18.07.2004 · Die Stimmung ist prima bei der Modemesse „Premium“ in Berlin, wo deutsche Designer ihre Linien vorstellen. Die Türsteher sind gut beschäftigt. Mode ist, wenn möglichst viele draußen bleiben müssen.
Von Alfons KaiserDonnerstag nachmittag. Im Hof des Modeladens im Bezirk Mitte muß noch umgeparkt werden. Eine Designerin läßt in der Enge des vollgestellten Hinterhofes lieber ihren Mann ans Steuer. Dann muß noch ein Wagen rückwärts heraus, so daß ein dritter endlich ganz hinauskommt, und die ersten beiden gehen retour auf ihren Platz zurück. Es wird eng zur Begrüßung der Gäste bei der Modemesse "Premium", die das ganze Wochenende noch vor sich hat. Viele strömen herbei.
Dieses Mal ist auch Wirtschaftssenator Harald Wolf von der PDS da. "In Berlin tut sich was beim Thema Mode", sagt Wolf, der einzige, der im dunklen Anzug erschienen ist. "Berlin steht für Veränderung." - "Berlin wird immer jünger, das drückt sich in der Mode aus." - "Die Stadt gewinnt von der Branche, und die Branche gewinnt von der Stadt." Die "Premium"-Manager Anita Bachelin und Norbert Tillmann lächeln zufrieden. Hunderte Aussteller sind gekommen, viele Einkäufer werden erwartet. Die Journalisten notieren sich die Namen "Barney's" und "Selfridges". Ein Trendladenbesitzer erzählt, man wolle in Friedrichshain einen ganzen Trendbezirk schaffen wie in Covent Garden oder im Marais. Paris, London - Friedrichshain? Manche lächeln. Denn Mitte gibt es ja auch schon.
Freitag morgen
Vom Potsdamer Platz geht eine Treppe hinab in den Tunnel. Eine U-Bahn soll hier mal fahren, aber das dauert noch. Jetzt ist hier "Premium"-Modemesse. Im Januar gab es nur diesen Tunnel. Jetzt steht oben an der Leipziger Straße auch noch ein gigantisches Zelt. Zum ersten Mal hier: die Adidas-Trendmarke Y-3, die Münchner Modemarke Rena Lange, die Mainzer Designerin Anja Gockel. Wieder sieht man Dirk Schönberger, Stephan Schneider, Kostas Murkudis. Der Modemarkt ist rückläufig, das wissen sie alle in ihren Kojen. Aber sie machen sich Mut.
Anja Gockel hat ihren Verkauf in den letzten Saisons jeweils verdoppelt - vor allem das Interesse in Arabien wächst. Dirk Schönberger freut sich über Einkäufer aus Los Angeles. Die Firma "Firma" eröffnet nächstes Jahr einen eigenen Laden in der Neuen Schönhauser Straße. Früher, sagen die beiden Modemacher, hätten die Einkäufer nur in Paris geordert, jetzt kämen sie nach Berlin. Der spanische Designer Custo Dalmau ("Custo Barcelona"), 50 eigene Geschäfte in aller Welt, nennt Berlin schlicht "einen der wichtigsten Modeorte". Einen Laden hat er hier noch nicht. Das soll sich bald ändern.
Freitag abend
Die Designerin Mari Otberg hat in Berlin immer die Dekadenz von London vermißt, wo man Blattgold in den Champagner raspelt. "Late lunches" heißt ihre Kollektion, die sie im Hof des Restaurants "Maxwell" zeigt. Die Hutmacherin Fiona Bennett ist mit dabei. Die beiden treffen sich manchmal morgens um acht bei ihrem Bäcker und kamen irgendwann auf die Idee, zusammen etwas zu machen. "Hüte sind total dekadent", sagt Mari Otberg. "Und deswegen paßt's zu meiner Kollektion." Otberg läßt die Puppen tanzen: ausgestellte Röcke und Streifenjacken, überbordend, witzig, festlich bestickt. So feierlich ungezwungen - man wähnt sich fast in Paris. Alltag ist nicht. Das paßt zur Partystimmung, also zu Berlin.
Freitag nacht
Die Jungdesignerschau im Museum für Kommunikation ist vorbei. Gesponsert wurde sie von einem deutschen Bierhersteller. Vorne an den Laufsteg hat er lange Fahnen gehängt mit seinem Logo. Begonnen hat die Schau zwei Stunden zu spät, als wäre das hier New York und alle hätten auf Brad Pitt gewartet. Sieben Nachwuchsmarken haben sich angestrengt. Danach gibt's viel Bier auf der After-Show-Party im Hof. Die auffälligste Kollektion ist die unauffälligste. Therese Pfeil und Franziska Schreiber sehen etwas erschöpft aus. Mit ihren Kolleginnen Elisabeth Schotte und Franziska Piefke - alle unter dreißig - haben sie diese entspannte Kollektion entworfen: Hosen, Shirts, Hängerkleider, mit überraschenden Details bis hin zum Silikon-Strick. Das sieht auch deshalb ausgeruht und elegant aus, weil jedes Kleid mindestens vier Prüfungen bestehen muß: Die Designerinnen tragen alles selbst zur Probe. Über die Tauglichkeit entscheidet der Alltag. "Pulver" heißt ihre Marke. Das klingt bescheiden. Und für Berliner Verhältnisse sind die vier Designerinnen das auch: "Erst kommt die Frau, dann das Kleid", sagt Therese Pfeil und feiert weiter.
Samstag mittag
Auf dem Laufsteg sitzt Karl-Heinz Müller, der Powerbroker der deutschen Mode. Neben ihm, deutlich schmaler, Kristyan Geyr. Gemeinsam mit Wolfgang Ahlers haben sie die deutsche Mode durcheinandergeworfen wie niemand seit 1949, als die Interessengemeinschaft Damenoberbekleidung (Igedo) in Düsseldorf gegründet wurde. Aus Köln, wo sie vor drei Jahren die Sportswear- und Jeans-Messe "Bread and butter" gründeten, zogen sie vor anderthalb Jahren nach Berlin, kauften das alte Siemens-Kabelwerk auf der Insel Gartenfeld in Spandau, rüsteten Industriearchitektur zur Ausstellungsfläche um.
Seitdem kommen im Januar und im Juli an drei Tagen immer mehr Besucher und Aussteller. Nun sitzt Müller auf dem Laufsteg und hält hof. Er scheint hier alles im Griff zu haben. Wo sonst werden Pressekonferenzen immer wieder vom Applaus der Journalisten unterbrochen? Im Januar 2005 kommt noch die Damenmodemesse "Milk and Honey" (mit eigenen Aroma-DJs) dazu, an eine Kindermesse denkt Müller auch schon. Jetzt sind 605 Marken da, 16 824 Besucher allein am Freitag, zu 52 Prozent aus dem Ausland - Italien, Großbritannien, Niederlande, Spanien, Österreich. Müllers größte Probleme sind Verkehrsprobleme im Niemandsland zwischen Charlottenburg und Spandau: "Wir können es hier nur beshutteln. Wir können keine sechsspurige Autobahn bauen." Müllers Zukunftsvision: Parkhäuser bauen.
Samstag nachmittag
"Bread and butter" ist eine bunte Messe mit einem schönen Sandstrand zwischen den Hallen, mit Sportswear, Sneakers und vor allem Jeans. Aber nun auch erstmals da: Boss, Escada Sport. Und Strenesse: Gerd Strehle, der vor über dreißig Jahren mit diesem Kunstnamen die Jeunesse ausrief, spürt nun wieder "neuen Aufbruch, neue Stimmung: wie damals!". Und springt weiter wie ein Dreißigjähriger - zur Diskussion mit anderen Designern.
Sonntag früh
Die Partys gehen weiter. Im Kronprinzenpalais verlost die Messe "Bread and butter" einen Rolls-Royce. Das Los kostet 50 Euro. Die gehen an einen guten Zweck. Der Sieger ("Hey!") freut sich, und ein Feuerwerk geht über ihm nieder. Ein paar hundert Meter feiert die "Premium"-Messe ein erfolgreiches Wochenende im "Cookies". Da hört man, der alte Silver Shadow der Feier nebenan sei gar nicht so teuer gewesen und werde den glücklichen Gewinner hohe Versicherungssummen kosten.
Stimmung stimmt ansonsten: Die Türsteher sind gut beschäftigt. Mode ist, wenn möglichst viele draußen bleiben müssen. War noch was? Ach ja, gleich ist ja noch Messe. Noch ein paar Einkäufer kommen, Stände müssen abgebaut, Orderblöcke eingepackt, Kleidungsstücke verfrachtet werden. Klar, stimmt, nicht vergessen: Eigentlich ist die Party längst vorbei.
Alfons Kaiser Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.
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