26.02.2011 · Die Mailänder Mode glänzt mit großen Zuwachsraten und großartigen Kollektionen. Die Designer richten sich auf die Zukunftsmärkte im Osten ein.
Von Alfons KaiserWenn die Modewoche so anfängt! Der Duck-Sauce-Hit „Barbra Streisand“ mit Madonna remixt, dazu ein kunterbuntes Alphabet auf Jacken und Bleistift-Röcken durchbuchstabiert und in High-Heel-Sneakern auf die Beine gestellt: die Schau der Dolce-und-Gabbana-Zweitlinie D&G am Donnerstag ist eine Art Gute-Laune-Auftakt der Modewoche mit den Kollektionen für Herbst und Winter 2011. Wenn man sich auch keinen rechten Reim auf den Buchstabensalat in Grell-Gelb und Warnwesten-Orange machen kann: hier kommt’s auf die Stimmung an, und die stimmt in diesen sonnigen Mailänder Tagen.
Bella Italia! Die Frauen sind schöner, die Männer sind schmaler, die Brillen sind größer, die Schuhe sind brauner, die Mäntel sind kürzer. Alle stecken weiter in Daunenjacken, wenn auch nicht immer von Moncler. Die Herren tragen gern flieder- und himbeer- und lilafarbene Pullover, auch wenn es Winter ist, die Damen gerne dicken Pelz, auch wenn die Sonne scheint.
Modisch gibt es in Mailand viel zu lernen. Man muss nur einmal sehen, wie die Männer die Sonnenbrillen nicht ins Haar schieben wie in Düsseldorf, sondern einfach nur auf die Stirn rücken. Wie die Frauen in der Stadt, in der die dicken schwarzen Hornbrillen ihren Siegeszug um die Welt antraten, jetzt längst bei weißen, silbernen, gelben, grünen, roten Nerd-Gestellen angekommen sind. In Mailand blickt man einfach ein Stück weiter in die Zukunft.
„Sexy ist eine komplizierte Sache!“
Die Frau, die am weitesten voraussieht und dabei sogar noch Vergangenheit entdeckt, steht am Donnerstagabend in aller Demut backstage in ihrer Firmenzentrale an der Via Fogazarro. Brav sieht sie aus, weiße Bluse, schwarzer Rock, scheues Lächeln. Bitte nicht fotografieren! Und diese Frau, die so unitalienisch uneitel ist, hat wieder einmal den Höhepunkt der Modewoche auf den Laufsteg gezaubert. Wie sie auf die großen Plastikpailletten kam, auf die Pythonmäntel, die kontraststarken Farben Elfenbein, Aubergine, Pfirsich, Türkis, Knallrot, Senf, die dicken Gabardinestoffe, die Kleider mit tief hängender Hüfte, die Amelia-Earhart-Fliegerkappen aus Pelz oder Pailletten, den genialen Muster- und Farben- und Materialienmix, der, ganz nebenbei, was die Pelze und die mutigen Farben angeht, an die Yves-Saint-Laurent-Hommage der Gucci-Designerin Frida Giannini vom Tag zuvor erinnert?
Miuccia Prada lächelt bescheiden und diktiert es geduldig. Sie habe einfach nur Materialien genommen, die als sexy gelten, wie zum Beispiel Pailletten, oder als glamourös, wie zum Beispiel Pelz, um sie neu zu interpretieren, „vielleicht etwas unschuldiger“. Also nicht mehr so verführerisch? „Sexy ist eine komplizierte Sache!“ Sie habe halt auf eine schmale Silhouette geachtet, einfach und gerade.
Vertrauen in den Osten
Die etwas dürren Worte der besten italienischen Designerin stehen weit hinter ihren radikal modernen Entwürfen zurück, die mit den Gittermustern und den Minikleidern an die modische Aufbruchstimmung der sechziger Jahre erinnern. Kann es also sein, dass sie in der Mode bleibt und nicht, wie zuletzt öfters kolportiert, zurück in die Politik möchte? „Ich gehe in die Politik, wenn ich wirklich alt bin – und das dauert noch etwas!“
Der politische Subtext der Supertextilien ist aber überall zu spüren. Kean Etro, Herrendesigner des Familienunternehmens, meint, die starke Damen-Kollektion seiner Schwester Veronica sei eine politische Aussage – und spielt an auf das Frauenbild der „Velina“, der Fernsehquiz-Assistentin, das Ministerpräsident Silvio Berlusconi so liebt und das den Powerfrauen der aktuellen Mode so sehr widerspricht. Auch das andere politische Großproblem, die Flüchtlingsströme auf Lampedusa im Süden des Landes, ist auf der Modewoche im Norden zu spüren. Denn all die Luxusunternehmen wie Prada, Tod’s, Bottega Veneta, Max Mara oder Versace freuen sich zwar über zweistellige Zuwachsraten – aber die Manager vertrauen mehr auf eine glänzende Zukunft im Fernen Osten als im krisenanfälligen alten Europa.
Der Frühling kommt
Ex oriente luxus – bei der Marke Gianfranco Ferré, die nach dem Tod des Gründers ins Schlingern geraten war, stimmt es wortwörtlich. Ahmed Sankari von der „Paris Group“ in Dubai hat just am Tag der Schau, dem Freitag, seinen Dienstantritt als Geschäftsführer und Retter von Ferré. Seinen Optimismus kann man angesichts dieser Kollektion der Designer Tommaso Aquilano and Roberto Rimondi nur teilen. Die minimalistischen Schnitte werten sie mit maximalem Aufwand mit Stäbchenpailletten, Kristallen, Samt, Seide und Leder- sowie Fell-Einsätzen auf. Ihre Inspiration ist Frank Lloyd Wright, erzählt Aquilano backstage. Man erkennt es an den quergestreiften Bandage-Kleidern, die das New Yorker Guggenheim-Museum mit der spiralförmigen Rampe ohne Quellennachweis zitieren. Der Aufwand mit Fellbesatz, Kristallorgien, Federschmuck und Farbspielen – er dient auch anderen Marken dazu, den Bedarf der immer anspruchsvolleren Kundinnen aus dem Osten entgegenzukommen.
Donatella Versace hat es, obwohl sie der Markentradition treu bleibt, exemplarisch geschafft. Sie bringt eine mit militärischen Anklängen ebenso starke wie mit raffinierten Schnitten verführerische und mit flamboyanten Farben positive Kollektion auf den Laufsteg im überdachten Garten des Stadthauses an der Via Gesù. Das Leitmotiv, Blow-up-Blütenkelche einer Barockzeichnung, zieht sich zunächst als Druck, am Ende als tragendes Band über die Kleider. Das heißt wohl: Es soll endlich Frühling werden. In Mailand hat er längst begonnen.
Alfons Kaiser Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.
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