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Mode Der kalkulierte Stilbruch

24.05.2005 ·  Die neue Art, sich zu kleiden, heißt Cross-Dressing. Alles ist erlaubt: das Mixen von Farben, Mustern und Stoffen. Einfacher ist Mode deshalb aber nicht geworden.

Von Anke Schipp
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Für jede Frau ist der Morgen die schwierigste Tageszeit. Modisch gesehen. In diesen Stunden wird alles entschieden. Der Auftritt im Büro, das Treffen mit der Freundin, das Mittagessen mit dem Geschäftspartner. Die Morgen-Frage erreicht einen meist vor dem Kleiderschrank, Tag für Tag, nicht unerwartet und doch unvermittelt: Was soll ich bloß anziehen? Lieber den braunen Rock mit der fliederfarbenen Bluse? Aber welche Schuhe passen dazu? Gedanklich schwenkt man kurz auf den dunkelblauen Hosenanzug über. Doch die passende Bluse ist in der Reinigung. Das graue Kostüm? Dann wohl eher den schwarzen Faltenrock mit Twinset und die flachen Ballerinas probieren. Hm? Pumps sähen besser aus, aber die sind gerade nur in Braun verfügbar.

Das Zusammenstellen der passenden Garderobe birgt grauenvolle Momente. Sie könnten der Vergangenheit angehören, andererseits: Vielleicht beginnt erst jetzt die Quälerei. Denn es gibt einen neuen Dresscode mit der fabelhaften Eigenschaft, daß er sich selbst außer Kraft gesetzt hat. Es ist eigentlich traumhaft: Ich kann anziehen, was ich will. Nichts muß mehr zusammenpassen. Plötzlich darf man Grün mit Blau kombinieren, kann Streifen zu Karos tragen, Blümchen zu Punkten und Chiffon zu grober Baumwolle. In der Fachsprache heißt das "Cross-Dressing" - über Kreuz kombiniert. Die Modezeitschrift "Elle" spricht vom "No-Dresscode". Regeln gibt es nicht mehr, jedenfalls keine vordergründigen. Ein grünkarierter Faltenrock, eine gestreifte Bluse, dazu eine stahlblaue Tasche - früher hätte man das Geschmacksverirrung genannt. Heute ist es Style. "Unberechenbarkeit ist ein Stück Mode geworden", sagt Jörg Ehrlich, Kreativdirektor bei Rene Lezard.

An lebenden Barbiepuppen getestet

Das Mixen von Farben, Materialien und Stilen ist eine Moderichtung, die nicht plötzlich gekommen ist. Sie hat sich langsam herangeschlichen, wurde in Kultserien wie "Sex and the City" an lebenden Barbiepuppen getestet, bevor man sie der Durchschnittsfrau zumutete. In diesem Sommer erreicht die Welle ihren vorläufigen Höhepunkt. Der kalkulierte Stilbruch entspricht dem Lebensgefühl. Das Schlagwort lautet auch in der Mode: Individualität. Man läßt sich nur noch ungern etwas vorschreiben. "Es entspricht dem hybriden Denken", sagt Ehrlich. "Menschen hören klassische Musik und Popmusik. Es gibt keine Schubladen mehr."

Also: Komplettlooks, bei denen Frauen sich zum Kostüm die passende Bluse samt Schuhen und Tasche kauften, gehören der Vergangenheit an. Modemarken, zumal die etablierten, müssen sich darauf einstellen. Schwerpunkte in den Kollektionen setzen jetzt markante Einzelteile, die sich im Kleiderschrank zu anderen Egozentrikern gesellen. Dazu gehören Second-hand-Teile, die als eigenes Genre jetzt Vintage genannt werden, die Lieblingsjeans oder das teuer erworbene Designerteil. Das Outfit präsentiert sich nicht mehr als ein durchkomponiertes Bild, sondern hinterläßt den Eindruck einer Collage. Marken haben darauf reagiert und zeigen ihre Looks dementsprechend. "Wir denken die scheinbare Zufälligkeit des Cross-Dressing vor", heißt es bei Rene Lezard. Das Ergebnis wird in den Anzeigenkampagnen und den Schaufenstern der Läden präsentiert.

H&M früh spezialisiert

Besonders früh hat sich die Modekette Hennes&Mauritz auf den kunterbunten Mix aus Einzelstücken spezialisiert und den Trend vermutlich mit angeschoben. Ihr Sortiment wechselt im Tagesrhythmus, über den Kauf der Billigware muß nicht lange nachgedacht werden. So kommt die Kundin gar nicht erst ins Grübeln, ob sie das Kleidungsstück wirklich braucht und ob es sich in die Gesamtgarderobe fügt. H&M-Stammkundinnen verfügen deshalb oft über ein Sammelsurium an Einzelteilen, die sie unbekümmert sampeln.

Auf der gehobenen Konfektionsebene gehört Christopher Bailey, Chefdesigner bei Burberry, zum Meister der gekonnten Mischung. Das könnte daran liegen, daß er Engländer ist. Auf der Insel gehörte es schon immer zum guten Ton, ziemlich unbekümmert Alt- und Neuware zu kombinieren und dabei hinzunehmen, auf dem Pfad des guten Geschmacks gelegentlich auszurutschen. Bailey hat den Lagenlook perfektioniert. In seiner aktuellen Kollektion hat er sich von englischem Wedgewood-Porzellan inspirieren lassen. Die Folge: Blumenbeete zuhauf, keines, das dem anderen gleicht. Aber - und das ist das Geheimnis des Cross-Dressing: Es sieht trotzdem gut aus.

Üben, üben, üben

Was heißt das für die durchschnittliche Kundin? Üben, üben, üben. "Ich möchte im Moment keine Frau sein", sagte unlängst der Chefredakteur des Fachmagazins "Textilwirtschaft", "sie braucht ein Diplom im Kombinieren." Modezeitschriften wie "Instyle" und "Glamour" haben diesen Bedarf längst als Marktlücke erkannt und sich darauf spezialisiert, ihren Leserinnen seitenweise Styling-Tips zu geben, nach dem Motto: "So kombinieren Sie richtig." Der neue Bekleidungsstil wirkt sich auch auf den Handel aus: "Wir brauchen keine Verkäufer", sagt Ehrlich, "wir brauchen Stilberater."

Die Regeln des Cross-Dressing sind subtil; was aussieht wie zufällig aus dem Schrank gezogen, ist oft generalstabsmäßig geplant. Deshalb, so warnen uns die Stylisten der Magazine, sollten Anfänger vorsichtig sein. Der Schritt von der Style-Queen zur Vogelscheuche ist nur ein kleiner mit fataler Wirkung. Mehr denn je gilt es in der Mode, die Balance zu halten.

Farben präzise kalkulieren

Besonders beim Thema Farben sollte man präzise kalkulieren. Einfach ist es noch, wenn man zwei Farben kombiniert, die sich früher abgestoßen haben, wie Rosa und Orange oder Blau und Grün. Schwieriger wird es mit einer dritten Farbe. Traut man sich die Kombination zu, muß unbedingt ein neutrales Kleidungsstück hinzugefügt werden - entweder eine Jeans oder ein weißes beziehungsweise schwarzes Teil als eine Art Puffer, der das Auge beruhigt. Mutiger kann man bei Pastellfarben sein: Sie verbindet ein gemeinsamer Grundton, und deshalb können sie unbedenklich kombiniert werden. In diesen Farben ergänzen sich auch Blumen und Streifenmuster auf harmonische Weise.

Grundsätzlich aber gilt: Nur auf ein Style-Element konzentrieren, nicht in Farben und Formen gleichzeitig experimentieren. Wenn man einen Rock aus grober Baumwolle mit Chiffonhängerchen kombiniert, ist man schon mutig genug und sollte nicht zusätzlich ein Musterwirrwarr schaffen. Materialmix sieht vor allem dann gut aus, wenn alles die gleiche Farbe hat. Ein weißes Outfit aus Häkeltop, Baumwollrock und Lackledermantel erhält so seine Spannung. Blümchenmuster funktionieren gut, wenn sie wie bei Burberry ähnlicher Herkunft sind. "Instyle"-Beraterinnen warnen: Karos, Streifen, Punkte darf man kombinieren, wenn die Farben harmonieren. Aber: "nicht im Büro und wenn Sie über 35 sind!" Für manche Frau ergibt sich daraus leider folgende traurige Regel: Finger weg vom Cross-Dressing.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.05.2005, Nr. 20 / Seite 65
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