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Mode Die Prinzessin vom Planeten Punk

05.04.2004 ·  Eine große Ausstellung in London zeigt das Lebenswerk von Vivienne Westwood. Auch an anderen Orten in London lebt die "Punkature"-Mode weiter.

Von Alfons Kaiser
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Der Minutenzeiger schnellt zurück, der Stundenzeiger immer hinterdrein. An dem windschiefen Laden in der Londoner King's Road 430 ist die Zeit jedenfalls nicht stehengeblieben. Die große Uhr über dem Schaufenster läuft immer links herum. Man muß nicht wissen, daß dieser Laden von Vivienne Westwood gegründet wurde und daß sie, weil die Massenbewegung über das Lädchen hinauswuchs, von hier aus vor drei Jahrzehnten den Punk in die große weite Welt exportierte. Man wird auch so erkennen: Hier arbeitet jemand gegen die Zeit. "World's End" heißt der Laden. Und vom Ende der Welt aus gesehen, kann die Uhr natürlich nur zurückgehen.

Die knarzenden Bohlen, das aufdringliche Badezimmertürkis, das stehkloähnliche Umkleidekabinchen, die schräge Säule und der abschüssige Boden - nicht nur die Zeit, auch der Raum ist aus den Fugen. Vielleicht blieb der Grand Old Schachtel der europäischen Mode Anfang der Siebziger in diesem Ambiente gar nichts anderes übrig, als mit ihrem Mann Malcolm McLaren den Punk zu erfinden und die "Sex Pistols" zu verkleiden. Denn die King's Road von damals, zumal hier an ihrem baldigen Ende, darf man sich nicht so teuer und schön vorstellen wie heute. Damals war sie heruntergekommen. Das zog die jungen Modeleute an. Heute sind das rundliche belgische Damen, die mit einem unbestimmten Schimmern in den Augen versichern, daß sie, wenn sie nach London kamen, nicht in die Carnaby Street fuhren, wo noch immer der Massenmarkt herrscht, sondern gleich in die King's Road, wo der Punk abging.

Kauzige Frau mit David-Bowie-Frisur

In dem Laden, der zur Eröffnung im November 1971 "Let it rock" hieß und das "Let it be" der Beatles zukunftsfroh umwandelte, dann seit Frühjahr 1973 "Too Fast to Live, Too Young to Die", seit 1974 "Sex", seit Dezember 1976 "Seditionaries" und schließlich seit Frühjahr 1980 "World's End", sahen die Besucher: eine kauzige Frau und einen unsympathischen Mann, die Stoffe, Farben, Formen fröhlich durcheinanderbrachten. Zu all ihren Absurditäten schnitt sich die junge Vivienne als erste die später berühmte David-Bowie- und dann auch noch die Annie-Lennox-Frisur. Sie stattete also von Plateausohle bis Strubbelscheitel eine ganze Generation aus, deren Spätlinge bis in die Neunziger zur Fotografierfreude deutscher Touristen mit Fusel im Dusel am Sloane Square rumhingen. Das alles spürt man in dem kunterbunten Krimskrams-Laden. Und wenn man Glück hat, kommt auch mal die Designerin vorbei, die in Kensington wohnt, ihr Atelier in Battersea hat und gerne, am nächsten Donnerstag 63 Jahre alt, durch die Gegend radelt. Im Laden übrigens hängt die Uhr von draußen noch mal im Kleinformat. Der Stundenzeiger dreht sich aber ganz allein zurück. Der Minutenzeiger hängt herunter, immer auf der Sechs. Er kann wohl einfach nicht mehr.

Auch in der bislang größten und wohl auf Jahrzehnte hinaus wichtigsten Vivienne-Westwood-Ausstellung gehen die Uhren anders. Aber im Eingang der Ausstellung im "Victoria and Albert Museum", die am Donnerstag eröffnet wurde und bis zum 11. Juli läuft, wird die Uhr auf Glas projiziert. Wenn man also aus der Ausstellung zurückschaut, läuft die Uhr richtig herum. In Westwoods Welt, soll das wohl heißen, ist alles in Ordnung. Nur wer von außen kommt, wird glauben, auf dem fernen Planeten dieser seltsamen Prinzessin ticke es nicht richtig. Und die herrliche Schau mit mehr als 150 Exponaten zeigt wirklich, daß sich Vivienne Westwood aus sich selbst heraus wie von selbst versteht. Zuerst kam der Punk. Sie erfand mal eben den Bondage-Anzug mit Schnallen und Gurten um den Körper. Sie bedruckte T-Shirts mit Anti-Phrasen ("Only Anarchists are Pretty"), mit nackten Brüsten, mit kombinierten Haken- und Christuskreuzen. Sie garnierte die Hemdchen mit aufgenähten Hühnerknochen. Sie schnitt Minikrawatten aus Leder, die mit Reißverschluß zu öffnen waren, so daß ein Pin-up-girl herauslugt. Sie freute sich täglich an ihren Geschmacklosigkeiten und ließ sich von Bikerleder fast so sehr anregen wie vom sadomasochistischen Striemengewerbe.

Das Alte neu gedacht

Dann wurde ihr der Punk zu langweilig. Sie stieg in die Archive ein und dachte das Alte neu. Sie orientierte sich am französischen Rokoko, ahmte die Zeichnungen des Francois Boucher von Madame Pompadour nach, nahm sich den traditionellen Harris-Tweed vor und wickelte sich ihn so lange zurecht, bis der Männerwerkstoff weiblich aussah, blickte dann wieder auf Christian Dior zurück und schuf geradezu klassische Tailleurs mit dem gewissen Twist, brachte Piraten-, Harlekin-, Land-, Abend- und Jeans-Kollektionen heraus. Langeweile war nie das Programm: Miniröcke, Bustiers, Korsagen brachen die Tradition auf unerhörte und manchmal auch echt häßliche Weise, lange bevor ihre Landsmänner Alexander McQueen und John Galliano weitere Schnitte in die Zukunft taten. Die Kuratorin Claire Wilcox hatte genug Schwierigkeiten, 1983 den Erwerb der ersten Westwood-Teile für das V&A durchzusetzen - denn das war nicht Couture, sondern Straßenmode. Inzwischen verfügt das Museum (nach der Meisterin selbst) über die vermutlich größte Sammlung von Westwood-Stücken: Selbst bei dieser großen Ausstellung bleiben die meisten Teile im Keller.

Vivienne Westwood ist museumsreif. Die Punk-Entwürfe erscheinen nur den Älteren erfrischend aktuell. Seit der "Punkature" legt sich leichter Staub auf die Garderobe. Selbst die Thesen-Kleidung ist historisch geworden. Dafür sieht man so die Traditionen in den Kleidern besser: In den Reißverschlüssen, Schnallen, Nieten und Lederriemen erkennt man heute nicht mehr den Aufstand gegen die festgefügte Welt, sondern den Versuch, die Traditionen, im Patchwork zusammengefügt, noch einigermaßen zusammenzuhalten. In Vivienne Westwood steckt wirklich viel von jener traditionsbewußten Maggie Thatcher, als die sie sich einmal in ironischer Absicht hat ablichten lassen.

Westwoods Spuren in London

Die Spuren Vivienne Westwoods führen aber noch weiter durch London. Nicht nur in den großen Laden in der Conduit Street 44, wo der Geschäftsführer fast wehmütig von den Zeiten erzählt, als "World's End" von der Polizei geschlossen wurde; heute interessiert sich kein Sittenwächter mehr für die Entwürfe, und auch das macht sie viel weniger spannend. Daher auf in die Broadwick Street Nummer 6 in Soho, wo das Lingerie-Geschäft "Agent Provocateur" mit Überraschungen aufwartet. Joseph Corre, Sohn von Westwood und McLaren, hat es mit seiner Frau Serena Rees gegründet. Ein bißchen frivol muten die tief dekolletierten Verkäuferinnen, die straßbesetzten Lederpeitschen und die schwarze Lingerie aus Seide, Tüll und Latex schon an. Aber kennt man das alles nicht irgendwoher? Eben! Teils liegt es schon im Archiv des V&A. Auch Modegeschichte wiederholt sich - als Farce.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.04.2004, Nr. 14 / Seite 56
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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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