17.07.2005 · Stachelig, krumm, dick und weiß: Nackte Männerbeine sind die schrecklichste Zumutung des Sommers. Und die heimlich schwelende Leidenschaft fürs ästhetisch Unfaßbare haben jetzt auch noch die Modedesigner entdeckt. Die lange Geschichte der kurzen Hose.
Von Alfons KaiserVielleicht ist der Klimawandel an allem schuld. Die japanische Regierung rief in der Kampagne „Cool Biz“ ihre Beamten dazu auf, im schwülheißen Sommer Anzugjacken und Krawatten zu Hause zu lassen. Die Pekinger Stadtverwaltung empfahl ihren Angestellten formlose Kleidung. So könne man den Energieverbrauch der Klimaanlagen gering halten.
Recht so, die Kyoto-Ziele sind uns heilig. Krawatten zum Halbarmhemd sollten ohnehin von der Stilpolizei aus dem Verkehr gezogen werden. Am Schlips wollen wir uns aber ausnahmsweise gar nicht aufhängen. Viel wichtiger ist die Frage nach den stacheligen, krummen, dicken, weißen Männerbeinen, die um so häufiger aus kurzen Hosen lugen, je öfter solche Kleiderlockerungsübungen um die Welt gehen. Also: Darf man eigentlich im Sommer draußen kurze Hosen tragen? Machen wir es kurz: Man darf nicht.
Mode in Moabit?
Die etwas längere Geschichte der kurzen Hose beginnt mit der Mode-Fachzeitschrift „taz“. Neuerdings lugen nackte Männerbeine nämlich von links ins Bild des Sommers: Vor kurzem hob die „tageszeitung“ zur Verteidigung der offenen Beine an und nannte Kritik daran die „alljährlich wiederkehrende Greuelpropaganda aus den körperfeindlichen oder gar homophoben Redaktionsstuben der Republik“.
Und nicht nur das: Der Autor verortete schöne Männerbeine ausgerechnet in der Fußgängerzone von Detmold und auf dem Trottoir des sommerlich aufgeheizten Berlins, also ziemlich genau dort, wo der schlechte Geschmack zu Hause ist. Mode in Moabit? Nein, nackte Männerbeine überlassen wir, ganz retrosexuell, den Männern auf der Tour de France, im Kleingarten, in Balkonien und aufm Platz.
Ende der Nächstenliebe
Das in Kürze zur Kürze. Oder war noch was? Dummerweise hat „Focus“ rechtzeitig zur Hitze eine Umfrage machen lassen. 52 Prozent der Männer und 41 Prozent der Frauen sagen darin aus, Männer sollten im Sommer auch kurze Hosen bei der Arbeit tragen dürfen - was die kolossale Selbstüberschätzung der Männer und den scharfen Blick der Frauen beweist.
Selbst Sandalen und ärmellose T-Shirts fänden im Büro eine Mehrheit. Der Minirock ist für 61 Prozent der Männer und 48 Prozent der Frauen in Ordnung. Beim bauchfreien T-Shirt im Büro allerdings hört die Nächstenliebe der meisten Kollegen auf: Man muß ja schließlich auch noch zum Arbeiten kommen.
Ganze Armee kurzer Hosen
Die kurzen Hosen sind also noch immer nicht auf ganzer Länge erledigt. Und die heimlich schwelende Leidenschaft fürs ästhetisch Unfaßbare bemerken natürlich die Herrenmodedesigner als erste. Auf den Trendschauen für den nächsten Sommer, die gerade in Mailand und Paris über den Laufsteg gingen, sah man doch tatsächlich eine ganze Armee kurzer Hosen.
Dolce und Gabbana, Gucci, Giorgio Armani, Marc Jacobs - all die Herren Designer haben mitgemacht, den Applaus für die Zumutung aber in langen Hosen entgegengenommen. Modemacher Kean Etro hielt sich schließlich gar nicht mehr zurück: Da lief doch wirklich ein Mann im weißen (!) Zweireiher (!!) mit kurzen (!!!) Hosen auf dem Laufsteg herum.
Bitte keine Badelatschen
Die Geschichte der kurzen Hosen also wird immer länger und hört gar nicht mehr auf. Wenn da nicht, zum Glück, die Russen wären, die sich endlich - und womöglich erstmals in ihrer ansonsten ruhmvollen Geschichte - um ein positives modisches Bild verdient machen wollen. Soeben hat nämlich das Moskauer Bürgermeisteramt einen Dresscode für die (aufgepaßt, „taz“!) kleidungstechnisch besonders gefährdete Spezies der Journalisten erlassen.
Demnach müssen Reporter, die über protokollarische Ereignisse berichten, auf allzu legere Kleidung verzichten. Wiederholt waren sie in Netzhemden, in zerrissenen Jeans oder in T-Shirts, aus denen Brusthaare hervorquollen, zu Pressekonferenzen gekommen. Das erträgt kein Beamter. Selbst zum Empfang ausländischer Staatsoberhäupter, so eine Behördensprecherin entsetzt, hätten manche - meist Männer von Privatsendern natürlich - „ihre krummen behaarten Beine“ sehen lassen. Man verlangt nichts Übertriebenes, sagt ein Pressesprecher, keine Lackschuhe, keinen Smoking. Aber eben bitte keine Badelatschen im Rathaus!
Da graust es die Turbanträger
Halten wir uns also an die Völker des Ostens, wo die Lohnstückkosten längst niedriger und die stilistischen Ansprüche inzwischen höher sind als bei uns. Sehet nur die Inder! Knappe Oberteile, kurze Hosen - da graust es die Turbanträger. Männer auf dem Subkontinent, die kurze Hosen tragen, sind meist Angehörige niedriger Kasten. Wie, das reicht Ihnen jetzt immer noch nicht? Müssen wir von weißen Socken in Sandalen anfangen? Nein, schweigen wir darüber.
Alfons Kaiser Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.
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