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Mode Ein Hemd, ein Mann

22.03.2006 ·  Man(n) kann sich wieder im Westernlook kleiden. Nach dem Erfolg von „Brokeback Mountain“ sind Flanellhemden und Stiefel wieder in. Doch nicht alle Hersteller freuen sind über den neuen Boom, den der Film ausgelöst hat.

Von Anke Schipp
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Ennis trägt ein grau-weiß kariertes Flanellhemd, Jack ein Hemd aus Jeansstoff mit weißen Perlmuttknöpfen. In Wyoming fallen die beiden nicht weiter damit auf. Es sind Hemden, wie sie Cowboys tragen, wenn sie mit ihrem Pferd die Rinder durch die Prärie treiben, mit ihrem Pick-up über staubige Pisten fahren oder beim Rodeo versuchen, einen Bullen in fünf Sekunden zu bändigen. Und doch sind diese Hemden in dem Film „Brokeback Mountain“ ein Symbol für die Liebe zwischen zwei Cowboys.

Es ist kein Zufall, daß in dem Film ausgerechnet Cowboyhemden etwas ausdrücken, über das man nicht spricht - schließlich sind Cowboys nicht bekannt dafür, viele Worte zu verlieren. Seit im 18. Jahrhundert der wilde Westen erschlossen wurde, ist das Outfit der Viehtreiber mit Emotionen besetzt. Es steht für den Traum von Freiheit, für Männlichkeit und für das Gesetz des Stärkeren. „Brokeback Mountain“ hat diese Ideale in Frage gestellt, denn homosexuelle Cowboys passen nicht zum Image des amerikanischen Archetyps. Muß die Westernmode jetzt neu definiert werden?

Westernmode oder Schnörkel

Flanellhemden, bestickte Stiefel, Hüte aus Biberfell und Jeans sind die Klassiker der Cowboymode. Ähnlich wie die Trachten in Europa waren sie mal mehr, mal weniger in Mode, wurden populär und wieder unpopulär, wurden verhöhnt und belächelt und doch viel kopiert. Hollywood hat seinen Teil dazu beigetragen: Seit den vierziger Jahren, als John Wayne unermüdlich durch die Prärie ritt und Meilen sammelte, wurde das Bild des Helden gefestigt. Mit John Travolta als „Urban Cowboy“ bekam der extravagantere Western-Style in den achtziger Jahren neuen Auftrieb. „Brokeback Mountain“ dagegen hat ambivalente Reaktionen hervorgerufen - einerseits boomt der Western-Look, andererseits gibt es Skeptiker, die befürchten, das propere Image der uramerikanischen Kleidung könnte häßliche Risse bekommen.

Von dem Trend, der schon im vergangenen Jahr einsetzte, als der Film in Amerika anlief, profitieren besonders jene Marken, die den klassischen Cowboy ausstatten und Wert auf Authentizität legen. Die beiden Hauptdarsteller tragen Westernmode ohne Schnörkel: Dazu gehören Hemden der Marke Rockmount, Wrangler-Jeans und die Nachbildung des Stetson - der Cowboyhut aus echtem Biberfell (siehe unten). Keine schlechte Werbung also - über die sich allerdings nicht jeder freut.

Wrangler für Cowboys - Levis für Goldgräber

Bei Stetson zum Beispiel, jener Marke, die vor 140 Jahren von dem Erfinder des Cowboyhuts gegründet wurde, will man nicht unbedingt mit einem Film, in dem zwei Männer sich küssen, in Verbindung gebracht werden. Auch Steve Weil, Besitzer von Rockmount, einem alteingesessenen Familienbetrieb, der in Denver Cowboyhemden produziert, äußert sich in einem Interview zurückhaltend: „Wir wissen natürlich, daß der Film nicht jedermanns Sache ist, aber wir sehen ihn als ein Kunstwerk, und wir finden es gut, mit Leuten wie Ang Lee assoziiert zu werden.“ Das ist diplomatisch formuliert, auch wenn man daraus ablesen kann, daß Weil wie viele Amerikaner das Thema Homosexualität bei Cowboys für absolut abwegig hält. Immerhin hat ihm der Film im vergangenen Jahr einen Umsatzzuwachs von 25 Prozent beschert. Die beiden Originalhemden der Hauptdarsteller von Rockmount im Wert von je 55 Dollar wurden zudem bei Ebay für 101 000 Dollar versteigert.

Auch bei der Jeansmarke Wrangler sieht man die kostenlose PR durch „Brokeback Mountain“ mit gemischten Gefühlen - aber aus anderen Gründen. Wranglers sind traditionell die Jeans der Cowboys und Rodeo-Reiter, während Levi's die klassische Hose der Goldgräber war. Doch seit einigen Jahren versucht die Marke von dem auch als piefig empfundenen Western-Image wegzukommen und ein modernes Lifestyle-Label wie Diesel zu werden. Der beschränkte Glamour zweier sich liebender Viehtreiber in der Einsamkeit von Wyoming trägt dazu nicht gerade bei. Lieber sponsert das Unternehmen deshalb den Film „Walk the line“ über das Leben der Country-Legende Johnny Cash.

Harrods verkauft Cowboyhüte

Die Musikindustrie hat mehr noch als Hollywood von jeher dazu beigetragen, den Country-Look aufleben zu lassen, wenn er mal wieder aus der Mode gekommen war. Als Madonna vor zwei Jahren in einem Video Flanellhemd und Cowboyhut trug, wurde der Stil von ihren Fans imitiert. Genauso wie der Look von Britney Spears, die am Strand von Malibu öfter mal einen Cowboyhut aus Stroh trägt.

Dank Hollywood und Musikindustrie hat der Westerntrend auch wieder die Laufstege in Paris und Mailand erreicht. Rüschenkleider, wie sie einst die zwielichtigen Damen in den Saloons trugen, gibt es in diesem Frühjahr ebenso wie bunt eingefärbte Cowboystiefel. Von Herbst an präsentiert Wrangler außerdem eine Kollektion, die der New Yorker Modedesigner Marc Jacobs entworfen hat. Und jetzt hat sogar das Londoner Nobelkaufhaus Harrods zum ersten Mal Cowboyhüte in sein Sortiment aufgenommen, die neben den britischen Tweedmützen ungefähr so fremd wirken dürften wie Dolly Parton beim Fünf-Uhr-Tee von Prinzessin Anne.

Uramerikanische Symbole gefährdet

Allerdings hat keine Marke den Western-Trend so breitgetreten wie Dsquared: Die kanadischen Zwillinge Dean und Dan Caten spielen in ihrer Frühjahrskollektion mit klassischen Western-Versatzstücken und transformieren sie in den Dsquared-Stil. Der ist vor allem sexy und ausgefallen - deshalb wird die bodenlange Lederschürze eines Hufschmieds über dem weißen Tank-Top getragen und die Jeansweste im Topflappenformat über einem gelben Slip. Für die zwei Modeschöpfer, die nicht auf einer Ranch, sondern in einem Trailerpark in Ontario aufgewachsen sind, ist der Cowboy „die männliche Version einer Blondine“. Was soviel heißt wie: Der Cowboy ist kein Intellektueller, aber alle mögen ihn. Die Kollektion von Dsquared ist in diesem Frühjahr ein Bestseller in den New Yorker Nobelkaufhäusern Saks Fifth Avenue und Bergdorf Goodman.

Doch im Mittleren Westen, in Staaten wie Utah etwa, wo sich Kinobetreiber weigerten, „Brokeback Mountain“ ins Programm zu nehmen, dürften derlei Spielereien mit der Cowboy-Mode nicht für Furore sorgen. Dort versteht man keinen Spaß, wenn es um uramerikanische Symbole geht. Das Western-Outfit soll schließlich die Oberfläche des konservativen Amerika bleiben, auch wenn es nach „Brokeback“ auf Schwulenseiten heißt: „Auf der Ponderosa wird es nie mehr so sein, wie es mal war.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.03.2006, Nr. 11 / Seite 63
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Jahrgang 1966, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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