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Mode Halstuch statt Trainingsanzug

15.10.2007 ·  Fernsehmoderatoren oder Schauspieler gelten als stilbildend - doch der am besten angezogene Promi in Deutschland steht auf dem Fußballplatz: Nationaltrainer Joachim Löw. Von Anke Schipp.

Von Anke Schipp
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Wenn es um Mode und deutsche Männer geht, ist schnell die Rede von Boris Becker oder Thomas Gottschalk. Der Tennisspieler, weil er wechselnde Frisuren und bunte Anzüge trägt; der Moderator, weil er Outfits wählt, die der „Shock and Awe“-Strategie folgen. Dann gibt es noch Jörg Pilawa, der seine Garderobe dem Moderationsstil anpasst: bloß keine Kanten zeigen. Oder Reinhold Beckmann, der die Hemden immer einen Tick zu weit offen stehen lässt. Ein bisschen könnte man verzweifeln an den deutschen Herren in Film, Funk und Fernsehen, wenn nicht alle paar Wochen ein Mann am Spielfeldrand stünde, der mit Mode eigentlich so wenig zu tun hat wie Karl Lagerfeld mit der Bundesliga: Joachim „Jogi“ Löw ist Trainer der Nationalmannschaft, aber darüber hinaus liefert er einen so eleganten Auftritt, wie man ihn in Fußballstadien eher nicht erwartet.

Die meisten Teamchefs fühlen sich immer noch im atmungsaktiven Trainingsanzug am wohlsten, schließlich ist das ihre Arbeitskleidung. Zudem markieren sie gerne den Macher, der auch während des Spiels, das er auf der Trainerbank und stehend am Spielfeldrand verbringt, jederzeit auf den Rasen laufen könnte, um die Sache selbst zu richten. Seit den achtziger Jahren ist auch der gepflegte Trainer beliebt, der den Spielern Anweisungen in Anzug und Krawatte gibt oder Tore bejubelt. Viele von ihnen sehen allerdings in feingewebter Schurwolle wie verkleidet aus, vor allem, wenn sie dazu verdonnert werden: In der Champions League ist der Zweiteiler für Trainer seit einigen Jahren verbindlicher Dresscode. Nicht jeder verfügt dabei über einen Stilberater, oft sitzt der Anzug schlecht, oder die Krawatte sieht so aus, als sei sie im Dunkeln gekauft worden.

Er trägt den Anzug mit der nötigen Nonchalance

Bei Joachim Löw aber sitzt jedes Detail. Er trägt gern Anzug, und er trägt ihn mit der nötigen Nonchalance - mal mit, mal ohne Krawatte, immer mit taillierten Hemden. Oder er kombiniert einen burgunderfarbenen Rollkragenpullover mit grauem Jackett. Oder er trägt ein weißes Stehkragenhemd unter grauem Pullover. Er versteht es zudem, dem Outfit eine eigene Note zu verleihen. Löw hat zum Beispiel ein Faible für das Seidenhalstuch. Ein durchaus heikles Accessoire, denn es gibt Männer, die es leicht gebauscht und in den Hemdkragen gestopft tragen, um sich ein dandyhaftes Image zu verleihen, aber leider doch nur altväterlich wirken - ein ähnlicher Fall mangelnder Selbsteinschätzung wie bei den notorischen Fliegeträgern, die sich für extravagant halten. Löw ist auch extravagant - aber auf dezente Art. Er knotet das Seidentuch wie einen Wollschal und trägt es zum Anzug wie zum sportlichen Anorak. So wird es zum selbstverständlichen Accessoire, das ihn trotzdem unverwechselbar macht. Zum positiven Gesamtbild gehört auch Löws Haarschnitt: etwas länger mit Seitenscheitel und nicht so praktisch kurz wie bei Klinsmann. Dazu trägt Löw eine klassische Designeruhr, die er nur zum Training gegen eine moderne Sportuhr tauscht.

„Löw geht bewundernswert locker und lässig mit Kleidung um. Er ist ein stilbewusster Mensch, der sich Mode sehr natürlich nähert“, sagt Gerd Strehle, Geschäftsführer des Modeunternehmens Strenesse, der Löw bei den Shootings zur Weltmeisterschaft beobachtete. Strenesse ist der offizielle Ausstatter der Nationalmannschaft und wird zur EM im nächsten Jahr eine neue Kollektion präsentieren. Löw, der als großer Stratege unter den Trainern gilt, hat sich im Vorfeld auch damit beschäftigt und viel mit Gerd Strehle geredet, schließlich weiß er, wie wichtig das Auftreten der Mannschaft in der Öffentlichkeit ist.

Löw bleibt Gentleman - nicht nur am Spielfeldrand

Schon als Assistent von Jürgen Klinsmann galt Löw auf modischer Ebene als Teamchef. Er bestimmte vor den Spielen, was er gemeinsam mit Klinsmann auf der Trainerbank tragen würde. Mal hatten sie beide schwarze Poloshirts an, mal beide weiße Hemden zum schwarzen Anzug. Klinsmann, ein sportlich-bodenständiger Typ, schien sich darin aber nie so recht wohl zu fühlen und zog bei jeder Gelegenheit das Jackett aus, um sich mit hochgekrempelten Ärmeln nur im Hemd zu präsentieren. Löw dagegen blieb Gentleman - am Spielfeld, im Fernsehstudio und bei Pressekonferenzen.

Löw hat sich schon als Spieler für Kleidung interessiert - und Jugendsünden begangen. Anfang der achtziger Jahre trug er Oberlippenbart und Goldkettchen. Immerhin verzichtete er auf die damals aktuelle Kicker-Frisur „Vokuhila“. Sein Stil verbesserte sich von Jahr zu Jahr. Er soll derjenige gewesen sein, der vor gut 25 Jahren in den Spielerkabinen als erster Boxershorts trug, lange bevor Dolce & Gabbana die italienische Fußballmannschaft komplett in Unterwäsche ablichteten.

Jogi Löw verfügt über eine natürliche Eleganz

Sein Stil ist unaufdringlich, das mag mit seinem Charakter zu tun haben. Der „nette Herr Löw“, wie er auch genannt wird, gilt als unaufgeregt, höflich, charmant, zurückhaltend - wenngleich bestimmt. Auch bei den vielen Qualifikationsspielen zur EM, die er derzeit absolviert, unter anderem am Mittwoch gegen die Tschechische Republik, verliert er nie die Nerven. Er wird nie laut, genauso wie er keine knalligen Farben mag: Blau und Schwarz, sagt er selbst, sind die Farben, in denen er sich am wohlsten fühlt. Jogi Löw verfügt über eine natürliche Eleganz.

Damit ist er eine Art Gegenentwurf zu Fußballern wie David Beckham, die mit extravaganten Tätowierungen und immer neuen Frisuren hochdotierte Werbeverträge ergattern und zum neuen Bild des stylishen Fußballers beitrugen. Löw würde wohl kaum ein Parfum auf den Markt bringen, seine Frau Daniela sich nie als Society-Gewächs inszenieren. Eigentlich weiß ohnehin keiner so genau, wie sie aussieht. Auch das zeigt den Stil von Löw: Dezente Zurückhaltung liegt ihm eben mehr als die laute Show.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.10.2007, Nr. 41 / Seite 63
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Jahrgang 1966, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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