26.04.2010 · Für besonders gute Kunden spendiert ein Bremer Herrenausstatter eine Butterfahrt nach Italien: Die norddeutsche Oberschicht soll die Vorzüge süditalienischer Maßarbeit entdecken, damit der Wille zum gediegenen Auftritt nicht nur am Einstecktuch zu erkennen ist.
Von Alexander Marguier, Neapel15 Männer und eine Mission: Anzüge kaufen. Dabei dachten wir immer, Kaffeefahrten seien etwas für minderbemittelte Rentner. Von wegen! Auch in den höheren gesellschaftlichen Kreisen tun sich mitunter Gleichgesinnte zusammen, um den Freuden auswärtigen Konsums zu frönen. Mit dem Unterschied, dass es dann nicht um Busreisen und Heizdecken geht, sondern um feinsten Zwirn und Lufthansa-Flüge nach Neapel. Während gewöhnliche Touristen mit der Stadt am ehesten Taschendiebe, enge Gassen, Holzofenpizza und neuerdings auch pittoreske Müllberge assoziieren, weiß der Kenner natürlich um die Vorzüge neapolitanischer Maßkonfektion. Die kampanische Millionenmetropole ist nämlich nicht nur Heimat von Enrico Caruso, Fabio Cannavaro, Bud Spencer sowie diverser Camorra-Oberhäupter, sondern auch einiger der klangvollsten Namen in der Herrenoberbekleidung: Kiton, Attolini, Sartoria Partenopea. Wobei die letztgenannte Adresse zumindest in Deutschland noch als Geheimtipp gilt.
Das muss kein Schaden sein, zumal Kiton in Modeblogs bereits ein Gebrauchwagenhändler-Schick unterstellt wird und Brioni dort unter der Rubrik „textiler Seniorenteller“ läuft. Aber allzu geheim darf wohl auch der geheimste Geheimtipp nicht bleiben, wenn denn die Ware an den Mann gebracht werden soll. Aus diesem Grund beschloss Harm Hesterberg, Chef des Bremer Herrenausstatters Stiesing, einigen seiner besten Kunden einen Ausflug an den Vesuv zu spendieren, damit diese sich am Ort des Geschehens gleich selbst ein Bild von den Vorzügen süditalienischer Maßarbeit machen können. So wurde vor einigen Tagen eine illustre Runde hanseatischer Teehändler, Steuerberater, Immobilienmakler und Geschäftsführer mittelständischer Unternehmen am Aeroporto di Napoli in Empfang genommen und auf direktem Wege in die Fabrikationshalle der Sartoria Partenopea chauffiert. Dass die potentielle Kundschaft aus Deutschlands hohem Norden durchaus Wert auf ein gediegenes Erscheinungsbild legt, hätte auch der Laie an der hohen Einstecktuch-Quote umstandslos erkannt. Und Angelo Blasi, Seniorchef der erst 1993 gegründeten Anzugmanufaktur, deutete dies zu Recht als gutes Zeichen.
„Maßkonfektion“ ist ein irreführender Begriff
Blasis Firma verbreitet keineswegs den Charme exklusiver Herrenschneiderei, wie man das vielleicht noch von einigen übriggebliebenen Maßateliers mit holzgetäfelten Showrooms an Londons Savile Row kennt. Die Sartoria Partenopea befindet sich vielmehr in einem schmucklosen Außenbezirk Neapels, von dem es heißt, dort regiere die organisierte Kriminalität. Nicht ohne Grund umfrieden hohe Mauern das kleine Werksgelände, dessen Zentrum eine funktionale Halle bildet, in der um die achtzig Schneider und angelernte Fachkräfte ihrem Tagwerk nachgehen. Im Gegensatz zur „echten“ Maßschneiderei, bei der ein einziger Handwerker das gesamte Kleidungsstück fertigt, delegiert Partenopea die jeweiligen Arbeitsschritte an einzelne Stationen: Ein junger Arbeiter im blauen Overall überträgt die Schnittmuster auf die Stoffbahnen, ein anderer schneidet zu, da hinten wird gebügelt, und der ältere Herr nebenan ist der Spezialist fürs Umsäumen von Knopflöchern. „Maßkonfektion“ ist eigentlich ein irreführender Begriff für diese manuelle Fertigungsmethode, denn damit werben auch Billighersteller für ihre Made-to-Measure-Anzüge aus industrieller Sweatshop-Produktion. Die Sartoria Partenopea, benannt nach der antiken Siedlung Parthenope, aus der später Neapel hervorging, steht dagegen für serielle Handwerkskunst in Vollendung.
Ob es an der hemdsärmeligen Freundlichkeit Angelo Blasis liegt, dass die Besucher aus Germania sich schnell dazu ermutigt fühlen, mit kindlicher Neugierde zwischen Nähmaschinen und Bügelautomaten hin- und herzulaufen? Jedenfalls scheint die Akkuratesse der süditalienischen Feinstoff-Verarbeiter, die immerhin 18 Stunden Arbeit in jeden Anzug investieren, auch auf norddeutsche Kaufleute eine bezwingende Faszination auszuüben. Und nach der Mittagspause mit auf einfachen Plastiktellern serviertem Büffelmozzarella nebst selbstgekeltertem Weißwein fällt endgültig jede hanseatische Sprödheit von ihnen ab: Wer nicht spätestens jetzt zum Gefühls-Neapolitaner wird, der soll doch seine Tweed-Sakkos weiterhin aus England beziehen. Zum Glück ist sogleich ein erfahrener Mitarbeiter zur Stelle, um die Gäste zu vermessen, noch bevor die italienischen Momente des Lebens wieder verflogen sind. Und es stimmt ja auch: Der typisch neapolitanische Schnitt, die weiche Schulter, die geschmeidige Brustpartie, die sorgsam eingeschobenen Ärmel, dieser ganze „soft look“ machen noch aus jedem Pfeffersack einen leichtfüßigen Adonis. Da sind 2000 oder je nach Stoff auch ein paar mehr Euro gut angelegtes Geld. Bei Kiton hätte es außerdem locker das Doppelte gekostet, weshalb die Reisekasse hinterher noch einen kurzen gemeinsamen Abstecher zu Maurizio Marinella zulässt. Schließlich hat der legendäre Krawattenfabrikant auch schon Bill Clinton und Gerhard Schröder ausgestattet.
Höchstens 2000 Käufer in Deutschland für teure Maßkonfektion
Harm Hesterberg ist zufrieden, nicht nur, weil die Teilnehmer seiner kleinen Erkundungsfahrt insgesamt 15 Sakkos, zehn Anzüge, zwanzig Hemden und dazu noch ein paar Hosen bei Partenopea geordert haben. Sondern auch, weil solche Premium-Kunden mit ihrem nicht zu unterschätzenden Sendungsbewusstsein die denkbar besten Botschafter in Sachen neapolitanischer Herrenschneiderei abgeben. Groß ist der Markt zwar nicht - der Bremer Herrenausstatter schätzt, dass in ganz Deutschland höchstens 2000 Käufer derart hochpreisiger Maßkonfektion zu erreichen sind. Umso wichtiger ist es aber, die richtigen Leute auf Gleis zu setzen. Mal ganz davon abgesehen, dass so eine Butterfahrt für Besserverdiener kein schlechtes Garn für Netzwerke liefert. Die Bremer Geschäftsleute waren sich jedenfalls schon vor Ende der Reise darin einig, dass sie sich demnächst in ihren neuen Gewändern zu einer sommerlichen Schiffstörn treffen werden. Dann sollten sie auch für den Laien nicht mehr nur an ihren Einstecktüchern zu erkennen sein.