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Mode aus Iran Die Achse des Schönen

28.03.2009 ·  Das Kopftuch als Accessoire, rückenfreie Kleider, viel Dekolleté und aufreizende Farbenspiele: Auf einem Festival in Karlsruhe bringen drei iranische Modemacherinnen ihre vielfältigen Entwürfe von Freiheit auf den Catwalk. Denn in Iran ist Mode noch Politik.

Von Lydia Harder, Karlsruhe
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Das Model ist verhüllt von den Haaren bis zur Sandale. Sieht so Iran aus? Ein einziger Schleier? Die Frau nimmt den Saum ihres Gewandes, wirft den Stoff mit einem Ruck über den Kopf und schält sich heraus wie eine Raupe beim Entpuppen. Übrig bleibt ein enger Rock mit einem Oberteil, das kaum mehr verdeckt als ein Bikini. Das ist Iran.

Drei Designerinnen aus Teheran führen ihrem Publikum bei den Karlsruher Festspielen „Tausend und ein Iran“ das Frauenleben im Orient vor - und dessen viele Schichten. Knapp 400 Besucher sitzen im Modehaus „Carl Schöpf“, meist ältere Damen. Einige schnappen nach Luft, als sich bei einem Model die Unterwäsche unterm Satinkleid abzeichnet: „Ganz schön gewagt!“ Die Models sind teils aus Iran eingeflogen, teils leben sie hier. Sie tänzeln mit spöttischem Lächeln an den Kameras vorbei. Die Vorurteile treten sie mit ihren High Heels zu Boden.

Den Schleier nicht als Einschränkung sehen

Die Mode von Nagmeh Kiumarsi ist für selbstbewusste Frauen gemacht. Der Schleier ist mehr Accessoire als Schutz vor den Blicken fremder Männer. Die Röcke sind bodenlang. Doch lässt das Model den Mantel fallen, kommen schulterfreie Kleider mit viel Dekolleté zum Vorschein. Erdige Töne, Schleifen, Schärpen, Blumenmuster. Diese Mode ist so folkloristisch, als würden die Models gleich mit einer Glocke die Ziegenherde zusammentreiben.

Die Schleier sind mal wie ein Turban, mal wie ein Seeräubertuch gebunden. Und meistens fallen sie auf dem Catwalk zu Boden. Zu märchenhaft goldenen Gewändern trägt man Federn, Pailletten, Metallschmuck. Es wird tollkühn kombiniert. Die Models sind weiblich, ihre Blicke geheimnisvoll, nicht so leer wie auf den großen Modenschauen.

Das Publikum ist hingerissen von der Designerin, die mit Löwenmähne auf der Bühne steht und lacht. „Wir tragen das Kopftuch wie High Heels“, sagt Shadi Parand, 42 Jahre alt, in makellosem Englisch. Seit 20 Jahren entwirft sie Mode. Den Schleier will sie nicht mehr als Einschränkung sehen. „Die ganze Welt besteht aus Grenzen, auch die westliche.“

Die Hosenbeine wurden kürzer

Auf Modemessen in Paris und London tragen Models ihre ornamentalen Roben und die knappen Cocktailkleider - nur in Iran nicht. Dort dürfen ihre Modenschauen nur von Frauen besucht werden. Männer können die Kleider in der Öffentlichkeit nur sehen, wenn sie an kopflosen Schaufensterpuppen befestigt sind.

„Dabei sind Iranerinnen verrückt nach Mode“, sagt Nazanin Seyedadyn, Rehaugen, langes, goldbraunes Haar, 27 Jahre alt. Sie hat ihren Vater schon oft nach Deutschland begleitet, wenn er hier geschäftlich zu tun hatte. Als Kind emigrierte sie mit ihrer Familie nach Kanada. Dann kehrte sie zurück nach Teheran. „Mode spielt eine zentrale Rolle für uns. Wir spielen mit den Verboten.“

Sie rollt mit den Augen wegen der ständig gleichen Fragen zur Unterdrückung der iranischen Frau. Immerhin ist das Kopftuch weit den Hinterkopf hinuntergerutscht, und das Haar schaut unter dem Tuch hervor - zumindest in der Stadt und bei Betuchten. Auf dem Land gelten die alten Gesetze. Vor kurzem durften die Frauen sogar Capri-Hosen tragen. Das reizten sie aus, die Hosenbeine wurden kürzer, endeten gar knapp unter dem Knie. Dann wurden sie wieder verboten.

Gerade ist in Teheran die Tolle wiederauferstanden. Hochtoupiertes Haar, das aus dem Schleier triumphierend herausguckt und die Sittenwächter verhöhnt. Die seien immer noch unterwegs, sagt die iranische Moderatorin der Schau. Aber es sei nicht mehr so schlimm wie nach der islamischen Revolution im Jahr 1979. Es werde unterschieden zwischen „anständigen Passantinnen“ und Prostituierten. „Da wird keine Frau mitgenommen, weil sie zu viel Lippenstift aufgetragen hat.“

Eine Mischung aus Basar und Achtziger-Jahre-Disko

Trotz vieler Schlupflöcher bleibt der größte Teil des Outfits unter dem Tschador oder dem langen Mantel. Die Kleider von Nazanin Seyedadyn könnte man gewiss nicht auf den Straßen Teherans tragen. Sie sehen wie mittelalterliche Fechtkostüme aus: weißer Leinenstoff, Puffärmel, enge Hosen. Die Models schweben darin barfüßig über den Laufsteg.

Die junge Iranerin sieht ihre Kleider als Kunst, inspiriert von altpersischer Geschichte. Sie sollen traditionelle Musikinstrumente imitieren. Abgesehen von aufgestickten Rasseln ist das jedoch schwer zu erkennen.

Nach Folklore und Fechtgewand wird die dritte Kollektion präsentiert. Jetzt wird's noch bunter: Pink, Neongrün, Türkis, Henna. Shadi Parand hat nach der iranischen Identität gesucht, sagt sie. Gefunden hat sie offensichtlich eine Mischung aus Basar und Achtziger-Jahre-Disko. Ihre Umhänge mit Teppichmuster sehen aus, als könnte man auf ihnen in das Reich der aufgehenden Sonne fliegen. Darunter tragen die Models Röcke mit neongrellen Mustern. Die Krönung der Kollektion ist eine feudale Robe mit Samtumhang. Das Model trägt eine Maske: einen angedeuteten Tschador mit winzigen Augenschlitzen. Die Zuschauerinnen kichern.

Wo soll man schon Kaftane tragen?

Nach der Schau kontrollieren die Designerinnen gleich die Fotoaufnahmen von ihrem Auftritt. Sind sie auf allen Fotos mit Schleier zu sehen, oder gibt es Oben-ohne-Fotos? Sie wollen zu Hause ja weiter arbeiten können.

Nun hängen die Kleider auf der Stange. Ein paar Frauen wagen sich zum Anprobieren heran. Eine Etage höher steht der Rest des betagten Publikums mit Sektgläsern herum und wühlt sich durch einen Haufen bunter Tücher, die mit arabischen Lettern bedruckt sind. Eine Helferin erklärt, was die Schriftzeichen bedeuten.

„Schick, schick“, begeistert sich eine Besucherin. Als sie Iran besucht habe, sei ihr gar nicht aufgefallen, welch ausgeprägtes Modebewusstsein dort vorherrsche. Sie würde allzu gerne einen der Kaftane aus Leinen erwerben. „Aber wo sollte man solche Kleider tragen?“ Ein Mann um die fünfzig bekennt sich zu seiner Vorliebe für die orientalische Frau. Wenn die solche Sachen nur öfter tragen könnte!

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