Bei jedem Versuch der Italiener, das Tor zu treffen, kreischen die Zuschauer. Sie johlen, klatschen und reißen die Arme in die Höhe. Als Italien den Gegner England dann nach zwei Stunden endlich im Elfmeterschießen vom Platz fegt, regnet es silbernes Konfetti, die Sitzreihen beben, und die Zuschauer liegen sich gegenseitig in den Armen - und all das auf dem Laufsteg von Dolce & Gabbana. Es ist Sonntagabend in Mailand. Zum Spiel der Nationalmannschaft hat das Label das hauseigene Metropol-Theater zum Public Viewing geöffnet. Wo normalerweise Models den Laufsteg betreten würden, steht heute die riesige Leinwand.
Models haben es in dieser Saison bei den Herrenmodenschauen für Frühjahr und Sommer 2013 eh nicht ganz leicht. Auch am Vortag, als die Reihen bei Dolce & Gabbana noch keine Tribünen sind, ist der Laufsteg nicht für sie reserviert. Das Haus wählte stattdessen Männer jedes Alters und Aussehens. Entscheidend, um bei Domenico Dolce und Stefano Gabbana zu landen: die richtige Postleitzahl. Um für die Schau als Laien-Model in Frage zu kommen, musste man auf Sizilien leben, der Insel, die für die zwei Designer Quell unendlicher Inspiration ist.
Mutige Mode
So populär wie das Public Viewing im Fußball ist die Mode für Männer dann doch nicht. Dass der Mann aber modisch mutiger wird, ist klar zu sehen. Dafür muss man nicht nach London fahren, wo Mitte Juni zum ersten Mal eine eigene Herrenmodewoche organisiert wurde - die Landeskinder Burberry und Vivienne Westwood gingen trotzdem lieber nach Mailand. Bezeichnend, dass die Zuschauer im Metropol-Theater gegen genau dieses Land Stimmung machen.
Über Vivienne Westwood müssen die Gäste am Nachmittag zuvor nur schmunzeln. Die Designerin möchte die Welt in jeder Saison mit ihrer Mode neu retten. Nur fehlte ihr fürs Frühjahr die passende Idee. Also setzte sie den Models kurzerhand Blumenkränze auf und zog mit ihnen am Ende in einer Karawane durch das Zelt. Modisch ist die Kollektion so prägend wie die Vorstellung, mit Blumen in den Haaren auf Missstände aufmerksam zu machen. Muss man wohl mit Humor nehmen.
Wie die Fußballspieler
Überhaupt: Wer wenn nicht die Italiener sollte das neue modische Verständnis des Mannes feiern, das dieses Mal gar nichts mit dem verweiblichten Bild des metrosexuellen Mannes zu tun hat? Die Mode steht ihren Mann so wie das italienische Fußballteam am Sonntagabend. Die Beratungsfirma Bain & Co. hat ausgerechnet, dass Männer heute 40 Prozent des gesamten Luxusmarktes ausmachen - die Zahl steigt um 14 Prozent pro Jahr, während Frauen mit acht Prozent Wachstum irgendwann hinterherhinken könnten. Bei Burberry zum Beispiel wuchsen die Umsätze mit Herren-Artikeln zuletzt um satte 26 Prozent.
In Deutschland tragen Männer in diesem Sommer Shorts in Magenta und Grasgrün, in Italien schwere Loafers aus Leder ohne Strümpfe. Und überall um die Handgelenke sieht man Kordeln. Viele Kopien sind darunter, und ein paar Originale von Tod’s. Bei Diego Della Valle, dem Chef der Tod’s-Gruppe, blitzen an diesem Nachmittag auch ein paar davon unter dem grauen Sakko-Ärmel hervor. „Das Leben ist ein bisschen lustiger geworden“, sagt Della Valle, auf den Mann von heute angesprochen. Auf der Nase trägt er eine gelbe Brille mit gelben Brillengläsern. Auch in den Armbändern stecke die Botschaft, dass das Leben doch gar nicht so langweilig sei. Und daher sind wohl auch die Tod’s-Loafers für den kommenden Sommer etwas spitzer oder mit bunten Gummisohlen versehen. Am Montagabend stellte die Marke auch noch ein Männerbuch vor - mit Porträts inspirierender Männer.
Ironischer Sitz
Auch Italo Zucchelli, Creative Director der Herrenkollektion von Calvin Klein, meint, dass die Mode für den Mann gerade einen guten Moment hat. „Männer wollen nicht mehr einfach nur Anzüge kaufen. Sie suchen nach Dingen mit modischerem Wert.“ Damit meint er insbesondere - Stonewashed-Jeans. Das weiche Denim ist einer der Stoffe, aus dem die kommende Herrenkollektion geschneidert ist. Die Jeans sitzt wie damals in den Neunzigern. „Ein bisschen Ironie sollte schon dabei sein“, sagt Zucchelli. „Ich bin schließlich Italiener, ich mag so etwas.“ Die Männer, so meint er, gingen heute auch schneller zum Schönheitschirurgen. Übers Internet könnten sie sich schnell informieren, das habe Einfluss auf ihr gepflegtes Äußeres.
Die Mode unter Männern wird immer mehr nach außen getragen. Das sieht man symbolisch auch an den Jacken-Variationen – oder an der Unterhose, jedenfalls wenn man Donatella Versace heißt und eine neue Unterwäschekollektion zu zeigen hat. Ihr Einfall, diese mit Wrestling-Gürteln zu kombinieren und mit „We will rock you“ von Queen zu untermalen, sorgt für viel Außenwirkung.
Aufgeräumte Linien
Die Jacken ergaben schon am Samstag bei Jil Sander der Kollektion in kräftigen Farben eine aufgeräumte Linie. Bei Calvin Klein ist die klassische Jeansjacke das Pièce de Resistance. Ferragamos Chefdesigner Massimiliano Giornetti reicht den Models gleich zwei Mäntel übereinander in Signalfarben zum Anziehen - etwa in Himmelblau und Orange oder in Mintgrün und Gelb. Und Christopher Bailey verpackt seine Burberry-Männer in kurzen Bomberjacken mit extra viel Volumen oder wirft ihnen Metallic-Mäntel aus Seide über. Er poliert den Vintage-Charakter von Baseballjacken weg und verwandelt bedruckte Tücher in Blousons.
Der beste Druck für Männer in einer überaus floralen Saison kommt von Bottega Veneta. Chefdesigner Tomas Maier überzieht die Blumen auf seinen Anzügen mit einer dünnen Schicht von weißem Organza, als hätte er sie in Seidenpapier verpackt. Umgekehrt sehen die Farbspritzer auf dem Anzug von Look 33 zunächst wie Flecken aus. Look 34 verwandelt sie dann aber in Pflanzen. Look 35 mutet wie ein Stillleben an. Und auf dem Anzug von Look 36 sehen sie wieder wie Flecken aus.
Miuccia Prada geht ähnlich konsequent vor. Das einzige Schmuckstück in ihrer Kollektion ist eine Linie. Meistens ist sie weiß und gerade. Sie sei von Grenzen besessen, sagte sie nach der Schau. „In diesem Moment mag ich Klassisches.“ Kurz darauf hören wir bei Prada auf der Treppe etwas, das uns klassisch vorkommt: Deutsch. Das Gesicht aber kennen wir nicht. Der Mann mit der spitzen Nase und den gelb gefärbten Augenbrauen heißt Christian Hagl, ist 45 Jahre alt, eigentlich Brauereimeister aus Köln und seit sechs Wochen Newcomer-Model. Er wurde auf der Art Cologne entdeckt. Prada hat ihn sich gleich exklusiv für diese Saison gesichert. „Wenn man bei Prada ist, soll man es ja geschafft haben“, meint Hagl. Männer werden eben immer modischer.
... Danke, danke, danke ...
Klaus Mueller (Jeeves3)
- 26.06.2012, 15:13 Uhr
Neue Männlichkeit & Zukunftsmusik
Axel Malik (axelmalik)
- 26.06.2012, 10:18 Uhr