31.10.2006 · Echte Männer tragen Brioni. Gerhard Schröder empfing und James Bond rettete die Welt im edlen Anzug der italienischen Marke. Daß Brioni auch reiche Damen einkleidet, ist kaum bekannt. Cristina Ortiz soll das nun ändern.
Von Anke SchippMailand, Via Gesù 3. Hier residiert einer der teuersten Herrenausstatter der Welt. Das Interieur - schwere Holztische, Ledersessel, ballenweise anthrazitfarbene Stoffe - verströmt Diskretion, keine Hektik. Wer bis zu 7000 Euro für seinen Anzug zahlt, macht das nicht en passant. Kunde bei Brioni zu sein ist vergleichbar mit der Mitgliedschaft in einem noblen britischen Herrenclub, der Frauen höchstens als Besucherinnen akzeptiert.
Für Cristina Ortiz gilt das selbstverständlich nicht: Mit ihrer hellroten Löwenmähne fegt sie durch den Raum, redet schnell und denkt nicht daran, ihr Temperament zu zügeln. Ihre Aufgabe ist es, die weibliche Seite der italienischen Luxusmarke Brioni zu definieren. Und das für eine Traditionsmarke mit Hauptsitz in Rom, die seit vielen Jahrzehnten Männer einkleidet, überwiegend Politiker, Schauspieler, Vorstandsvorsitzende, Aristokraten - und natürlich James Bond. Frauen an der Seite solcher Herren spielten bislang eher eine Nebenrolle. Cristina Ortiz will sie ins Rampenlicht stellen.
Beste Stoffe für die „Brioni Woman“
Im September hat die Designerin ihre zweite Damenkollektion für Brioni präsentiert. Wie die erste besteht sie aus besten Stoffen und ist hervorragend verarbeitet - was kaum überrascht bei einem der teuersten Herrenausstatter der Welt. Was die Brioni-Frau „made by Ortiz“ besonders macht, ist etwas anderes: Sie hat Charakter. Genau das war es, was der Kollektion bislang fehlte. Als die Marke sich 2001 den Herrenanzügen Frauenkleider an die Seite stellte, entworfen von Fabio Piras, lief das eher nebenher. Mit Ortiz engagierte man im vergangenen Jahr ausdrücklich eine Frau, in der Hoffnung, daß sie sich besser in das Thema einfühlen kann. Die Designerin verfügt darüber hinaus über internationale Erfahrung, sie arbeitete bei Firmen wie Lanvin, Prada und Max Mara. Für ihre erste Herbst-Winter-Kollektion erntete sie großes Lob.
Die Frau, die „Brioni Woman“ trägt, ist aber nicht einfach nur die weibliche Version des Brioni-Mannes. „Sie ist eine intelligente Frau, die etwas zu sagen hat und auf der ganzen Welt zu Hause ist. Sie arbeitet und hat Kinder. Aber vor allem ist sie eine feminine Frau“, sagt Ortiz. Die Kollektion wird allerdings aus maskulinen Elementen konstruiert: Der Trenchcoat ist mit Samtbändern veredelt, die schlichte schwarze Hose hat einen Kummerbund, und das Smokinghemd wurde verfremdet, indem das Plastron (also das Bruststück) zu einer Jacke verarbeitet wurde.
„Ich spiele mit maskulinen Elementen“
Fast die komplette, vor allem in Schwarz gehaltene Kollektion nimmt Bezug auf die Brioni-Welt. „Ich spiele mit maskulinen Elementen, um die Verbindung zu der Männerkollektion zu zeigen. Aber eigentlich ist es eine durch und durch feminine Kollektion“, sagt Ortiz. Schon deshalb, weil sie die Taille überbetont, weil sie mehr Kleider als Hosen entworfen hat und weil ihre Stilettos so hoch sind, daß die Frau damit manchen Brioni-Mann überragen dürfte. Geschickt hat sie die Formsprache der Herrenmode mit Details aus der Dessouswelt gemischt und die Knöpfe durch Haken und Ösen ersetzt.
Tatsächlich zeigt sich vor allem an der Silhouette das wunderbar Experimentelle der Entwürfe, die sich damit von der eher konservativen Herrenlinie absetzen. Ortiz spielt mit dem Thema Volumen, sie schafft Kontraste aus Enge und Weite. Zur schmalen Hose präsentiert sie ein aufgeplustertes Hemd, das Kleid bekommt plissierte Fledermausärmel, Raglan-Ärmel runden die Schultern. Dennoch ist die Kollektion eine Gratwanderung, denn die Frage bleibt: Wieviel Mode verträgt die Brioni-Frau wirklich?
Neue Märkte in Asien im Blickfeld
„Wir sind kein Fashionlabel“, hebt Ortiz hervor. „Es ist eine Designer-Kollektion, aber es geht nicht um Trends, sondern um haltbare Entwürfe, um Formen und Qualität, um Stil“ - also das, was der Außenstehende mit Brioni verbindet. Klassisch ist auch ihre Kollektion für Frühjahr/Sommer 2007, gleichsam eine Fortführung der Winterkollektion, nur daß Schwarz durch ein sommerliches Weiß ersetzt wurde. Brioni verspricht sich einiges von der Damenkollektion. Sie soll in den nächsten fünf Jahren 25 Prozent des Gesamtumsatzes ausmachen - bisher waren es nur acht. Ähnlich wie bei dem deutschen Unternehmen Hugo Boss hofft man darauf, neue Märkte - vor allem in Asien - zu erschließen: Schließlich kaufen Männer selten etwas, das sie nicht brauchen, Frauen aber schon. Wichtiger aber noch ist der Imagetransfer: Hugo Boss hat sich erst mit der Einführung der Damenlinie als Modelabel etabliert und damit verjüngt.
Mit Cristina Ortiz könnte auch Brioni eine neue Position in der Branche erobern. Das ist um so wichtiger, als Geschäftsführer Umberto Angeloni, bislang das Gesicht der Marke, das Unternehmen verlassen wird. Er war es, der das mehr als sechzig Jahre alte Unternehmen zu einem Mythos machte, den er mit dem Satz beschrieb: „Wir sind keine Marke, wir sind ein Lebensgefühl.“ Angeloni wird schwer zu ersetzen sein. Doch mit Cristina Ortiz hat man es rechtzeitig geschafft, frischen Wind in die Schneiderateliers von Rom und Mailand und die Werkstätten in den Abruzzen zu bringen. Der Herrenclub hat die Gefahr erkannt, zu verstauben - und schließlich doch noch Frauen als Mitglieder aufgenommen.
Anke Schipp Jahrgang 1966, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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