17.10.2007 · Mode ist Geschmackssache. Doch Jeans-Design geht häufig in die Hose - wie etwa bei Baggy Pants. Weil man vom Hinterteil meist mehr sieht, als von der Hose, wollen ordentliche Amerikaner die knietief sitzenden Jeans verbieten.
Von Katja Gelinsky, WashingtonAmerikanischen Jugendlichen sollen die Hosen hochgezogen werden. Von den Südstaaten bis hinauf zum Ostküstenstaat New Jersey haben Städte und Gemeinden den Baggy Pants den Kampf angesagt. „Wenn Jugendliche mit Hosen herumlaufen, die unterhalb ihres Hinterteils hängen, ist das nicht anständig“, sagt Stadtratsmitglied Timothy Holmes aus der Kleinstadt Opa-locka in Florida.
Der indianisch benannte Vorort von Miami, dessen knapp 15.000 Einwohner nach der Kriminalstatistik in einem der gefährlichsten Orte der Vereinigten Staaten leben, folgt dem Trend, zum Schutz der öffentlichen Ordnung extrem weit geschnittene Hosen mit weit heruntergezogenem Schritt zu verbieten.
Nicht bis in die Knie
Nach Holmes' Entwurf müssen Jugendliche, die in der Bücherei oder in anderen stadteigenen Gebäuden in Baggy Pants erscheinen, damit rechnen, von der Polizei nach draußen geleitet zu werden. Auch in den Parks von Opa-locka soll die Hose nicht länger bis auf die Knie hängen dürfen. In anderen Bundesstaaten - insbesondere in Louisiana - sind ähnliche Hosenverbote bereits in Kraft getreten.
Mit drastischen Sanktionen droht vor allem der kleine Ort Delcambre. Wird die Unterhose oder gar das blanke Hinterteil sichtbar, kann dieser Verstoß gegen die Anstandsregeln mit bis zu sechs Monaten Freiheitsstrafe geahndet werden. Andere Städte sehen soziale Dienste und Beratungsgespräche vor - in der Hoffnung, mit dem Kleidungsstil möge sich die gesamte Lebenseinstellung ändern.
Nicht nur eine modische Protestnote
Stadtvertreter wie Holmes argumentieren, Baggy Pants seien nicht nur eine modische Protestnote gegen die bürgerliche Kleiderordnung, sondern ein soziales Alarmsignal. „Wenn man sechs Jugendliche, die diese Hosen tragen, nach ihren Schulnoten fragt, kann man sicher sein, dass vier Jugendliche Noten am untersten Ende der Skala nennen“, behauptet das Ratsmitglied.
Bestätigt sehen sich die Kritiker durch die Geschichte der umstrittenen Beinkleider - wenngleich sie sich in mehreren Versionen verliert. Immer wieder wird ein Zusammenhang mit Gefängniskleidung hergestellt, weswegen die Baggy-Mode manchmal auch als „jailin“ bezeichnet wird.
Verhinderung von Selbstmorden
Strafgefangenen, so die Version, seien ständig die Hosen weggerutscht, weil man ihnen zur Verhinderung von Selbstmorden die Gürtel abnimmt. Deshalb hätten die Jungs in den Ghettos aus Solidarität mit inhaftierten Gangmitgliedern ebenfalls ihre Hosen rutschen lassen. Eine andere Version besagt, in den Armutsvierteln habe das Geld für neue Hosen gefehlt, so dass die jüngeren die abgetragenen und zu großen Hosen ihrer älteren Brüder tragen mussten.
Längst laufen auch weiße Kinder aus der Mittelschicht in teuren Baggy Pants herum. „Aber die Verbote zielen auf schwarze Jugendliche aus sozial benachteiligten Verhältnissen“, kritisiert die „American Civil Liberties Union“. Die Bürgerrechtsorganisation hält die Vorschriften für verfassungswidrig. Doch gerade in Großstädten wie Dallas und Atlanta sind es vor allem schwarze Offizielle, die nicht länger mitansehen wollen, dass Jugendliche die Hosen rutschen lassen. Dwaine Caraway, der stellvertretende Bürgermeister von Dallas, sagt: „Es ist despektierlich, es ist unehrenhaft, und es ist widerlich.“