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Donnerstag, 16. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Mode Entfaltung mit Falten

06.12.2006 ·  Gefaltete Ledertaschen haben „Kaviar Gauche“ bekannt gemacht, Abendmode folgte. Jetzt wollen die zwei jungen Designerinnen aus Berlin auch auf internationalen Schauen, wie nächstes Jahr auf der „London Fashion Week“, den Durchbruch schaffen.

Von Alfons Kaiser
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Sie nähen gar nicht so gern. Johanna Kühl und Alexandra Fischer-Roehler knien sich statt dessen hin und drapieren den Stoff so lange an einer Büste, bis sie eine Form für das Kleid gefunden haben. An der Puppe können sie gleich handfest zur Sache kommen. Die Modemacherinnen arbeiten lieber modellierend und skulptural, als sich mit der Verwirklichung von Modellzeichnungen abzumühen. Zuerst kommt der Körper, dann die Idee: So vermeiden sie, sich zu früh auf eine Linie festzulegen.

Dieses Programm der langsamen Entfaltung steckt schon in ihren Taschen. Johanna Kühl und Alexandra Fischer-Roehler, die sich unter dem Namen „Kaviar Gauche“ zusammengetan haben, sind mit ihren gefalteten Ledertaschen bekannt geworden. Aber was heißt gefaltet: Die teils metallicbeschichteten „lamella bags“ sind geschichtet und plissiert und aufgefächert, sie gewinnen Muster, Volumen und Vielfalt aus der aufwendigen Fertigung des Leders. Erst bei genauerem Hinsehen ist das Prinzip der Konstruktion zu entdecken. Denn die kunstvollen Lamellen auf den Taschen setzen die Designerinnen mit anderen Mitteln fort. Sie übertragen die Faltformen auf die Kleider und schaffen mit jeder neuen Kollektion ein Wechselspiel: Die Taschenfalten finden sich als dekoratives Fächerelement aus Stoff auf den Abendkleidern wieder - und umgekehrt.

Souveräner Umgang mit Formen und Materialien

Abendkleider? Ja, richtig. „Frauen haben Probleme, gute Abendkleider zu finden“, stellt Alexandra Fischer-Roehler fest. Junge Schauspielerinnen wollen auf dem roten Teppich nicht altbacken aussehen. Marie Bäumer schritt also in einem unprätentiösen „Kaviar Gauche“- Abendkleid mit Schleppe zum Deutschen Filmpreis. Und bei der Bambi-Verleihung am Donnerstag abend zeigte sich die schwangere Heike Makatsch - die praktischerweise in Mitte um die Ecke lebt - in einem anmutigen Seidenorganza-Empirekleid mit genau jenen Plissees, die auch ihrer runden Abendhandtasche den Witz gaben.

Erstaunlich souverän gehen die beiden Modemacherinnen mit Formen und Materialien um. Das liegt wohl vor allem an ihrer Ausbildung im Berliner Ableger der Esmod-Schule. Dort trafen sich die heute 26 Jahre alte Johanna Kühl, Halbschwedin aus Lübeck, und die 31 Jahre alte Alexandra Fischer, die seit ihrer Heirat mit dem Regisseur Oskar Roehler (“Der alte Affe Angst“, „Elementarteilchen“) auch dessen Nachnamen trägt. Und weil sie spätestens bei ihrer Abschlußkollektion im Jahr 2003 bemerkten, daß ihre Lebens- und Kleiderentwürfe zueinanderpassen, taten sie sich nach einem Paris-Intermezzo Johannas zusammen - und verlängerten die Reihe der erfolgreichen Labels von „c.neeon“ über „Pulver“ bis „Sisi Wasabi“, die aus der Esmod hervorgegangen sind.

Viele Berliner Labels suchen internationalen Auftritt

Womit wir beim Namen wären, der arg nach Berliner Mode und nicht so richtig marktgängig klingt. Andererseits ist das Label, das spielerisch den französischen Salonsozialisten der „gauche caviar“ entlehnt ist, die das Herz auf der linken und das Portemonnaie auf der rechten Seite tragen, dann doch wieder passend: Denn das Verkaufsgebiet der beiden Modemacherinnen reicht vom avantgardistischen Rand bis zum High-End-Kommerz. Ihre Entwürfe sind in Berlin in den „Galeries Lafayette“ ebenso zu kaufen wie im „Apartment“, also im Nobelkaufhaus wie in der Avantgarde-Boutique. Nicht nur im experimentierfreudigen Japan, auch im gar nicht mehr so biederen Deutschland wird immer öfter nach ihren Teilen verlangt.

Fürs Berliner Design ist diese Karriere nicht nur deswegen typisch, weil zwei Frauen zusammenarbeiten, die von der Stoffauswahl über die Kreation bis zur Buchführung alles zusammen machen. Immer mehr Labels aus der Hauptstadt suchen auch den internationalen Auftritt, verkaufen nach Paris und Los Angeles und zeigen in Paris und London. Überhaupt hat Berlin durch die allseits beklagte Absage der Trendmesse „Bread & Butter“, die vor allem internationale Jeans- und Sportswear präsentierte, nun die Möglichkeit, sich mit besserer Mode zu profilieren. Die Designermodemesse „Premium“, die Berliner Designer fördert, wird schon im Januar von dem Rückzug der Sportswear profitieren.

2007 auf der „Londoner Fashion Week“

Johanna Kühl und Alexandra Fischer-Roehler, die alle ihre Kleidungsstücke in einer Berliner Produktion fertigen lassen, arbeiten nun an der weiteren Entfaltung ihrer drei Jahre alten Marke. In Kürze werden sie die Zusammenarbeit mit einem Kosmetikhersteller bekanntgeben, für den sie eine ihrer multifunktionalen Ledertäschchen entwerfen. Und vor zwei Wochen glänzten sie beim „Swiss Textiles Award“, einem der wichtigsten europäischen Modewettbewerbe. Sie mußten sich zwar Bruno Pieters geschlagen geben, dem „upcoming star“ der Antwerpener Szene.

Aber immerhin konnten sie sich im Vergleich mit so angesagten Jungdesignern wie Doo Ri Chung aus New York oder Anne-Valérie Hash aus Paris sehr gut sehen lassen: Die Seidenkleider für den Abend, die Fell-capes und Trench-Variationen, die Couture-Anleihen mit genauer Verarbeitung und die lässige Berliner „Ick weeß nich“-Attitüde rissen die Jury zu Liebeserklärungen hin. Evelina Khromtchenko von der russischen Modezeitschrift „L'Officiel“ bereitet ein Porträt vor, Federico Marchetti, Gründer und Chef von Yoox, der erfolgreichsten Designermode-Website, sieht sich die Sachen noch einmal an, und Isabelle Peyrut vom Magazin „Jalouse“ hat sich die Stretchdenim-Hose mit Silberschuppenleder bestellt: Am Samstag wurde sie für eine Modestrecke in Paris fotografiert.

Und dennoch führt die beiden Designerinnen der Berlin-Charme ihrer Mode eher nach London als nach Paris. Auf der „London Fashion Week“ im Februar werden sie dabeisein. Jetzt warten sie nur darauf, ob der Auftritt auch durch das „New Gen“-Programm gefördert wird. Johanna Kühl ist an diesem Wochenende in London, um sich den Fragen der Jury zu stellen. Morgen wissen sie, wie leicht es ihnen gemacht wird, ihr Talent auf der großen Bühne zu entfalten.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.12.2006, Nr. 48 / Seite 67
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