Kaum hat er nach der Schau backstage alle Gratulanten geherzt, kommt eine grauhaarige Dame aus dem Zuschauerraum geschritten. „Mamma!“ Stefano Gabbana mag ein abgeklärter Typ sein, aber wenn die Mutter um die Ecke biegt, dann schmilzt das Herz des coolsten Italieners. Er nimmt sie in den Arm und an den Arm und führt sie hinunter in den Keller, wo Models und Mitarbeiter gerade die Champagnerkorken knallen lassen.
Was haben die Italiener denn sonst? Am Sonntag, als die Schau von Dolce & Gabbana als einer der wenigen Höhepunkte der Mailänder Modewoche über die Bühne geht, ist gerade eine Schicksalswahl. Die Politik ein Durcheinander, die Wirtschaft schwächelt, und der Glaube an die Institutionen schwindet. Woran soll man sich da noch halten? Dolce & Gabbana texten die Antwort mit Textilien: an ihr Land, an den Glauben, an die Geschichte, an die Familie.
Das klingt pathetisch und sieht auch so aus. Aber angesichts all der Verunsicherung im Land, die auch der auf ein gutes nationales Image angewiesenen Luxusbranche schaden könnte, kann man es immerhin eine positive Aussage nennen. Im Gegensatz zu rätselhaften Kollektionen wie Missoni, wo man fast ganz auf den sonst so starken Strick verzichtet zugunsten einer gehobenen Loungewear mit Schlafzimmerblick, oder zur Armani-Zweitlinie Emporio, bei der der Altmeister schon jetzt den kommenden Winter aufhellen möchte, aber viel pudrige und pastellige Beliebigkeit ausbreitet.
Wo bleibt da die identità, die italianità?
Dolce & Gabbana müssen also gewissermaßen doppelt zulangen. Dabei interpretieren sie die italienische Identität großzügig, indem sie ausgiebig die prächtigen byzantinischen Goldgrund-Mosaiken der Kathedrale von Monreale auf Sizilien zitieren. Schon das kann man an diesem Wahlsonntag als politische Botschaft interpretieren: Die Italiener waren nämlich schon vor 800 Jahren nicht national isoliert, sondern international verbandelt, abzulesen am normannisch-arabisch-byzantinischen Baustil der Kathedrale von Domenico Dolces Heimatinsel.
Die goldenen Mosaikmotive sind also als Drucke auf Organza und Seide zu sehen. Eine Königskrone wird zum Einsatz aus Steinchen und Kristallen im Oberteil. Kleine Henkeltaschen tragen ein Medaillon der Heiligen Agatha, der Schutzpatronin von Catania. Und selbst die Sonnenbrillen zieren goldene Filigranarbeiten. Außer künstlerischem, historischem und religiösem Anspruch bedienen die beiden Designer also auch den neuen Sinn der Mode für Trompe-l’œil-Drucke.
Den Überschwang in Kleider stecken - das ist eigentlich italienisches core business. Die mit Lack und Leder arg sexualisierte Kollektion von Versace zeigt, dass das auch gefährlich sein kann. Sogar bei Pucci stöckelt auf allzu dünnen Hacken und in allzu kurzen Röcken ein antiquiertes Frauenbild durch den Saal: so sexy, dass es kracht. Und schon sind wir bei Philipp Plein. Der deutsche Designer, der nach eigenen Worten „polarisiert“, bringt von goldenen Daunenjacken bis zu nietenbesetzten Plateau-High-Heels eine staunenswert indezente Kollektion auf den Laufsteg.
Den Italienern macht er mal schnell vor, wie man Silberfuchs, Nerz oder mongolisches Lamm aufwendig und auffällig verarbeitet. „You will be famous“, hat er den Models backstage an die Wand schreiben lassen. So scheinen sich wirklich viele Frauen in seinen Kleidungsstücken zu fühlen. Allein in diesem Jahr, so berichtet der umtriebige Modemacher, der „alles ohne Banken, ohne Kredite“ finanziert, will er seinen 20 Geschäften zehn weitere hinzufügen - unter anderem einen dritten Laden in Moskau.
Hier die große Inszenierung samt rührendem Grace-Jones-Auftritt. Dort, nämlich bei Jil Sander, ein Hochamt des Minimalismus mit einer rundum gelungenen Kollektion, sieht man einmal ab von den Schuhen mit dem so konzeptuellen wie klobigen Blockabsatz. Die Modeschöpferin, seit nicht einmal einem Jahr zurück in ihrer Marke, hat in ungeheuer intensiver Arbeit mit vielen schlaflosen Nächten eine schwebende Balance gefunden.
Die Kleider entfalten mit geschwungenen Nähten „weibliche Formen“, von denen sie nach der Schau spricht. Ein simples goldenes Querband am Brustbein ist Effekt genug. Schürzen-Schnitte schaffen wippende Fülle. Farben wie Schiefergrau oder Himmelblau, Materialien wie Kaschmir oder Biber, ungewöhnliche Silhouetten zum Beispiel mit weiten oder kurzen Ärmeln: Alles greift ineinander und ist aufeinander abgestimmt.
Wenn Jil Sander einen Geistesverwandten hat in Mailand, dann ist es Tomas Maier, auch er ein Deutscher, auch er mit so viel Erfahrung, dass er es schafft, eine Show-Kollektion ohne Show-Teile zusammenzustellen. Jeder einzelne Look seiner Winter-Kollektion für Bottega Veneta könnte so im Schaufenster an der Maximilianstraße in München zu sehen sein.
Er dramatisiert die Mäntel mit Blütenkelchkrägen, schafft eine geometrische Struktur mit angedeutet quadratischen Schultern, fügt den Grundsatzfarben von Weiß bis Schiefer nur Rot und Curry als Höhepunkte hinzu und lässt Seidenblusen mit offenen Kanten asymmetrisch flattern. „Es beginnt alles mit den Materialien“, sagt Maier nach der Schau. „Die Flanelle werden teils so gekocht, dass sie verfilzen.“ So ergeben sie nicht nur eine neue Textur, sondern auch neuartige Applikationen für die Kleider.
Außerdem kommt er ohne Pelz aus. Und das ist wirklich eine Nachricht! Denn sonst müssen in Italien für die Winterkollektionen viele Füchse, Biber, Lämmer und Nerze dran glauben. Zum Beispiel bei Marni, wo Designerin Consuelo Castiglioni all die Verarbeitungstechniken der familieneigenen Pelzfirma nutzt für eingefärbte Fuchspelze, die aufs schwarze Kleid einen Akzent setzen. Trotzdem wirkt die Kollektion seltsam farblos, kaum hält Diesel-Gründer und Luxus-Gigant Renzo Rosso die Mehrheit an der Firma. Oder sieht eine Marke in einem Konzern nur gleich anders aus?
Vielleicht hilft ein kurzer Seitenblick auf London. Net-a-porter-Gründerin Natalie Massenet sagt über die britischen Designer: „Sie gehören zu den besten, weil sie frei sind.“ Der erste Halbsatz ist zwar leicht übertrieben. Aber eine Marke wird mit größerem Markt und in einem großen Konzern meist nicht besser. Das können die dicksten Pelze nicht verdecken. Und vor unsicheren Aussichten schützt die schönste Fuchsstola nicht.