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Mode Der ungebügelte Mann

 ·  Männer ohne Krawatten und Stoffwechsel ohne Ende: Die Männermode hat nach zwei Wochen Schauenmarathon in Paris und Mailand ihre großen Trends. Die neue Lässigkeit begegnet der Verweiblichung.

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Das Motto der neuen Männermode aus Mailand und Paris für den nächsten Sommer: Männer ohne Krawatten und Stoffwechsel ohne Ende. In Mailand geht es in der Regel um den besten neuen Stoff. Diese Saison: die Seide. In Paris wird entschieden, wie die Silhouette aussieht. Dieses Mal: mit Volumen geschnittene Anzüge und Mäntel, bei denen die Ärmel oft aus anderem Stoff angenäht sind. Die beste Schau in Mailand: Tomas Maier für Bottega Veneta. In Paris: Stefano Pilati für Yves Saint Laurent und Alber Elbaz für Lanvin. Alles andere zählt nicht, auch nicht New York. Denn die wichtigste Männermarke Amerikas, Calvin Klein, ist nach Mailand zurückgekehrt mit einer starken Schau des Designers Italo Zucchelli.

Tomas Maier scheint sich von Saison zu Saison zu verbessern. Am Anfang stand die Bottega-Veneta-Männergarderobe für den nach neapolitanischem Muster geschnittenen Anzug mit übertriebener Schulter und eng zugeknöpfter Krawatte. Maier selbst trug diesen Look auch gern, wenn er das Publikum am Ende der Schau begrüßte. So wie er jetzt eine verwaschene Armeejacke mit vier aufsitzenden Taschen mit Jeans trägt, so hat sich der Bottega-Mann locker gemacht - mit fließenden Jogginghosen, superdünnen Lederblousons, schönen T-Shirts. Die Schau ist symptomatisch für die neue Lässigkeit der Mailänder Mode. Alle Teile sehen ungebügelt aus. Der verwitterte Look ist perfekt gemacht.

Feminisierung der Männermode

In Paris sieht Pilati für Saint Laurent einen Mann, der zur weiten Bundfaltenhose einen engen Kummerbund über einem T-Shirt im gleichen Muster trägt. Die Schau ist eine Hommage an die Codes des Hauses Saint Laurent, bis hin zum nordafrikanischen Fes, der an den in Algerien geborenen YSL erinnerte.

Alber Elbaz, der die zweiwöchige Herrenschauensaison am Sonntag mit einem starken Auftritt beendete, glaubt an einen phantastischen Materialmix: Seidenblousons mit Nylonnähten sorgen für einen modernen Jockeylook. „In der Modeschule haben sie uns immer gesagt, es geht um Stoff und Farbe. Das haben wir mit dieser Kollektion auf die Spitze getrieben“, sagt der schwitzende Designer nach der Schau im Jardin des Plantes. Lanvin treibt den Großtrend der Feminisierung der Männermode voran. Während auf anderen Laufstegen aber tatsächlich Röcke zu sehen waren, unter anderem bei Givenchy und Raf Simons, so zeigen Elbaz und sein Mitdesigner Lucas Ossendrijver viel Halsschmuck. Die Arbeit liegt in den Details. Eine Hose bekommt am Schoß eine Extrabahn Stoff eingenäht, und die Nähte bleiben offen, um eine Art Haute Couture für den Mann zu schaffen. Lanvin verabschiedet auch das Mikrojackett für Männer, das extrem eng sitzende Sakko aus den Zeiten von Hédi Slimane bei Dior Homme: Hier umhüllt ein großzügiger und mit viel Volumen ausgestatteter Anzug eine natürliche Schulter.

Die Mailänder Stoffentwicklung richtet sich nach Jahren der Kaschmirdominanz nun auf die Seide. In der Modeindustrie überlebt nur, wer dauernd neu denkt, nach den besten Ressourcen sucht - und eben nach dem besten Stoff. Mit Leinen-Wolle-Mischungen Leichtigkeit und trotzdem Form zu erzeugen ist ohnehin kein Problem mehr. Auf dem Laufsteg von Dolce & Gabbana sah man wunderschöne weiße Anzüge aus diesem Material - zum zwanzigjährigen Jubiläum der Herrenlinie stürzen sich Domenico Dolce und Stefano Gabbana auf den neuen lässigen Esprit. Wenn Annie Lennox herzzerreißend am Piano Balladen singt, bleibt dem Publikum gar nichts mehr übrig, als sich den beiden Designern auszuliefern, die ihre Modenschau für eine beeindruckende Produktschau nutzen: Anzüge, Badehosen, Freizeitkleidung, formelle Kleidung, fabelhafte Sandalen.

Verzweifelt an Jugendtrends gehängt

Christopher Bailey hat wieder mal im Archiv von Burberry gestöbert - und fand eine Motorradhose von Thomas Burberry, die er zur Grundlage der Kollektion machte, kombiniert mit langen Strickjacken und, natürlich, Trenchcoats aus braunem Leder mit Epauletten. Kein Wunder, dass das britische Luxusunternehmen die Krise gut überstanden hat und vor allem in Asien boomt.

Donatella Versace, die sich von ihrem Designer Alexander Plokhov getrennt hat, verschreibt sich dem London der sechziger Jahre mit einer Kollektion von schwarz-weiß-dominierten Carnaby-Street-Anzügen, um vom kernigen Mann wegzukommen. Die Models tragen zum Schluss der Schau trotzdem die klassischen Versace-Hemden mit wilden Prints und geben dem Ganzen so einen neuen Dreh. Giorgio Armani hängt sich, je älter er wird, desto verzweifelter an Jugendtrends. In diesem Falle hat er das neue Video von Lady Gaga zum Song „Alejandro“ ausgestattet. In seiner Emporio- Schau lässt er unreflektiert eine Armee von Männern das Finale bestreiten, die in schwarzem Leder gekleidet sind. Das sieht nicht nur nach einer Modenschau aus. Die Leggings unter Shorts kamen auch nicht aus des Meisters Kopf - sondern wurden zuerst auf dem Laufsteg von Riccardo Tisci für Givenchy gesehen.

Bescheidener gibt sich Gucci. Zunächst hatte Designerin Frida Giannini lange krampfhaft versucht, in den Fußstapfen von Tom Ford zu bleiben. Mittlerweile greift sie in die Geschichte des Hauses. Also sieht man klassische Gucci-Loafer mit Safarijacken und cognacfarbenen Accessoires - und das wirkt richtig gut. Die zweireihigen Jacken, kombiniert mit dünnen Seiden-T-Shirts, ließen ein nobles italienisches Bürgertum entstehen. „Mit den Stickereien von Strasssteinen wollte ich ein bisschen provozieren“, sagte Giannini nach der Schau. Sie waren dann auch nicht zu viel.

So pur, so schlicht, so schlagend

Raf Simons zeigte seine Kollektion für Jil Sander auf der Messe Pitti in Florenz statt wie gewohnt in Mailand. Er nahm bei der Gartenpräsentation die Farbenpracht der Natur als Grundlage für eine fluoreszierende Aussage: Veilchen, Narzissen, Geranien waren die Paten der scharf geschnittenen Kollektion, die in Pullis mit zwölf verschiedenen Farbverläufen ihren Höhepunkt fand. Prada versah sogar die überdimensionierten Pullover mit Regenbogenstrickerei am Kragen. Miuccia Prada wechselt wie immer am schnellsten die Gänge und hat sich nach ihrer Mantelkollektion vom Winter auf starke Sportswear-Stücke konzentriert, mit vielen Shorts und langen T-Shirts. Im Hause McQueen schickt die Nachfolgerin des Designers, Sarah Burton, eine gute Schau auf die Bühne: englische Schneiderei mit einem Twist, vor allem die Mäntel gelingen ihr gut.

Dries van Noten entfernt sich auch mit den Herren von seinen ethnischen Wurzeln. Für den nächsten Sommer sieht er seinen Mann mit kurzgeschorenen Haaren in hohen Boots, Acid-Washed-Jeans und an den Schultern abgesteppten Lederblousons. Van Noten, der nach der Schau sagt, er suche nach einer „neuen Eleganz“, will nach dem Damen- bald einen Herrenladen in Paris aufmachen, endlich. Stark in Paris auch Kris van Assche, der bei Dior Homme weiter seine fließende Silhouette verfolgt, und Stephan Schneider, der seine eigens entwickelten Stoffe in Portugal weben lässt - das Resultat ist ein rot-blau kariertes Blouson aus derbem Oxford-Stoff, perfekt für den deutschen Mann, der international gut auftreten will. Und natürlich Ann Demeulemeester, die sich einen aggressiven Stadtmenschen vorgestellt hat. Er muss sich schützen - ihre Kollektion in feiner weißer Baumwolle ist vom Fechtsport inspiriert. So pur, so schlicht, so schlagend sah man es nicht einmal in dieser spannenden Saison oft.

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