee gehen die E-Mails zwischen Paris und München hin und her; erste Briefings. "Manchmal sind sie kryptisch, aber nach zehn Jahren Arbeit für Galliano kann ich sie immer dechiffrieren", sagt Stockhausen, der früher Rockmusiker war und selbst einen unkonventionellen Stil pflegt, der mal elegant, mal rüde ist und aus einer Mischung von Designerkleidern und Flohmarktfunden besteht. Für das Galliano-Styling geht er ähnlich vor wie bei einem Shooting für sein Magazin. Das Thema ist vorgegeben, Stockhausen überlegt sich die Kleider dazu und geht auf die Suche.

Am aufwendigsten war vor drei Jahren Gallianos Auftritt als Astronaut. Eigentlich stellte man sich einen amerikanischen Raumanzug vor, wie ihn die Nasa trägt. Stockhausen fragte bei Theatern und Filmstudios an, "aber viele Anzüge sahen irgendwie nach Faschingsbedarf aus". Schließlich wurde er bei einem Filmfundus in Russland fündig: ein Kosmonautenanzug, wie sie in den Sojus-Raketen getragen wurden, schwer und unbequem. "Es dauerte ziemlich lange, das Teil Galliano überzustülpen", erinnert sich Stockhausen. Und ihn nach der Schau wieder herauszubekommen, damit er die Gratulationen entgegennehmen konnte.

Von Galliano erwählt zu werden, gilt als äußerst hohe Auszeichnung

Die Anproben beginnen immer zwei Tage vor der Schau. Stockhausen fliegt nach Paris und besorgt meist bis kurz vor dem Defilee noch Accessoires oder Klebematerial, um allzu sichtbare Logos zu verdecken. Mittlerweile gibt es viele Männermarken, die darauf hoffen, von Galliano erwählt zu werden, schließlich gilt das als äußerst hohe Auszeichnung. Trägt ein Designer eine Marke, unterstellt man ihm zu Recht einen größeren Sachverstand als irgendwelchen Prominenten aus Hollywood, die ansonsten nur Jeans und T-Shirts anhaben.

Als Galliano im Januar zur Couture-Schau als Look-a-like von Christian Dior auftrat, trug er einen Anzug von Brioni mit Herrenhut. Für das Napoleon-Outfit der Prêt-à-porter-Kollektion im März wählte Stockhausen dagegen einen Mantel aus Gallianos eigener Männerkollektion.

Drei Anrufe später war klar: kein Scherz!

Angefangen hat die Zusammenarbeit mit einem Anruf vor zehn Jahren, als Stockhausen noch Modechef des Magazins "Max" war. "Bonjour. Hier ist Valerie von Christian Dior. Monsieur Galliano möchte Sie gerne sprechen." Stockhausen glaubte an einen Scherz und legte auf, schließlich sind die Spielregeln normalerweise umgekehrt: Moderedakteur versucht Designer zu erreichen - und scheitert an vorgeschalteten PR-Mitarbeitern. Drei Anrufe später war klar: kein Scherz!

Stockhausen erfuhr später, dass die Empfehlung von Naomi Campbell kam, die er drei Jahre lang für öffentliche Auftritte gestylt hatte. Er flog nach Paris und traf sich mit Galliano. Nach zehn Minuten sagte der Designer: "Let's try it!" Nur drei Tage später fand die Schau statt, Thema Boxer. Stockhausen flog nach Hamburg, brachte eine grüne Motorcross-Lederhose aus seinem eigenen Fundus mit und kombinierte sie mit einem Kapuzenpulli, auf den er Nieten applizierte. Ein Erfolg! Seitdem hilft er Galliano, dessen Visionen umzusetzen - und den Epilog der Modenschau so zu gestalten, dass ihn keiner so schnell vergisst.

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Jahrgang 1966, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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