31.01.2006 · Die Herrenmode kleidet im kommenden Winter Gentlemen ebenso wie Bürohengste: Die Schnitte der Anzüge sind puristisch, elegant und figurbetont. Allein mit den Farben spielen manche Designer.
Einen sauberen Schnitt wagt die Männermode im kommenden Winter. Ausgefranste Pullis und Lochjeans sind demnach fortan tabu. Zumindest propagieren dies viele Pariser Designer bei den seit Freitag laufenden Prêt-à-Porter-Schauen der Herren für Herbst/Winter 2006/7. Klare Linien, gerade Nähte und ein puristisches Styling liegen im Trend, ein Look, der zwischen Gentleman und Bürohengst schwankt.
Tadellos wirkte Dries van Notens („Designer ABC“: N wie Noten) stimmige Kollektion, die der Antwerpener am Samstag in der Akademie der Schönen Künste vorstellte. „Es zeigt einen Mann, der seine Kleidung sorgfältig zusammenstellt, anders als vor ein paar Saisons. Da sollte es eher wie zufällig gewählt wirken“, sagte ein Mitarbeiter des Hauses. Schön geschnittene Zweiknopf-Anzüge in Grautönen, teils mit Nadelstreifen, warme Mäntel aus melierter Wolle und goldig glänzende, feingestrickte Cardigan- Jacken wirken seriös und dennoch raffiniert. Leopardenhemden, Fellkragen und Hosen in Eidechsenmuster wecken „das Tier im Mann“.
Schmale Silhouette, Hosen auf Figur geschnitten
Auch der Japaner Yohji Yamamoto setzt auf perfekte Schnitte. Allerdings sind seine Mäntel und Jacken übergroß und weit, einige Entwürfe sind von der Marine inspiriert. Der Witz steckt im Detail mit feinen Plissierungen, gedoppelten runden Säumen und glänzenden rot-blauen Stoffbändern, die an Orden erinnern. Überhaupt hellt ein Schuß Rot die ansonsten überwiegend in Schwarz, Grau und Dunkelblau gehaltene Kollektion auf.
Kris van Assche ließ Rosen auf den Laufsteg regnen, und dazu trugen seine Models kurze Jacken mit Blumen am Revers und übergroße Hüte. Die Silhouette ist schmal - etwa bei auf Figur geschnittenen grauen Hosen zu grünen Lodenjacken mit aufgesetzten Taschen. Van Assche setzt verschiedene Doppelungs-Effekte ein, etwa mit zwei übereinander sitzenden Hemdkragen, Hosenbunden oder Westenrevers.
Brauntöne zwischen Schlamm und Schokolade
Die Französin Sonia Rykiel ließ sich vom britischen College-Look inspirieren. Sie zeigte schöne Farbkombinationen, etwa beim grauen Twinset zur fuchsiafarbenen Karo-Hose oder bei Samtanzügen in wunderschönen Brauntönen - irgendwo zwischen Schlamm und Schokolade.
Der Deutsche Dirk Schönberger schneidet rasiermesserscharf. Er ließ sich von der „Mod“-Bewegung der 60er Jahre inspirieren mit schmalen Hosen, Blousons und auf Figur geschnittenen Fliegerjacken. Daneben gibt es lange Marinejacken, Prinz-Heinrich-Mützen und „Ostfriesennerze“: Ölzeug mit Strickmütze, doch ganz in Schwarz und ziemlich schick. „Searching for the young soul rebels“ („Auf der Suche nach den jugendlichen Rebellen der Seele“) lautete das Motto der Kollektion. Schönberger galt selbst lange als Moderebell mit einem Hang zum Düsteren. Mit dieser Kollektion hat er offenkundig seinen Stil gefunden: cool, modern und zugleich romantisch.
Zigarettenspitze und Fuchsschwanz
Auch Stephan Schneider ist Deutscher, und wie Schönberger hat er sich seit Jahren auf dem Schauenkalender fest etabliert. Er setzt auf einen schrägen Look mit Glattstrick in Graustufen zur dunkelgrünen Karohose, leicht knittrigen Anoraks und Anzügen in Grau oder Schwarz, deren Hosen und Jacken aus etwas unterschiedlichen Stoffen geschneidert sind. Lässig und zugleich edel wirken weite Jacken und Mäntel mit tiefsitzenden Gürteln.
Beim französischen Designer Jean Paul Gaultier müssen die Männer jetzt auch noch ihre Garderobe mit den Frauen teilen. Der Modemacher schickte männliche und weibliche Models auf den Laufsteg: Gaultier² (Gaultier hoch zwei) heißt das neue Konzept, das Frauen in Nadelstreifenanzüge, blaue Samtjacken und glänzende Regenmäntel steckt. Mit affektiert gehaltener Zigarettenspitze defilierten Männer und Frauen in Anzügen, wollenen Matrosenjacken und Umhängen über den Laufsteg. Röcke blieben diesmal vorrangig den Herren vorbehalten: Ob schottischer Kilt oder grauer Faltenrock, Mann hat im kommenden Winter die Wahl.
Der internationale Modezirkus wird am 26. Februar wieder seine Zelte an der Seine aufschlagen, wenn neun Tage Prêt-à-porter für Damen auf dem Programm stehen.
Von "Klasse" haben Modemacher keine Ahnung
Hanspeter Bühler (Napoleon3)
- 31.01.2006, 16:43 Uhr