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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Mode im Wahlkampf Alles auf Stil

 ·  Ideologisch sind die Romneys und die Obamas Welten voneinander entfernt. Modisch aber sind sie sich ähnlicher, als es ihnen recht sein dürfte. Da hätten wir ein paar Vorschläge für den Wahl-Dienstag, die den individuellen Typ betonen.

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© AFP Die Romneys (beim Kirchgang): Mit dem Zipper-Kleid von Alfred Fiandaca zur Wahlurne?

Der amerikanische Wahltag mag stets auf einen Dienstag fallen, für die Kandidaten und ihre Gattinnen ist es in Garderobenfragen ein Sonntag: Der gammelige Trainingsanzug und das adrette Kostüm haben gleichermaßen ihren Auftritt. Bei Tag lässt man sich gerne im Bequemsten blicken, was der eigene Kleiderschrank zu bieten hat und womit man eigentlich aufs Sofa gehört, sofern man nicht schon als Präsident antritt und deshalb an gewisse Förmlichkeiten gewöhnt ist. Am Abend holt man dann das Beste heraus, was wiederum an Feiertagsstimmung erinnert.

Jimmy Carter zum Beispiel sah am Wahltag 1976 in der Strickjacke aus, als wäre er gerade erst vom Frühstückstisch aufgestanden, um mal schnell seine Stimme abzugeben. Ronald Reagan dachte 1980 nicht daran, sein Hemd für den Gang zur Urne in die Hose zu stecken; womöglich war er gerade mit dem Holzhacken auf seiner Ranch beschäftigt.

Ann Romney schaut gern ab

Und Michelle Obamas Aufzug am 4. November 2008 wirkte, als habe sie am Vormittag noch Zeit gefunden für eine Stunde Yoga, um am Abend in einem Kleid in Rot und Schwarz Geschichte zu schreiben. In diesem Jahr aber gehen die modischen Ähnlichkeiten über gewisse Kleiderordnungen hinaus. Ideologisch sind die zwei konkurrierenden Lager weit voneinander entfernt, modisch aber sehen sie sich zuweilen ziemlich ähnlich.

Das Herausfordererehepaar Ann und Mitt Romney ist in einer bislang einzigartigen Situation. Bei der Planung ihrer Garderobe können sie vorab auf die Wahl-Looks der Rivalen aus gleich zwei Jahren schielen, 2008 und 2012. Die Obamas haben schließlich bereits gewählt, er beim sogenannten early voting, das in vielen Bundesstaaten möglich ist, sie per Briefwahl. Das trifft sich gut, denn Ann Romney schaut, was ihre Garderobe betrifft, ohnehin gern bei anderen ab: Seit einigen Monaten orientiert sie sich an der Kleiderwahl Michelle Obamas.

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Die Obamas (in der Wahlnacht 2008): Wiederholt sich Geschichte in Rot und Schwarz? © ddp images/AP/Jae C. Hong Die Obamas (in der Wahlnacht 2008): Wiederholt sich Geschichte in Rot und Schwarz?

Da ist zum Beispiel dieser Taillengürtel zum ausgestellten Rock, die zusammen an die Sanduhrsilhouette der fünfziger Jahre erinnern. Die amtierende First Lady hatte solche Kleider in der Vergangenheit mit Vorliebe für den Besuch an Grundschulen vorgesehen, und so eins trug sie nun auch zur dritten Runde des Fernsehduells am 22. Oktober - wie eben auch Ann Romney. Schon zuvor, während der zweiten Runde, sahen sich beide Ehefrauen auffallend ähnlich: In derselben Farbe, die einem shocking pink nahekommt, waren sie nicht zu übersehen. Nur, Ann zeigte noch einen Hauch mehr Kante: Zum Schock in Pink trug sie eine Kette in Smaragdgrün.

Es ist ganz untypisch für eine Republikanerin, aber sie scheint zu glauben, dass man im schlichten Kostüm und mit dem Seidentuch um den Hals nur begrenzt Spaß hat. Aber genau den sucht sie modisch. Wie sonst erklärt sich die Auswahl eines Minikleides mit Musterung in Pink-Orange, mit dem sie besser in einer Bar in Key West Margaritas ausschenken könnte, als im Fernsehen zu sprechen?

Hochgekrempelte Ärmel, schlechtsitzende Jeans

Oder jenes rote Kleid mit dem auffälligen Reißverschluss vorne, der vom Dekolleté bis knapp übers Knie hinunterläuft und so damit droht, sie innerhalb von Sekunden zu entblößen? Weil das Zipper-Teil von Alfred Fiandaca, einem ihrer Lieblingsdesigner, aber aus so festem Stoff gefertigt ist, dass sie es gut tagsüber tragen kann, wäre es doch eine Option für kommenden Dienstag. Vielleicht für den Besuch im Wahllokal? Ann Romney ist schließlich dafür bekannt, Kleider mehrmals auszuführen.

Natürlich werden ihre Haare trotzdem so aussehen, als käme sie direkt vom Friseur, und natürlich wird ihre übergroße goldene Uhr den entschieden republikanischen Look ebenso vervollständigen wie das Kleid für den Abend, das vermutlich von Oscar de la Renta stammen wird - ihrem zweiten Lieblingsdesigner, den Michelle Obama in vier Jahren Amtszeit konsequent ignorierte.

Für Mitt Romney liegen indessen in der Garderobe zum Wahltag gleich drei Chancen. Erstens: sogenannte Dad jeans, schlechtsitzende Hosen, die mittlerweile ihm wie seinem Konkurrenten Barack Obama zur zweiten Haut geworden sind; dem betont lässigen Dresscode an der Wahlurne dürften sich die Dad jeans wunderbar fügen. Zweitens: seine hochgekrempelten Hemdsärmel, die man sowohl als Zeichen des Aufschwungs als auch der Tatkraft verstehen kann. Am Abend trägt er dann wieder einen seiner Lieblingsanzüge aus dem Hause der amerikanischen HMX Group. Die meldete vor zwei Wochen Insolvenz an, was Obama nicht verhindern konnte. Mehr Symbolik kann man am Wahlabend als Herausforderer nur schwer am Körper tragen.

Änhlich gelagerte Geschmäcker

Zufällig werden aber auch Barack Obamas Lieblingsanzüge unter dem Dach der HMX Group gefertigt. Er trägt mit Vorliebe die Modelle der Marke Hart Schaffner Marx, die etwas günstiger sind, der Herausforderer die Marke Hickey Freeman, die teurer ist. Man sieht, die modischen Geschmäcker der zwei Kandidaten und ihrer Gattinnen sind ganz ähnlich gelagert: Sanduhrsilhouetten und Knallfarben für die Frauen, HMX-Anzüge für die Männer. Um nicht den Finger in die Wunde der schwachen Wirtschaft zu legen, wäre es dennoch ratsam, wenn sich Barack Obama für Dienstagabend vorübergehend eine andere Marke suchen würde.

Für Michelle Obama gilt wiederum die gegensätzliche Regel: Eine Abkehr weg von ihrer Gewohnheit, sich in den Kleidern junger, aufstrebender amerikanischer Designer sehen zu lassen, wäre eine verpasste Möglichkeit, das Ergebnis ihres eigenen Konjunkturprogramms zu präsentieren, mit dem sie in den vergangenen Jahren diesen kleinen New Yorker Wirtschaftszweig auf Vordermann gebracht hat. Wenn sie nicht gerade ärmellose Kleider trägt, fühlt sie sich derweil in Strickjacken zu Hause. So fotografierte man die First Lady auch Mitte Oktober, den gelben Cardigan halb zugeknöpft, den Umschlag zur Briefwahl in der Hand, als stünde sie mit einer Jugendgruppe am Gemüsebeet des Weißen Hauses und gäbe mütterliche Ratschläge über Salatanbau.

Dass sich Michelle Obama nach außen betont um menschliche Wärme bemüht, erkennt man nicht nur an der Art, wie sie die Leute umarmt - die „New York Times“ will ein Schema entdeckt haben, nach dem sie ihr Gegenüber so fest wie möglich umschließt, um Distanz zu mindern -, sondern auch modisch. Zur Strickjacke schlüpft Michelle Obama gerne in flache Ballerina-Schuhe. Oder sie betont ihre Taille, kehrt damit also ihre Weiblichkeit heraus und wirkt deshalb besonders weich. Kein Wunder, dass sich Ann Romney diesen Kniff gerne abschaut.

Glücklicherweise gibt es aber noch das „Lavalampen-Kleid“ von Narciso Rodriguez, das Michelle Obama am Wahlabend im Jahr 2008 trug. Daran könnte sie jetzt vier Jahre später problemlos anknüpfen, ohne dabei die Dramatik von Rot und Schwarz außer Acht zu lassen, ohne sich dabei zu sorgen, dass Ann den Lava-Look gleich mit übernimmt. Der ist dafür dann doch etwas zu eigen. Jason Wu, jener Jungdesigner, der damals für Michelles weißes Amtseinführungskleid verantwortlich war, hat für den aktuellen Herbst eine Kollektion mit viel Rot und Schwarz entworfen. Darunter ist interessanterweise auch ein Shiftkleid mit einem roten Etwas auf der Brust. Vielleicht eine langgezogene Lavablase? Sicher ist, dass sich der Designer das Kleid nicht für die Romneys ausgedacht hat.

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