Nur für seinen Partner hat dieser Abend einen kleinen Schönheitsfehler. Richard Buckley, seit mehr als zwei Jahrzehnten Tom Fords Lebensgefährte und frisch zum Dinner nach Mailand eingeflogen, trägt nicht die neue Herrenmodelinie „Tom Ford“: „Der Anzug lag dreißig Stunden im Koffer und ist vollkommen zerknittert.“ Also ist er in den Garten am Corso Venezia gekommen, wie er dem Flugzeug aus Los Angeles entstiegen ist: in Jeans und einer nachtblauen Jacke von Jil Sander. Das sieht, wie fast alles und fast alle bei der schönsten Party der Mailänder Herrenmodewoche, ziemlich perfekt aus.
Und Tom Ford, der hier sein neues Parfüm und seinen neuen Showroom vorstellt, der schon bald zwei Geschäfte in Mailand eröffnen will und in den nächsten zehn Jahren hundert weitere in aller Welt – Tom Ford also, der mit seinem gnadenlosen Charme das Champagnervolk bespielt, nutzt die Gelegenheit zu behaupten, er sei von Kopf bis Fuß in Prada gekleidet. Um sicherzugehen, dass der Scherz auch als solcher erkannt wird, zeigt er die Innenseite der Jacke, in der sein eigener Name in serifenlosen Großbuchstaben alles klarstellt. Überhaupt ist Ford, obwohl cool bis in die Haarspitzen, zur Begeisterung fähig: Über das Kompliment, mit ihm bekomme die Modewoche endlich ein bisschen Glanz, freut er sich wie ein König, der, einst aus dem Lande Gucci vertrieben, nun triumphal aus der Neuen Welt in sein altes lombardisches Reich zurückkehrt.
Unterbezahlt und unterernährt
Es ist kein Zufall, dass an diesem langen Abend im Gespräch mit dem wieder inthronisierten König des Stils diese drei Namen fallen: Jil Sander, Prada, Gucci. Tom Ford richtet sich mit seiner Herrenlinie (Anzüge ab 3000 Dollar) an den Leitsternen der Herrenmode aus. Und aus der „Milano Moda Uomo“, die am Mittwoch nach 50 Schauen und zahllosen Showroom-Präsentationen zu Ende ging, stechen genau diese drei Kollektionen heraus: Jil Sander, weil Designer Raf Simons seinen eigenen Stil kongenial mit dem seiner Vorgängerin zu einer neuen Linie verschmolzen hat; Prada, weil Miuccia alle Trends der anderen in überraschend düster-romantischer Stimmung auflöst; und Gucci, weil Frida Giannini einen klaren Karo-Stil prägt, der sich nach Aussagen maßgeblicher amerikanischer Einkäufer blendend verkaufen wird. Per Trickle-Down-Effekt werden Billigmarken Millionen Menschen in den Fußgängerzonen mit den Karo-Kopien einkleiden. Frida Giannini bleibt der Trost, dass sie längst den nächsten Trend erfunden hat, wenn wir alle noch kleines Karo sehen.
Die Woche begann auf leisen Sohlen. Raf Simons begrüßte die ersten Gäste seiner Schau zwar in einem knallblauen Shirt, seine PR-Damen trugen Knallgelb, und Knallgrün war unter den Gästen ebenfalls im Angebot – last season! Aber der Jil-Sander-Nachfolger war schon wieder weiter: Auf dem Laufsteg herrschte zartes Grau, Blassgrün, Blassblau – Pastell. Die Männermodels, unterbezahlte und unterernährte Fließbandarbeiter, waren gekämmt wie der Designer selbst. Manchmal schlug die schmale Linie etwas aus, und die Hosen weiteten sich. Die größere Überraschung aber waren die superleichten halbtransparenten Gewebe, die schimmernden Nylonstoffe und die Sandalen aus Lackleder – drei Trends, die von vielen Designern breitgetreten wurden.
Möchtegernstarke Auftritte
Nur Domenico Dolce und Stefano Gabbana scherten aus. „Wir schauen nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft“, sagte Stefano am Morgen – und bewies das am Nachmittag weniger durch eine Armada klassischer schwarzer Anzüge als durch skulpturale Filzformen und lustig blinkende Leuchten an den gerafften Military-Hosen. In ihrer Zweitlinie D&G arbeiteten sie die metallischen Applikationen weiter durch – und behängten die schwarze Brit-Armada mit Silbernieten, Silberschließen, Silberreißverschlüssen an den zahllosen Taschen, dass es nur so blinkte. Hier durfte der Mann noch einmal in Leder echter Mann sein – während sich auf der „GQ“-Party die ersten schmalen Models beklagten, bei italienischen Designern wie Dolce & Gabbana und Armani würden Muskulöse bevorzugt. Voller Hoffnung flogen die blutleeren Jungs also am Mittwoch zu den Castings nach Paris, wo nächste Woche das Ätherische gefragt sein wird.
Dabei blieb der Mann auch in Mailand das schwache Geschlecht – nicht nur in den möchtegernstarken Auftritten. Bei Marni sitzen Damen in der ersten Reihe, die den farbenfrohen und klunkerreichen Stil der Designerin Consuelo Castiglione herrlich verkörpern. Und über den Laufsteg schweben in mönchisches Schwarz und Grau versteckte Männer, die zum Verschwinden neigen. Geradezu weltabgewandt sieht auch Miuccia Prada den Mann. Den aktuellen Trends genügt sie nur in den leichten Stoffen. Die dunklen Grün-, Rot- und Blautöne, die mal im Mikromuster auf dem Anzug geordnet, dann im Blumenallover über den Overall gestreut waren, gaben zu denken. Die Interpreten werden die Kollektion „intellektuell“ nennen, weil sie den introspektiven Zugang der Kunstfreundin für einen akademischen halten oder weil sie es einfach nicht verstehen.
Netzhemden, Nylonstoffe, Sommerkaschmir
Dabei ist es so einfach: Miuccia Prada macht, was sie will. Da dürfen dann durchaus schwer vermittelbare Strickhosen herauskommen. Mit dem Schubert-Lied aus der „Winterreise“, das durch die Halle dröhnte, war alles gesagt: „Das Mädchen sprach von Liebe, / Die Mutter gar von Eh’, – / Nun ist die Welt so trübe, / Der Weg gehüllt in Schnee.“ Wenn man in wehmütig-spätromantischer Abschiedsstimmung dem Winter entgegenreist, ist einem der Sommer natürlich egal – und das tut bei all den supersommerlich leichten Modestimmungsaufhellern dann schon wieder gut.
Wenn es doch mehr solcher Ausreißer gegeben hätte! Von der englischen Marke Daks bis zur italienischen Marke Salvatore Ferragamo, von Versace (wo Donatella nun bei der Herrenlinie von Alexandre Plokhov unterstützt wird) bis zu Giorgio Armani spulten die großen Marken souverän ihr Männerprogramm herunter. Da ging es dann aber nur noch darum, ob der Zweireiher mit einem oder mit zwei Knöpfen zu schließen ist, ob der Anzug lieber schiefergrau oder taubenblau ist, ob die Sandalen aus Leder oder Lackleder sind, ob die Leichtigkeit über Netzhemden, Nylonstoffe oder Sommerkaschmir auf den Mann kommt, ob weiße Paspeln den blauen Sakkos oder blaue Paspeln den weißen Sakkos einen Rahmen an Revers, Tasche und Kante geben, ob die Hosen hochwasserkurz sind oder ob man gleich einen Bermuda-Anzug trägt.
„Wir Engländer müssen eben übers Wasser“
Grau, die wichtigste Farbe der Saison, hat immerhin den Vorteil, dass sie die Neonfarben grundiert. Sogar Alexander McQueen, der in einem Schwimmbad präsentierte, und Dries van Noten, der mit 1500 Kerzen den Palazzo Reale erleuchtete, zeigten sich nautisch inspiriert – und sparten nicht an Neongelb, Neonrot und Neonorange. Dass Designer, die der Sportswear zugeneigt sind, wie Dirk Bikkembergs, auf dynamisches Rot setzen – geschenkt. Aber wie kommt’s, dass nun auch Burberry so nautisch-sportlich wird? Designer Christopher Bailey hat dafür eine einleuchtende Begründung: „Wir Engländer müssen eben übers Wasser, um mit anderen Kontakt aufzunehmen.“
Seine Nylonhemden kamen also in Fuchsia, seine Neopren-Trenchcoats in fettem Orange. Blau, Gelb, Grün, Türkis – an Farben fehlt es Bailey nicht. Und auch nicht am Sinn für Effekte. Zum Schluss lässt er erst einen goldenen Kroko-Trenchcoat auflaufen, dann eine Phantasieuniform aus goldenem Strick mit Litzen und Lametta. Das war der Höhepunkt des Goldenen Zeitalters auf den Laufstegen. Von nun an geht es seinem Ende entgegen.