Sie sind in Brügge, in Berlin, im schweizerischen Biel und im brandenburgischen Bischofswerda aufgewachsen, an Orten, die wenig Gemeinsamkeiten bieten. Trotzdem sind die Lebensläufe von Hoai Vo, Hien Le, Tutia Schaad und Thuy Duong Nguyen einander in zweierlei Hinsicht nah - was ihre Anfänge betrifft und die Gegenwart. Geboren wurden die vier zwischen 1979 und 1986 fernab von Europa, in Vietnam oder im Nachbarland Laos. Heute arbeiten sie als junge Modedesigner mit eigenen Labels in Berlin - oder, so muss man im Falle von Thuy Duong Nguyen präzisieren, zwischen Berlin und London.
Heute können sie zum Beispiel da sein, wo Tutia Schaad jetzt steht: hinter der Eingangstür zu ihrem Atelier, neben einem Ladentresen aus Holz und Glas, an dem ein Schild mit dem Schriftzug "Perret Schaad" lehnt. Tutia Schaad ist eine Hälfte des Designerduos Perret Schaad. In den letzten paar Saisons feierte das Label so großen Erfolg, dass man sich nicht weiter wundern würde, wenn man hinter dem Tresen von einer Rezeptionistin empfangen worden wäre.
Anfangen können ihre Geschichten wie die von Hoai Vo, deren Vater als einer der "boat people" in den achtziger Jahren vor den Kommunisten flüchtete, von einer belgischen Fähre gerettet wurde und die Wahl hatte zwischen Belgien und Japan. "Wie alle Asiaten wollte er damals nach Europa", sagt die Tochter heute. Also Belgien. Bis die Familie nachziehen konnte, vergingen fünf Jahre.
Hoai Vo gehört zu der Generation vietnamesischer Einwandererkinder, die gerade erwachsen wird und dabei von zwei Kulturen geprägt ist - stärker von Asien als die jüngeren Cousins ihres Designer-Kollegen Hien Le, die gar kein Vietnamesisch mehr sprechen, zugleich aber stärker vom Westen als Hoais eigene zehn Jahre ältere Geschwister, die so viel Zeit in Vietnam verbracht haben, dass die Designerin zwischen ihnen und sich eine "Riesenlücke" sieht, eine ganze Generation. Sich selbst betrachtet sie als Teil einer dritten Generation: jene, die lange genug in Europa gelebt hat, um zu verstehen, dass es "nicht nur ums Überleben geht, sondern auch ums Leben".
Hoai Vos Mode ist beides, westlich und so detailliert, dass deutlich wird, wie viel Geduld dahintersteckt. Asiatische Geduld, glaubt sie. Auch bei der Designerin Thuy Duong Nguyen schwingt die Familiengeschichte in der Arbeit mit. "Man soll sehen, wie ich aufgewachsen bin", sagt sie. Ihr Label Thu Thu gibt es offiziell erst seit Juli, und trotzdem hat sie schon ein Markenzeichen: bunt gemusterte, traditionell vietnamesische Sapastoffe, die in Adressen wie dem Berliner Departmentstore Cabinet 206 und Browns in London hängen. "Viele Designer nehmen sich zuerst eine PR-Agentur. Ich habe mir davor jemanden für den Vertrieb geschnappt. Da bin ich sehr vietnamesisch und denke ans Geldverdienen", lacht sie. Die PR-Agentur kam kurz darauf dazu.
Im Westen gelten Asiaten als erfolgsorientiert. Dieses Bild spiegelt sich auch bei den asiatisch-amerikanischen Designern aus New York wider, deren Erfolg eine vielfache Steigerung von dem ist, was die vietnamesischen Designer in Berlin bisher erreicht haben. Dazu gehören Namen wie Alexander Wang, der innerhalb von fünf Jahren eines der weltweit begehrtesten Modehäuser aufgebaut hat. Oder Jason Wu, der auch außerhalb dieser Modesphäre im Alter von 26 mit einem Kleid bekannt wurde, das Michelle Obama zur Amtseinführung ihres Ehemannes trug.
Zurück nach Deutschland. Fragt man Hoai Vo, warum sie nach dem Studium gleich den Schritt in die Selbständigkeit gewagt hat, anstatt für ein etabliertes Label zu arbeiten, schaut sie hinter ihrer schwarzumrandeten Brille hervor, als hätte man sie darum gebeten, doch der Konkurrenz unter die Arme zu greifen. Entsprechend antwortet sie: "Weil ich meine Ideen und meine Energie für mich behalten möchte. Weil ich selbst Dinge entscheiden möchte."
Diese Einstellung hat sie von ihrem Vater. Völlig mittellos war er in Belgien angekommen und hatte dort so lange in der Fabrik gearbeitet, bis er ein Restaurant eröffnen konnte. "Die Selbständigkeit gehört zu unserer Erziehung dazu", berichtet auch Tutia Schaad. "In Vietnam ist jeder selbständig. Man sieht gar kein Problem darin."
Ganz so selbstverständlich wie die Selbstständigkeit ist es aber nicht, als Kind vietnamesischer Einwanderereltern Modedesign zu studieren. "Für unsere Elterngeneration war das bisher kein Beruf", erzählt Hien Le und krempelt dabei immer wieder eine weiße Strickmütze um, als würde er nach Fehlern in seiner Arbeit suchen, die es beim nächsten Mal zu vermeiden gilt.
"Meine Mutter unterstützt mich, aber sie erwartet Erfolg", sagt auch Tutia Schaad. "Es gibt wenig Platz für Mitleid." Behandelte ein Lehrer in der Schule sie unfair, war die erste Frage der Mutter, was die Tochter denn falsch gemacht habe. "In dem Moment ist das hart, aber langfristig hilft es", glaubt sie. "Meine Mutter wollte immer das Beste für mich. Ich musste sie überzeugen, dass Modedesign das Beste für mich war." Womit genau sie ihre Mutter habe überzeugen können, fragt man und denkt ans Bitten und Betteln. Im nächsten Moment fühlt man sich dann völlig deutsch verweichlicht, als Tutia Schaad antwortet: "Na, mit meiner Arbeit."
Beste Voraussetzungen für den Weg in Richtung Erfolg also. Der zeichnet sich schon bei den noch jüngeren vietnamesischen Kreativen ab. Nam, ein 18 Jahre alter Deutsch-Vietnamese, macht gerade ein Praktikum bei Perret Schaad. Abitur hat er seit sechs Monaten, letzten Sommer lernte er in Vietnam bei einem Maßschneider. "Wir haben ihn als Ausnahme genommen", sagt Tutia Schaad. "Eigentlich sind unsere Praktikanten älter. Aber er ist sehr motiviert."
Motiviert und fleißig, mit denselben Worten beschreibt Prof. Patrick Rietz Tutia und Hoai; an der Kunsthochschule Weißensee betreute er die damaligen Studentinnen im Diplom.
Zuvor war bei Hoai Vo Modedesign zu Hause allerdings, wie sie sagt, "verboten". Sie lernte sechs Jahre lang Latein in der Schule, wahrscheinlich, um es später im Medizin- oder Jurastudium leichter zu haben: "Arzt und Anwalt waren die einzigen Berufe, die es für meinen Vater gab. Nur damit könne man Geld verdienen und glücklich werden. Er hat gesagt, es gebe so viele Vietnamesen mit weniger Chancen, und ausgerechnet ich würde es vermasseln."
Obwohl Hoai Vo nicht dem väterlichen Wunsch gefolgt ist, hat sie von Anfang an gelernt, was genau die Eltern von ihr erwarten. Auch das ist eine Fähigkeit, die sie nun in ihre Modemarke transportiert. Intuitiv versteht sie, was ihre Kundinnen erwarten, wovon sie träumen und wofür sie Geld ausgeben würden. Hoai Vos Label heißt übrigens Concis, zu Deutsch: prägnant, punktgenau. Noch ein Punkt, an dem sich diese Designer treffen. Von da aus kann es nun weitergehen.