20.01.2007 · Auf der Mailänder Herrenmodewoche stellen Designer ihre Entwürfe für den kommenden Herbst und Winter vor. Prada setzt auf kratzigen Strick, Gucci mag es volkstümlich und Versace nimmt Anleihen bei des Papstes Sekretär.
Von Florentine FritzenZu einer anständigen Modenschau gehört das Infoblatt an jedem Sitzplatz. Auf der „Moda Uomo“ in Mailand ist dieses Infoblatt auch schon mal mit einem Herrenstring oder einem Herrenduft garniert. Und überhaupt klingt „Infoblatt“ eigentlich viel zu profan. Denn diese Traktate auf gutem Papier bieten Einblicke in die superkreative Welt des Designs.
Krieg des Lebens
Beim kanadischen Label Dsquared zum Beispiel. „Life is a game“, steht da. Es folgt die Anleitung für das Spiel des Lebens: Schütze dich. Verstecke deine Waffen. Kenne deinen Feind. Rase zum Ziel. Die Models halten sich daran. Sie tragen Maulkörbe aus Leder. Halten ihre Schlagstöcke eng am Körper, und wer weiß, welche anderen Waffen noch unter Bomberjacken und in Bikerboots stecken. Ihre Feinde schüchtern diese Krieger auch mit Tätowierungen auf dem Bizeps ein, präsentiert in Muskelshirts.
Weiteren Respekt verschaffen sie sich mit Baseballkappen, Lederhosen, Gliederketten. Und „Coolness“: Mitten auf dem Schlachtfeld sind diese Männer noch imstande, Musik zu hören - aus silbernen Kopfhörern. Als der Letzte ins Ziel am Laufstegende eingelaufen ist, drehen alle, wie auf Schauen üblich, noch einmal gemeinsam die Runde. Dann lässt ein Hebekran mit großem Trara die beiden Designer herab, Zwillingsbrüder, die sich das Leben als Kriegsspiel erträumen.
Alpenglühen
Für ein zünftiges Après-Ski auf der Hütte sind die Entwürfe von Gucci eher ungeeignet. Da muss einen nur jemand ein bisschen schubsen im weizenbierseligen Überschwang, und schon schwappte einem vielleicht der eigene Kakao mit Rum und Sahne in den Fellkragen. Und wenn einem dann noch ein blöder Snowboarder die Alpenvogelfedern-Brosche von der Brust risse? Nicht auszudenken. Vielleicht will Frida Giannini mit ihrer zweiten Herrenkollektion für Gucci die Berge aber ganz einfach ins Tal versetzen. Mit manchen Stücken gelingt das gut. Im groben Strickpulli mag der urbane Alm-Öhi sicher auch auf der Couch im Flachland gerne kuscheln.
Die stilisierten Geweihe auf einem anderen Oberteil sind auch einigermaßen tieflagentauglich. Und der rot-weiß-schwarze Strickschal ist sogar richtig schön - und muss ja nicht mit einer Schneebrille kombiniert werden wie auf dem Laufsteg. Aber müssen Hüte sein, die nach Edel-Alm aussehen? Giannini verweist auf die „legendären europäischen Ski-Resorts“. Dass sie damit eher Kitzbühel meint als Nesselwang im Allgäu, ist ja klar. Fragt sich nur, ob man mit den ziemlich gut aussehenden Wanderschuhen in Davos bloß shoppen gehen könnte oder auch blasenfrei auf den Weißfluh käme.
Taschentick
„Accessoires werden für die Hersteller immer wichtiger.“ Das ist so ein Satz, der zurzeit in kaum einem Bericht, kaum einer Diskussion zur Lage der Mode fehlt. Ohne das Geschäft mit Nebenprodukten könnten die Modehäuser ihre Geschäftszahlen nicht aufrechterhalten, geschweige denn verbessern. Die Tasche aber ist das Accessoire schlechthin, und dass sie immer wichtiger wird, lässt sich mit Blick auf die Mailänder Laufstege ebenfalls nicht bestreiten. Und das, wohlgemerkt, in der Herrenmodewoche.
Männer können natürlich schlecht mit Handtäschchen herumlaufen, es sei denn, sie halten freundlicherweise mal kurz die ihrer Frau oder tragen galanterweise die ihrer Gattin. Für den männlichen Eigenbedarf verdonnern die Modehäuser die Herren jetzt kurzerhand zu riesigen Reisetaschen. Die werden nicht geschultert, sondern meist an zwei Trageriemen in der Hand gehalten. Das italienische Modehaus Bottega Veneta mit Sitz in Vicenza war schon ein traditionsreicher Taschenhersteller, lange bevor es seine erste Kleidungskollektion auf den Markt brachte. Naturgemäß sind auf der Bottega-Veneta-Schau besonders viele Taschen zu sehen, oft mit schuppigem Reptilmuster. Der deutsche Designer Tomas Maier kombiniert sie mit Kleidung in Farben wie Kamel, Oliv und Anthrazit.
Mit Karacho
Sport und Gesundheit sind die Lieblingsthemen des Belgiers Dirk Bikkembergs. Im Juni, als die Mailänder Herrenschauen während der WM stattfanden, präsentierte er eine Fußball-Kollektion - mit Fußballspielern statt professionellen Models. Wie damals steht auch diesmal an jedem Sitzplatz eine Flasche Gatorade. In der Sommerhitze saugten die Besucher ihre Flaschen im Nullkommanichts leer. Während dieser Modewoche bleiben viele übrig. Das liegt vielleicht nicht nur an der Kälte. Denn für seine neue Kollektion hat sich Bikkembergs vom Rennfahren anregen lassen.
Ist das ein Sport? Hat das was mit Gesundheit zu tun? Verliere ich dabei Elektrolyte, die ich mir mit Hilfe von Gatorade wieder reinfahren kann? Zwei Porsche Carreras röhren über den Laufsteg und unterbrechen den Gedankenfluss. Unschlüssig bleibt der Betrachter aber auch mit Blick auf die Kleidung selbst. Die Rennfahreranzüge mögen Rennfahrern gut gefallen, eignen sich aber ausschließlich für den Ring und nicht für die Fußgängerzone. Aber die Strickpullis sowie die funktionale und dabei ansehnliche Unterwäsche erscheinen durchaus tragbar. Bikkembergs konnte es übrigens nicht lassen, auch diesmal ein paar Taschen in der Form von Fußbällen in seine Kollektion zu schmuggeln.
Kratzig
Gibt es Eisbären eigentlich auch in Farbe? Nur bei Prada. Fast alle Modehäuser zeigen viel Fell. Meist ist der künstliche Pelz aber weiß, schwarz oder dunkelbraun - wie in der Natur eben. Manches Jackenfutter erinnert an Schafe, mancher Mantel lässt an einen adrett gekämmten Fischotter mit aufgeplusterter Fönfrisur denken. Miuccia Prada aber treibt die Liebe zum Fell weiter als alle anderen Designer. Nicht nur, dass ihre Pelze mal blau, mal rot, mal grün sind. Prada schlägt auch ernsthaft Pullover vor, deren Ärmel und Rücken aus Wolle sind und deren Vorderteile an die Oberflächenstruktur eines Teddybären erinnern.
Den tierischen Höhepunkt der Schau bildet ein Ganzkörperanzug, der sehr geeignet erscheint für eine Geburtstagsfeier mit dem Motto „Der Bär ist los“. Auch sonst greift die italienische Designerin zu Farben und Formen, mit denen sich das Auge schwertut. Die Hosen aus Strick sehen furchtbar kratzig aus. Mit der uringelben Lacktasche möchte man seinen Mann auch lieber nicht in die Öffentlichkeit schicken. Die Steghosen, die eine Schlaufe um den nackt im Schuh steckenden Fuß strammzieht, sitzen im Schritt unvorteilhaft tief. Und wer bitte schön würde eine Winterwanderung in einer grellen Strick-Kombi aus ätzendem Grün, beißendem Orange und Kobaltblau antreten wollen?
Priester und Soldaten
Donatella Versace hat sich von Georg Gänswein anregen lassen. Sie bewundere die elegante Strenge im Kleidungsstil des Sekretärs von Papst Benedikt XVI., sagte die Modeschöpferin nach Angaben italienischer Zeitungen. Ihre Entwürfe wollten nicht „frömmelnd“ sein, sondern „spirituell“ und „sittenstreng“. Auf jeden Fall ist Versaces Kollektion sehr förmlich. Bis auf eine rote Jacke gibt es wenig Farbtupfer, bis auf einen schwarzen Strickpulli kaum Freizeitkleidung. Die Models tragen Stehkragen wie katholische Geistliche. Die schmalen Anzüge haben zwei Knopfreihen am Jackett - ein allgemeiner Trend auf den Mailänder Laufstegen. Die Schuhe, oft mit Lackoberfläche, sind vorne spitz und wirken dadurch etwas unförmig.
Für festliche Abende empfiehlt die Designerin mit den platinblonden Haaren Gehrock und Fliege. Versace zeigt aber nicht nur Priester, sondern auch Soldaten. Lange schwarze Ledermäntel, kombiniert mit Handschuhen, lassen an die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts denken. Das passt ganz gut zum Ort des Geschehens: Die Schau findet in der monumentalen, von Mussolini erbauten Mailänder Börse statt. Überhaupt haben italienische Modeschöpfer zurzeit wenig Skrupel, auf die Epoche des „Fascismo“ anzuspielen - mit Uniformen, schmalen kurzen Krawatten und getrimmten Oberlippenbärten.
Florentine Fritzen Jahrgang 1976, Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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