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Mailand Stoffproben für den Oscar

25.02.2005 ·  Die Mailänder Schauen gehen am Samstag nach knapp einer Woche zu Ende - und die Modeleute jetten weiter nach Hollywood. Doch so mancher Laufsteg-Entwurf würde auf dem roten Teppich ziemlich deplaziert wirken. Allein Gucci und Versace bleiben der glamourösen Abendmode treu.

Von Alfons Kaiser
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Die Mailänder Schauen gehen am Samstag nach knapp einer Woche zu Ende: Dann werden die amerianischen Modefrauen noch schnell die letzten Flugzeuge kapern, um rechtzeitig zur Oscar-Verleihung nach Los Angeles zu kommen. Der Laufsteg führt aber nicht immer geradewegs auf den roten Teppich: Ausgerechnet vor dem in der ganzen Welt mit Spannung erwarteten Oscar-Wochenende haben sich die hundert Designer von Aigner bis Versace auf einen reduzierten Stil besonnen.

Viel Schwarz und all die dunklen Farben für den nächsten Herbst und Winter schmeicheln der der Figur, sind aber nichts für den spektakulären Auftritt, der nicht nur von den Hollywoodgrößen erwartet wird. Immerhin bleiben aus der vergangenen Saison die schwingenden Röcke, die üppige Dekoration mit Klunkern und Pelzen, der teils melancholisch gebrochene Schick der Bohème. Aber ob man dafür einen Oscar bekommt?

Armani
Giorgio Armani ist immer für eine Überraschung gut. Er muß sie sogar zum Prinzip erheben, damit man ihn nicht wieder und wieder zum siebzigjährigen Klassiker ernennt, der er nicht sein will, aber leider ist. In seiner Zweitlinie Emporio Armani, in jeder Hinsicht jünger als die Hauptlinie, bringt er ein großes Abendthema. Die Hauptlinie dagegen beginnt mit, nun ja, Radlerhosen, Knickerbockern oder Bermudas, je nachdem, wie man die am Oberschenkel teils bauschigen und knapp über dem Knie zusammengeschnürten schwarzen Beinkleider bezeichnen will. Das wirkt seltsam zu weiten und breiten Oberteilen aber ist eben überraschend. Am Abend ist er dann wieder ganz bei sich und verschafft den Damen mit perlenbestickten Robenund hollywoodeskem Glitzer einen effektvollen, aber nicht aufgedonnerten Auftritt. Armani will raus aus seiner zweiten Haut, die ihm zu beige und brav geworden ist. Alle machen wippende Röcke also macht er kurze Hosen. Alle machen farbenfrohe Mode also sieht er Schwarz, wenn auch Miuccia Prada wegen des Schauenplans schon zwei Tage früher diesen Akzent setzte. Und dann setzt Armani den Models noch Elsa-Schiaparelli-Hütchen auf: So krönt er sich selbst zum Klassiker, der er doch gar nicht sein will.

Burberry

Mailand: Stoffproben für den Oscar

Christopher Bailey, der Designer für Burberry, ist gerade einmal Anfang dreißig. Dafür hat er sich gut in eine Zeit zurückversetzt, in der er noch gar nicht auf der Welt und erst recht nicht in der Modewelt war. Zu Klängen aus den Sechzigern und Siebzigern bringt er zwar zeitgemäße Varianten des traditionellen Karo-Looks, karierte Wollröcke fürs schlechte britische Wetter und den klassischen Trenchcoat der Firma, der unten in einen streng gefalteten und wegen des Schottenmusters stark an einen Kilt erinnernden Rock ausläuft. (Wem es hier schon zuviel wird: Bitte auf die Standardlinie „Burberry London“ umschalten!) Bailey aber geht noch weiter: Dem Trenchcoat, in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs als imprägnierter Wettermantel erprobt, stellt er die entmilitarisierte Zone des Flowerpower gegenüber. Romantisch mit Goldglanz verbrämte Empirekleider, Pullover von Senfgelb über Oliv bis Petrol, fließend-körpernahe Kleider mit Paisley-Drucken wenn das nicht nach einer besseren Welt klingt! Bailey ist ein Designer mit rundum nettem Auftreten, ganz britisch eben. Aber er arbeitet hartnäckig daran, einer großen Marke, die aus dem Krieg geboren wurde, ein friedliches Image zu geben. Das ist die beste Tarnung im täglichen Kleiderkampf!

Gucci

Jetzt ist Tom Ford schon seit einem Jahr fort von Gucci, aber er ist immer noch da. Seine ehemalige Assistentin Alessandra Facchinetti, nun die Damenmode-Designerin, steht ihm jedenfalls weiter zu Diensten. Ihre Entwürfe sind der Versuch, mit flirrenden Chiffonblüschen und schimmernden Zigarettenhosen so sexy zu wirken wie Ford Ende der Neunziger. Noch die dominierenden Farben, Schwarz, Nachtblau und Silbern, sind von metallener Coolness. Die dröhnend eingespielte Marschmusik gibt den Takt vor. Facchinetti bricht zwar das Déja-vu mit üppigem Brokat auf, setzt mit Pelzen die Schultern in Szene, überrascht mit einem witzigen Minitrenchkleid, plissiert neckisch bauscht die Ärmelchen auf und schafft reizende Schulterfreiheit. Aber kaum ein Kleid, an das man sich zwei Stunden nach der Schau noch erinnern könnte. Das Team wird's schon richten, sagt man starke Designer wären auch nicht schlecht. Es hilft alles nicht: Gucci sitzt mit der reduzierten Aussage, der kargen Optik und der strengen Phantasielosigkeit nicht vorn im Zug der Modezeit, sondern ziemlich weit hinten. Die Marke wird erst dann wieder ganz vorne dabeisein, wenn sich der Zug in den Schwanz beißt.

Jil Sander

Klein sind die zwei Schauen von „Jil Sander“ am Freitag morgen. Jeweils 80 Gäste, ein Dutzend Fotografen das war's. Die Strategie der Verknappung behält das Mutterhaus Prada auch nach dem Ausscheiden der Modemacherin bei (die nun viel reist und sich der Gartengestaltung widmet). Ihr Designteam, das seit November alleine weitermacht, hält ebenfalls am Bewährten fest. Den Castello Sforzesco gegenüber im Blick, erkennt man in den nur 15 Modellen eine klassische Reduktion aufs architektonisch Nötige. Die Farben: Schwarz, Schwarz, Schwarz, Grau, Nachtblau. Die Linien biegen sich bei den Kleidern nur sanft zum Ballon. Die Mäntel wirken durch die höher angesetzte Taille leicht ausgestellt, die Jacken durch Volumen skulptural, während die schmalen Steghosen die Linie in die Länge ziehen. Nur ein nachtblaues Samtkleid und klimpernde Paillettenroben zum Schluß durchbrechen die Strenge. Doch da ist noch etwas: Was man für aufgesetzte Taschen hält, im gleichen Wollstoff, im gleichen Schwarz, sind geometrisch stilisierte Blütenapplikationen und Deko-Dreiecke, die mal einen Gürtel halten, mal gar nichts. Richtig schön funktionslos! „Jil Sander“ ohne Jil Sander ist fast mehr „Jil Sander“ als mit Jil Sander.

Marni

Marni ist auf dem Sprung nach ganz oben. Das ehemalige Pelzhaus, das durch die Designerin Consuelo Castiglione zur vielbeachteten und stürmisch wachsenden Trendmarke wurde, eröffnete diese Woche nicht nur ein Geschäft im Mode-Epizentrum Via della Spiga. Die Modemacherin zeigte auch eine Kollektion, die selbst mürrische Fachleute begeisterte. Nach der Schau sagte Castiglione erleichtert und glücklich wegen des Jubels: „Die Entwürfe sind aus dem Denken in Gegensätzen entstanden.“ Man sieht's: Sie mischt schwere Wollstoffe und leichte Seide, eine schmale Linie und weite Silhouetten, locker geraffte Blusen und streng plissierte Röcke, feierliche Empirekleider und zottelige Ärmelbommeln. Der Zobel kommt nobel. Nicht so protzig wie in Rest-Italien wirkt der Pelz. Die Gold- und Patina-Anmutung liegt im Fluß der Zeit wie die etwas dicken Steine. Zurückhaltende Farben kontrastiert Castiglione mit batikartigen Schwarz-weiß-, Braun-weiß- und Bordeaux-weiß-Dreieck drucken, die sie auch am eigenen Leibe präsentiert. Kurzum: Die modischen Mittel setzt sie souverän ein wie eine zweite Miuccia Prada. Nicht umsonst erinnert die Kollektion entfernt an die Prada-Zweitlinie MiuMiu. Bald wird man sie damit nicht mehr vergleichen müssen.

Max Mara

Max Mara, alphabetisch zwischen Marni und Missoni, modisch zwischen Tragbarkeit und Unauffälligkeit, ist wohl eine der am stärksten unterschätzten italienischen Modemarken dabei gehört sie zu den größten. Die Unternehmerfamilie Maramotti macht aber Schlagzeilen nur in den Wirtschaftsblättern, stellt keine Stardesigner ein, ist vielmehr Vorreiter der neuen Mode, „das Team“ werkeln zu lassen, und kennt die Kundinnen in guten und in weniger schlanken Tagen: Trendsucher gehen zu „Sportmax“, Mollige zu „Marina Rinaldi“ (so hieß die Urgroßmutter des heutigen Chefs). Max Mara liegt ungefähr auf halbem Weg. Die Kollektion ist modisch, wie man an der Konzentration auf Schwarz und Weiß und den weiter schwingenden knielangen Röcken sieht, und macht nicht jede Mode mit, wie man an den schmalen Hosen erkennt, die sich dem Drang zum Rock entgegenstellen. Der Hahnentritt der hochgegürteten Mäntel, das übergroße Glencheck-Karo der Hosen - all das kommt mit seinem überzeitlichen Anspruch im Büro immer gut an. Vorsichtig wagt sich Max Mara auch an den Glamour mit Taft-Ballonröcken und Pelzapplikationen, die ein wenig zuwenig gewagt aussehen. Hollywood liegt doch recht weit entfernt von Mailand.

Missoni

Angela Missoni, die in wenigen Jahren aus dem betulichen Strickwarenunternehmen Missoni ein echtes Modehaus gemacht hat, quält sich mit einem Problem: Sie muß, um modisch weiter vorn zu bleiben, von den allzu bekannten Quer- und Längs- und Zickzackstreifen loskommen. An Pucci, wo Christian Lacroix die mäandernden bunten Drucke in Schach hält und das Florentiner Haus auf seine strengen Ursprünge in der Renaissance zurückverweist, sieht man, daß man ein Image nur schwer wechseln kann. Das gilt erst recht, wenn man so famose und zeitlose Maschenbilder komponiert hat wie Tai und Rosita Missoni. So bringt ihre Tochter Angela eine Breitseite aus Allover-Blumenmustern, pudrigen Cardigans, gefärbten Pelzboleros und -jacken sowie Halternecks, die mit aufwendigen floralen Metall- und Kristall-Stickereien abendlich-festlich wirken. Diese Marke ist wieder einmal in Mode zur Beruhigung von Angelas Tochter Margherita, die am 22.2. ihren 22. Geburtstag feierte. Und die berühmten Streifen bleiben zur Beruhigung von Mutter Rosita, die in der ersten Reihe sitzt immerhin in den Bordüren und den breiten Wollstrickgürteln. Die Familientradition halten sie locker zusammen.

Versace

Was soll man nun davon wieder halten? Bei Jil Sander ist Miuccia Prada nicht zu sehen, obwohl die Marke zu ihrem Imperium gehört. Am Donnerstag abend aber sitzt sie bei Versace in der ersten Reihe: Ob ihr diese Kleider stehen würden? Vermutlich ist die Frage veraltet. Versace hat es ohnehin nicht mehr nötig, sich an Investoren zu veräußern. Denn die Kollektion für den Winter gehört zu den stärksten, die man von Donatella Versace erwarten kann. Natürlich sind knalleng geschnittene Kleider der Mittelpunkt, sonst säße nicht Elizabeth Hurley in der ersten Reihe. Die Spitzenkleider und die Pelzorgien wirken übertrieben, zumindest im Auge des deutschen Betrachters.Aber die Mäntel mit Leder- und Flechtintarsien, durch Pelz an Saum und Kragen nur leicht aufgeplustert- amerikanische und russische Einkäufer sind gleichermaßen angetan. Die schulterbreiten Krägen machen den Kopf (den Kopf!) zum Mittelpunkt. Die Röcke erreichen, keine zehn Zentimeter über dem Knie, nicht einmal Mini-Kürze. Und die Rückenausschnitte, die früher gerne bis hinunter zum Geht-nicht-mehr reichten, sind klein und nehmen den Raffungen an der Schulter das Plustrige. Hollywood kann kommen, Donatella ist wieder da. Ein Lob dem Drogenentzug!

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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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