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Mode in Paris Prêt-à-porter à la chinoise

04.10.2006 ·  Frankie Xie ist der erste Designer aus dem Reich der Mitte, der seine Mode in Paris zeigen darf. Dort firmiert der Chinese unter dem Label „Jefen“ und weiß genau, wie wichtig der Schritt auf den offiziellen Kalender ist. „Ich habe die Tür aufgestoßen“, sagt Xie.

Von Alfons Kaiser
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Die Revolution lächelt. Frankie Xie ist ein höflicher Mensch. Zur Begrüßung verbeugt er sich. Im Gespräch schlägt er die Beine übereinander. Selbst bei kniffligen Fragen hält er die in den Schoß gelegten Hände gefaltet. Die nachtblau glänzende Jacke von Dior Homme sitzt perfekt auf dem makellos weißen Hemd. Die nur leicht ausgewaschene Jeans hat er sich erst gestern im L'Eclaireur gekauft. Seine Haare hat er hochgeföhnt - da achtet man nicht so auf die Geheimratsecken. Das Lächeln preßt Pausbacken ins Gesicht des Sechsundvierzigjährigen. Leider ist es nicht so ganz einfach, mit Frankie Xie ins Gespräch zu kommen, denn er spricht weder Englisch noch Französisch. Seine wichtigsten Sprachen in Europa sind die Höflichkeit - und die Mode.

Die französische Modekammer hat das richtig verstanden. Frankie Xie ist der erste chinesische Modemacher, der es in der Geschichte des Pret-a-porter auf den offiziellen Schauenkalender geschafft hat. Mehr als 100 Defilees werden noch bis zum Wochenende gezeigt. Die großen Namen mit jahrzehntelanger Tradition nehmen die mittleren Tage ein, wenn die Journalisten und Einkäufer schon angereist und noch nicht abgereist sind: Dior, Givenchy, Yves Saint Laurent, Chanel, Hermes. Aber an den Rändern verursachen die vielen kleinen Namen Bewegung. „Am ersten Tag“, sagt Didier Grumbach, der Präsident der Modekammer, „lassen wir immer gerne neue Ausländer zu.“ Jefen - das ist der Kunstname von Frankie Xies Modelabel - durfte die Woche eröffnen. Und es gehört nicht viel Vorstellungskraft dazu, diese Schau als großen symbolischen Schritt fürs chinesische Design zu verstehen. Frankie Xie sagt es in einem Satz: „Ich habe die Tür aufgestoßen!“

Hartnäckige Freundlichkeit zahlt sich aus

Nicht daß Didier Grumbach die Tür zugehalten hätte. Aber alle anderen chinesischen Bewerber, die bei ihm vorsprechen, müssen noch warten. Wenn sich Traditionen in Titeln zeigen und Wertvorstellungen in Adressen, dann sind in dieser Woche Welten aufeinandergetroffen. Die „Federation Francaise de la Couture du Pret-a-porter des Couturiers et des Createurs de Mode“ läßt die Bewerbung der „Jefen Fashion Co. Ltd.“ zu, 5/floor, A3, No. 12, Wanda Plaza, No. 93, Jianguo Rd., Chaoyang District, Beijing, 1000022. Frankie Xie vereinigt diese Welten. Er hat fast zehn Jahre lang Erfahrungen in Japan gesammelt. Er ist auf internationale Standards vorbereitet. Und er war hartnäckig freundlich. Zwei Jahre lang fragte er nach. Im vergangenen Oktober war er während des Pret-a-porter in Paris, um das Modesystem noch besser kennenzulernen. Im Mai bekam er die Zusage. Jetzt ist China in der Mode nicht mehr nur Produktionsstandort, der Europa mit billigen Schuhen so stark überflutet, daß in dieser Woche in Brüssel über Importzölle verhandelt wird. Von nun an macht China auch in der Kreation mit, also in der selbständigen Produktion von Luxusgütern. Und Frankie Xie steht an der Spitze dieses langen Marsches nach Europa, der in der Designermode zu einer Umwälzung führen wird, wie man sie seit Jahrzehnten nicht gesehen hat.

Frankie Xie in Paris: Prêt-à-porter à la chinoise

Die Revolution kam auf leisen Sohlen. Vielleicht bemerkte Frankie Xie zum ersten Mal, daß er modisch etwas zu sagen hatte, als die chinesischen Einheitshosen, die er mit weitem Schlag versehen hatte, von der Wäscheleine gestohlen wurden. „Sogar in den dunklen Zeiten der Kulturrevolution“, sagt er, „haben junge Leute ihr Stilempfinden ausgedrückt. Viele haben ihre Uniformen verändert.“ Frankie, der als Sohn eines Professoren-Ehepaars in Hangzhou geboren wurde, studierte zunächst Textildesign, weil es Modedesign als Studienrichtung in China noch gar nicht gab. An der Fakultät gab es aber immerhin schon internationale Modemagazine - wenn auch mit zwei Monaten Verspätung. Erst im Laufe der Achtziger erkannte man die Mode an. Xie gehörte zur ersten Generation von Professoren für Modedesign an chinesischen Hochschulen. Als sich China und Japan auch über Austauschprogramme von Universitäten annäherten, ging er nach Nippon. Von 1990 an arbeitete er dort in einem Modeunternehmen, war begeistert von der lebendigen Designerszene und hospitierte sogar bei Großmeister Kenzo, der als erster wichtiger japanischer Designer seit 1970 in Paris und daher auch in Japan zum Mythos wurde.

Orientierung an Yamamoto und Kawakubo

Xie lacht über den seltsamen Zufall - daß er nun ebenfalls, drei Jahrzehnte später, in Paris Karriere macht. Xie orientiert sich auch an Yohji Yamamoto und Rei Kawakubo („Comme des Garcons“), die 1981, vor genau 25 Jahren, ihre ersten Kollektionen in Paris zeigten. So wie die Japaner die Mode mit ihren mehr auf Innenschau denn auf Außenwirkung bedachten Entwürfen veränderten - so versucht es Frankie Xie eine Generation später mit der Anverwandlung westlicher Motive. Oder was ist das Chinesische an seiner Mode? „Jedes Land hat seine eigene Tradition.“ Geht es etwas genauer? „In den nächsten Saisons werden sicher noch einige Chinesen dazukommen. Dann wird man unsere Design-Philosophie besser verstehen.“ Und noch genauer? „Wir nutzen typisch chinesische Materialien wie Seide und haben einige raffinierte Elemente eingebaut. Wir müssen die chinesischen Einflüsse mit den europäischen mischen.“

An einem europäischen Model führt Xie denn auch gleich einmal vor, was sein Konzept fürs nächste Frühjahr bedeutet. Schwingende Petticoats im Stil der Wirtschaftswunderzeit, liebliche Kleider im Jargon der Unbeschwertheit, maritime Einflüsse mit blauen, weißen, überhaupt freundlichen und hellen Farben lassen allerdings nur Europäisches erahnen. „Die Leute sollen sehen, daß Chinesen nicht nur chinesisches Design machen“, meint Xie. „Wir haben uns inspirieren lassen von den fünfziger und sechziger Jahren in Europa.“ Mit dem Model tritt Xie zum Fototermin auf den Balkon seines Hotels an den Champs-Elysees - und wird gleich aus dem Nebenfenster von seinem chinesischen Begleitfotografen aufgenommen. Neben PR-Dame, Assistentin und Zhang Zhe, dem Übersetzer und „International Development Consultant“, gehört der Leibfotograf des neuen Stars zu der wundersamen kleinen Mode-Delegation, die aus dem fernen Reich in die Mitte der Mode vorgestoßen ist.

Selbstbewußtsein wächst

„Auch viele Chinesinnen, die jetzt noch europäische Marken tragen, werden eines Tages meine Mode kaufen“, meint Xie. Das Selbstbewußtsein unter Chinas Designern wächst, wie Angelica Cheung bestätigt, die Chefredakteurin der chinesischen „Vogue“, die seit einem Jahr auf dem Markt ist und mit einer Auflage von 300 000 Exemplaren Chinas Mode fördert - wenn auch noch die internationalen Designer auf den Seiten dominieren. „Ich bin überzeugt davon“, sagt Cheung, die selbst eine klassische Chanel-Jacke trägt, „daß wir in den nächsten Saisons weitere chinesische Modemacher ins Pret-a-porter drängen. Viele wollen international herauskommen.“ Hindernisse sieht sie höchstens im bisher häufig noch mangelnden Willen zur Selbstdarstellung: „Es ist Tradition in China, sich nicht groß öffentlich aufzuspielen. Deshalb sage ich unseren jungen Designern, daß sie ihre psychologischen Barrieren überwinden müssen.“

Frankie Xie hat damit nicht so viele Probleme. Er berichtet, daß etwa 20 Geschäfte in China seine Mode führen, vor allem in Peking und Schanghai, daß er in nächster Zukunft auch Accessoires und Männerlinien anbieten will, daß er vollkommen selbständig ist und nicht mit Investoren zusammenarbeitet, daß er 200 Angestellte allein in der Zentrale beschäftigt und zahlreiche weitere in der Produktion. Aber so ganz geht es nicht ohne das alte Europa: Viele seiner Stoffe stammen aus Italien - aus Qualitätsgründen. Xie ist einer der größten Importeure europäischer Stoffe in China. Für die Kollektion, die er in Paris zeigt, sind allerdings vornehmlich chinesische Stoffe verwendet worden. Und auch in seinem Design hat sich etwas geändert: Er hat sich eine europäische Frau vorgestellt - wobei der Unterschied, wie er sagt, bei jungen Frauen nicht viel ausmache, sondern erst bei älteren.

Mission erfüllt

Seine Mission in Paris, international bekannt zu werden, hat er mit dem ersten Auftritt schon erfüllt. Die Reaktionen nach dem Defilee im Carrousel du Louvre seien sehr gut gewesen. Auch wichtige Einkäufer hätten Interesse signalisiert. Nicht zuletzt wird ihm der Paris-Auftritt in China helfen, populärer zu werden. Denn immer mehr chinesische Journalisten berichten von den Schauen in Paris - und verdrängen teils schon die Damen aus Deutschland im wahrsten Sinne in die zweite Reihe. Frankie Xie also ist seit dieser Woche ein gefragter Mann, und je länger das Gespräch dauert, desto offener beantwortet er auch die Fragen. Obwohl auch Gefühlsregungen Grenzen kennen, denn er ist in Eile - wenn er das auch aus lauter Höflichkeit kaum zugeben würde. „Liberation“, „Parisien“ und „Le Monde“ waren schon da. Gleich kommt noch der Fernsehsender „France 2“. Kurz darauf wird sich Frankie Xie ins Flugzeug setzen und in Peking sein zweites Leben als Star beginnen.

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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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