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Mode Ein echter Karl für 39,90

19.09.2004 ·  Karl Lagerfeld entwirft Mode für H&M: Diese Nachricht hat in der Branche für ein Beben gesorgt. Jetzt hat der Designer seine Entwürfe vorgestellt: Sie stellen vor allem seine Person in den Mittelpunkt.

Von Anke Schipp
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Als die Modekette Hennes&Mauritz im Juni ankündigte, eine Kollektion mit Karl Lagerfeld herauszubringen, sorgte das für ein kleines Beben in der Modewelt.

Wie sollte das zusammengehen? Ein Couturier, der Kleider für eine exklusive Gruppe von Menschen macht, und eine Textilkette, die jährlich 400 Millionen Artikel verkauft? Das wäre, als würde Georg Baselitz Comics malen und bei Hugendubel verscherbeln oder Günter Grass Heftchenromane schreiben oder Bruno Ganz bei "Big Brother" auftreten.

Bis zu diesem Juni galt H&M als der natürliche Feind des Pret-a-porter, weil die schwedische Handelskette dafür verschrien war, die Trends der Designer zu kopieren und das Ganze billig produzieren zu lassen. Warum stieg nun ein berühmter Designer in die Niederungen der Bekleidungsbranche hinab und wechselte das Milieu? "Design ist nicht nur eine Frage des Preises" und "die Welt der Mode ist nicht länger in Arm und Reich gespalten", ließ der Meister verlauten. War Lagerfeld zum Klassenkämpfer geworden?

Es sieht nach Lagerfeld aus

Nun hat die Kollektion das Licht der Welt erblickt, am Freitag abend bei einer Party im feinen Pariser Restaurant "Georges", und ihr Strahlen öffnen endlich den Blick darauf, warum Lagerfeld das Wagnis - wenn auch nicht das wirtschaftliche - tatsächlich eingegangen ist. Zwei Dinge fallen auf: Ein Großteil der Entwürfe ist schwarz - und alles sieht nach Lagerfeld aus.

Wohlgemerkt: nicht nach Chanel und Fendi, die großen Marken, für die er seit vielen Jahren entwirft, sondern nach dem, was der Couturier selber trägt, seit er sich vor drei Jahren nach einer Diät neu erfand und mit schmaler Silhouette, schwarzen Röhrenjeans, Vatermörder und schwarzen Krawatten wiedergeboren wurde. Dieses Styling liefert Lagerfeld bei H&M nun für den Mann - und auch die Frau: Blusen mit hohen, steifen Kragen, Krawatten, Leggings und wuchtige Gürtel sowie Biker-Ringe, die auch der Designer an den Fingern trägt.

Seine Person im Vordergrund

Hinter dieser Kollektion steckt aber mehr als nur das Spiel mit androgynen Themen. Mit H&M, einer Marke ohne eigene Designgeschichte, hat Lagerfeld das machen können, was bei Chanel, einer traditionsreichen Marke, unmöglich gewesen wäre: seine Person in den Vordergrund zu spielen. Nicht immer auf subtile Weise: Ein T-Shirt ziert die Zeichnung seines Konterfeis. Und für die Kampagne hat er nicht nur das amerikanische Model Erin Wasson, sondern auch sich selbst fotografiert. Im Pret-a-porter würde man ihn angesichts dieser Selbstvermarktung belächeln, im Massenmarkt gehört das zum Geschäft.

Das Signal, sich als Model zu präsentieren, ist aber weniger werblich als emotional zu verstehen: "Seht her, ich bin einer von euch. Tragt mich!" So schafft es der Designer, Millionen Mal reproduziert und getragen zu werden - von einer Generation, die mehr als drei Jahrzehnte jünger ist als er. Auf diese Weise wird er, vielleicht mehr noch als durch seine Couture-Kollektionen, unsterblich werden.

Ein großer Scherz

Kann natürlich auch sein, daß Lagerfeld sich mit dieser "Überdosis Lagerfeld" einen großen Scherz erlaubt. Ironie ist sein Spezialgebiet und die beste Waffe, sich nicht in die Karten gucken zu lassen - auch wenn er auskunftsfreudig ist und im Stakkato einer Nähmaschine redet. Zu seinem 65.Geburtstag im vergangenen Jahr verkündete er wie als Mahnung, daß er den Höhepunkt seiner Kreativität noch nicht erreicht habe. Den Beweis hat er mit dieser Kollektion geliefert.

H&M hat natürlich auch etwas von der Zusammenarbeit: Sie befördert das Firmenimage, eben nicht nur gut zu kopieren, sondern auch selbst Trends zu bestimmen und in der Designer-Liga mitzuspielen. Von einer "anderen Dimension im Modegeschäft" spricht die Chefdesignerin Margareta van den Bosch. Kann gut sein, daß die Kollektion "Karl Lagerfeld for H&M", die am 12.November in mehr als 1000 Läden auf der ganzen Welt kommt, schnell ausverkauft sein wird.

Eleganz für Teenager

Wo gibt es das sonst? Ein Rollkragenpullover von Karl Lagerfeld für 39,90Euro, ein Blazer für 99, eine Jeans für 49,90. Abgesehen davon, daß die Kollektion auch feminine, elegante Partymode zeigt, wie die Pailletten-Jacken, Rüschen-Röcke und Organza-Kleider - ganz im Trend der neuen Eleganz, die nun auch die Teenager-Generation erreichen dürfte. Dazu kommt ein Parfum mit dem Namen "Liquid Karl". Und was ist auf dem Etikett zu sehen? Klar, der Meister selbst.

Zunächst ist die Zusammenarbeit als einmaliges Projekt geplant. Aber der Erfolg könnte das ändern und H&M den Herrn Lagerfeld abermals engagieren. Aber vielleicht ist der hyperaktive, schnell gelangweilte Designer dann schon mit etwas Neuem beschäftigt. Die Liste seiner Nebentätigkeiten ist lang. Und das Lebenswerk längst noch nicht vollendet.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.09.2004, Nr. 38 / Seite 65
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Jahrgang 1966, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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