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Mode Herbst/Winter 2005/06 Doppellagig Spitze

13.09.2005 ·  Tommy Hilfiger wirkt putzmunter, bei Diane von Fürstenberg wirft ein herabfallendes Lichtgestänge die Kritiker um und Gabriele Strehle zelebriert ihr grandioses amerikanisches Debüt: Alfons Kaiser berichtet von der „Olympus Fashion Week“ in New York.

Von Alfons Kaiser, New York
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Am Ende sprang der Designer über den Laufsteg, als wäre er noch der Jungstar von damals. Aber Tommy Hilfiger, der Modeverkäufer, brachte zu seinem zwanzigjährigen Jubiläum nur die altbekannte sportlich-legere Freizeitmode in den ewigen Grundfarben Blau-Weiß-Rot. Seinen großen Vorbildern Ralph Lauren und Giorgio Armani ( siehe auch: „Designer ABC“: A wie Armani) wird Hilfiger mit den durch bunte Blockstreifen aufgepeppten Poloshirts, den Karo- und Streifenhemden für Männer kaum nahekommen. Und dann die Idee, auf das Ende des Jeans-Zeitalters zu wetten: Beige und Khaki und Sand ersetzen in Amerika das Indigo? Das ist ungefähr so originell, als würde man in Chino-Hosen offene Türen einrennen.

Blazer breit, Caprihosen locker, Männerhosen überweit: Das hebt sie leider nicht ab von den Entwürfen der späten achtziger Jahre, die zu Beginn der Schau im eingespielten Video so ungute Erinnerungen an die Geburt der Baggy-Hose aus den Überweiten einer modisch ganz dunklen Epoche hervorriefen. Wenn nicht die "Black Eyed Peas" spät am Abend die Hilfiger-Party herausgerissen hätten - gleich der Beginn des ersten Mode-Wochenendes der Saison wäre wie ein Abschied gewesen. Wenigstens wird so deutlich, warum die Hiphopper ("Don't lie!") in den Hitparaden nach oben klettern, während Hilfiger, der sich erst im Frühjahr die Marke "Lagerfeld Gallery" einverleibte, sein Imperium verkaufen will. Einen so großen Anteil hat der Modeverkäufer noch an der Marke, daß ein schöner Lebensabend in Blau-Weiß-Rot gesichert wäre. Aber wie gesagt: Er wirkt putzmunter.

Design wird immer mehr zum Marketing

An eindrucksvollen und doch ausdruckslosen Entwürfen mangelt es der "Olympus Fashion Week" im Bryant Park nicht. Seit dem Wochenende und bis zum Samstag zeigen dort mehr als siebzig Modemacher - und zahlreiche Off-Designer - ihre Entwürfe für Frühjahr und Sommer 2006 unter dem Eindruck sich stark verändernder Einkaufsgewohnheiten: So ergab eine Merrill-Lynch-Analyse, daß schon im Jahr 2009 die Chinesen mehr Luxusgüter kaufen werden als die bisher führenden Amerikaner und daß der russische Luxusgütermarkt schon jetzt größer ist als der New Yorker - und jedes Jahr um sechs bis acht Prozent wächst. So wird die Luxusbranche durch Kaufhäuser in die Enge getrieben, die, wie Wal-Mart, inzwischen in achtseitigen Anzeigen in der amerikanischen "Vogue" zeigen, daß eine Tweedjacke für 23,82 Dollar dem ungeübten Auge auch nicht viel schlechter erscheinen muß als ein Oscar-de-la-Renta-Nerzmantel im Batikdessin zu 13.000 Dollar auf der Fifth Avenue. Und so verschaffen die äußerst erfolgreichen Prominenten-Kollektionen von Jennifer Lopez, Puff Daddy, Beyonce und Gwen Stefani einen Eindruck davon, daß Design immer mehr zum Marketing wird, der Modemacher hinter großen Marken zu verschwinden droht - und der Nachwuchs nur noch geringe Chancen hat, sich einen eigenen Namen zu machen.

"Deshalb holen wir immer stärker brasilianische, türkische, indische, französische und australische Designer zu uns", sagt Modewochen-Geschäftsführerin Fern Mallis über ihren Versuch, der Globalisierung schauentechnisch zu begegnen. Aber wenn dann ein Ausländer kommt wie die Marke Lacoste, entspricht das wieder so sehr dem amerikanisch-sportiven Stil der bunt-beweglichen Unverbindlichkeit, daß man das Design des eigentlich begabten Christophe Lemaire nicht mehr darin erkennt. Dann schon lieber die Amerikaner, die sich von Bill Blass über Michael Kors bis Ralph Lauren in dieser Woche noch zeigen werden. Oder Kenneth Cole, der seine Strickkleider in geschmackvoll-nautischem Blau hält; Tuleh (Designer Bryan Bradley), wo mit Blow-up-Mustern und fließendem Chiffon wenigstens Doppeldeutigkeiten eingewoben werden; Luca Luca (Designer Luca Orlandi), wo sich ethnische Drucke wohltuend auf Retro-Anmutung legen. Die neuentdeckten Jungdesigner namens "Project Alabama" (Natalie Chanin und Enrico Marone-Cinzano) zeigen gleich in ihrer ersten Schau eine gelungene Mischung aus komplizierter Perlstickerei, gesteppten Technomaterialien, abendlicher Anmutung mit viel Gold und einem trotzdem klar reduzierten Look. Und dennoch: Die größte Überraschung der ersten Schauentage war noch die zusammenbrechende Lichthalterung bei Diane von Fürstenberg am Sonntag abend. Sie traf den freien Schreiber Karl Treacy und Hilary Alexander vom Londoner "Daily Telegraph", die sich sonst von nichts umwerfen läßt. Beide kamen, wenngleich nur leicht verletzt, ins St.-Vincent's-Krankenhaus, wo Fürstenberg sie besuchte. Verbeugt hatte sie sich nicht mehr.

Vorhang auf für Gabriele Strehle

Nichts passiert also in New York - wenn da nicht Gabriele Strehle wäre. Die New Yorker kennen sie von Bergdorf Goodman und Bloomingdales. Seit 1996 hatte sie ihre Kollektionen aber in Mailand präsentiert. Nun steht sie zum ersten Mal auf dem New Yorker Schauenplan, und die Amerikaner sind am Montag überrascht: Auf die Bühne treten elfenhafte Wesen in cremefarbenem doppellagigem Organza, in Männerhemden mit Goldperlen, in transparenten Trenchcoats. Als ob diese Stadt mit ihrer hohen Konzentration an gesellschaftlichen Anlässen und Ansprüchen sie schon im voraus beflügelt hätte, zeigt Strehle weiblichen Charme mit der Luxusfarbe Gold, der aber mit Vintage-Effekt die Härte, mit Spitze die Schwere und mit Chiffonplissees das Eindimensionale genommen wird. Als Höhepunkt bringt sie knallbunte Drucke, die auf Seiden-Metall-Gewebe mutig schimmern und schillern. Ein echt amerikanischer Auftritt, der Strenesse gleich in die höheren New Yorker Kreise befördern müßte. Über die fast westwoodartigen Plateaupumps, die viele Models ins Schlingern bringen, wird sie auf diesem Weg schon nicht stolpern.

Und das muß nicht einmal die letzte Überraschung der Woche werden. Denn die Augen richten sich gleich vierfach auf Deutsche. Adidas zeigt an diesem Dienstag - ebenfalls nach Jahren in Mailand und Paris erstmals in New York - seine Yohji-Yamamoto-Designerlinie Y3. Wolfgang Joop wird mit "Wunderkind" am Donnerstag Pret-à-porter de luxe bieten. Und schließlich wird sich am Freitag Kai Kühne, das ausgestiegene Mitglied der New Yorker Designer-Vierergruppe "As Four", erstmals mit einer eigenen Avantgarde-Kollektion vorwagen. Könnte gut sein nach dieser Strenesse-Premiere, daß die Deutschen die Amerikaner mit deren eigenen Waffen schlagen - von der Sportswear bis zur aufwendigsten Abendkleidung.

Quelle: F.A.Z., 13.09.2005, Nr. 213 / Seite 11
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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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