Home
http://www.faz.net/-gut-74ahg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Judentum Kein alter Hut

 ·  Auch strenggläubige Juden sind modebewusst: Die Zeit bleibt nicht stehen, nicht einmal in Itzak Fersters Geschäft in Mea Schearim

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (10)
© dapd Ein Mann braucht einen Hut: Chassiden in einer Talmudschule in Jerusalem

Itzhak Ferster kann keinen Hut aus der Hand legen, ohne sanft über den schwarzen Filz zu streichen. Die Augen des Mannes mit dem langen grauen Bart und den Schläfenlocken beginnen zu leuchten. „Jeder Hut ist anders. Je weicher der Filz, desto besser ist er“, sagt der 65 Jahre alte Israeli und legt das Exemplar vorsichtig zurück in die Schachtel. Hunderte Hüte stapeln sich in den Regalen des Geschäfts, dessen unscheinbarer Eingang im Jerusalemer Ultraorthodoxen-Viertel Mea Schearim leicht zu übersehen ist. Eine Bettlerin bittet um Almosen, während Frauen im Laden nebenan Lebensmittel einkaufen. Zum Hutgeschäft geht es an Briefkästen vorbei, aus denen die Werbung ragt, ein paar Stufen hinab ins Souterrain.

Nicht nur die frommen Männer der Heiligen Stadt finden trotzdem ihren Weg zu Ferster. Seit vier Generationen ist Itzhak Fersters Familie im Hutgeschäft, erst in Polen, dann in Wiesbaden und seit 1932 in Jerusalem. Neun Geschäfte gibt es mittlerweile in Israel, dazu Filialen im Ausland. Die meisten Hüte aus Hasenfell lässt er heute in seiner Fabrik in Ungarn fertigen. Dann liefert er sie bis nach Amerika. Mehrere tausend sind es im Jahr. „A Mann braucht immer einen Hut“, scherzt Itzhak Ferster in einer eigenwilligen Mischung aus Jiddisch und Deutsch. Das hat bei seinen Kunden auch mit ihrer Religion zu tun: Die meisten gläubigen Juden bedecken immer ihren Kopf. Wenigstens mit einer kleinen Kippa, die Frommen meist auch noch mit einem stattlichen Hut.

Ein Kneitsch kann bis zu 200 Euro kosten

Draußen in den engen Straßen von Mea Schearim wirken die ultraorthodoxen Männer auf den ersten Blick alle gleich, wie ein großer, schwarzer Block. Doch der Eindruck täuscht. Sie achten genau darauf, wie sie sich kleiden und was sie auf dem Kopf tragen. Bis zu 200 Euro kann ein Hut kosten. Besonders gefragt ist der „Kneitsch“ - aus dem Namen hört man noch das deutsche Wort „knautschen“ heraus. Das Oberteil des hohen Hutes ist zu einem Dreieck zusammengedrückt. Er ist Erkennungszeichen der Lubawitscher Chassiden, für die sich in dem Dreieck die drei Anfangsbuchstaben ihrer Gruppe Chabad wiederfinden. Aber sie sind nur eine von vielen Chassiden-Gruppen.

Das klingt kompliziert und ist es auch. Chassidismus wird die Erweckungsbewegung genannt, die unter orthodoxen Juden im 17. Jahrhundert in Osteuropa entstand. Für Chassiden besteht die Religion nicht nur aus dem Studium von Tora und Talmud. In ihrem Verständnis des Judentums spielen das Herz und das religiöse Gefühl eine genauso wichtige Rolle wie der Kopf. Chassiden dürfen sogar ein Gebet verschieben, wenn sie sich zum vorgeschriebenen Zeitpunkt innerlich nicht dazu bereit fühlen. Dazu kommt meist noch eine enge Bindung an einen Rabbiner und dessen „Hof“.

Einen Eindruck davon, wie viele solcher „Höfe“ und religiösen Strömungen es gibt, vermitteln Fersters Hutregale. Die alteingesessenen Jerusalemer unter seinen Kunden bevorzugen zum Beispiel einen vergleichsweise flachen Hut mit besonders flauschigem Filz. Der „Kneitsch“ ist wiederum auch bei den Litauern beliebter, so nennt man die historischen Gegner der Chassiden, für die das Studium der heiligen Schriften das Allerwichtigste ist. „Sie sind ein bisschen niedriger und haben dafür zwei Oigen“, sagt Itzhak Ferster - und meint damit zwei Einbuchtungen, die an Augen erinnern. Auch Sefarden, aus Nicht-Europa stammende Juden, kaufen gerne diese Hüte.

Nicht nur die Kopfbedeckung, sondern die ganze Kleidung verrät viel. Sie ist ein reicher Code“, erläutert Ester Muchawsky-Schapper. Die in Deutschland geborene Wissenschaftlerin ist oft in den Vierteln der Ultraorthodoxen in Jerusalem unterwegs und kehrt, fasziniert von der Vielfalt, zurück ins Israel-Museum, wo sie als Kuratorin arbeitet. „Die Zeit ist nicht stehengeblieben“, sagt Ester Muchawsky-Schapper, obwohl sich in diesen Stadtteilen viele Besucher eher in ein osteuropäisches Schtetl vor mehreren hundert Jahren zurückversetzt fühlen. Das Israel-Museum zeigt gerade ihre Ausstellung „Eine Welt für sich - nebenan“, die versucht, die Tür zur sonst schwer zugänglichen Welt der frommen Chassiden einen Spalt breit zu öffnen.

„Davon träumt zurzeit jeder Bräutigam“

Als wichtigstes Erkennungszeichen der Chassiden gilt traditionell der Schtreiml, eine hohe Pelzmütze, die sie aus Osteuropa mitbrachten. Ein Paradestück der Ausstellung im Museum ist ein „Schtreiml mit a kroyn“ (jiddisch: mit einer Krone). „Davon träumt zurzeit jeder Bräutigam“, sagt die Kuratorin. Den Pelzhut tragen die Männer nur zu Hochzeiten und an Feiertagen. Aber er kann unterschiedlich ausfallen: Vor ein paar Jahren kamen aus Amerika neue Modelle nach Israel, bei denen die feinen Tierhaare auf der Oberseite nach oben gekämmt werden, ähnlich wie Zacken einer Krone. Ursprünglich wollten christliche Herrscher Juden in Osteuropa erniedrigen, indem sie ihnen vorschrieben, Hüte aus Schwänzen von Tieren zu tragen, die für Juden nicht koscher sind. Doch die Chassiden kehrten es in etwas Positives - und die Kopfbedeckung wurde zum Ausdruck großer Frömmigkeit.

Besonders von den Frauen wird erwartet, sich nach den Vorschriften der „Zniut“ (Keuschheit) zu kleiden und dabei den ganzen Körper zu bedecken. „Aber es gibt auch dort Modetrends“, sagt Ester Muchawsky-Schapper. So gibt es bei der Auswahl der Farben Freiräume. Modern sei es, statt weißer oder cremefarbener Hochzeitskleider zartrosa oder hellblau zu tragen. Die Frauen könnten dabei ihre Vorliebe sogar religiös begründen: Die Bibel fordert Juden auf, sich von Nichtjuden zu unterscheiden.

Das ist auch in den Räumen der Jerusalemer Ausstellung jeden Tag zu beobachten. Frauen in knappen T-Shirts und kurzen Röcken drängen sich neben ultraorthodoxen Besucherinnen, die nicht einmal eine Haarsträhne sehen lassen, vor den Exponaten. An jüdischen Feiertagen mischen sich auch Männer im Pelz-Schtreiml unter das Publikum. „Manchmal kam es mir so vor, als stiegen sie aus einem der Fotos. Die Ausstellung ist fast ein Blockbuster. An manchen Tagen kamen 1500 Besucher: Die Hälfte säkulare Israelis, die andere Hälfte religiöse“, sagt James Snyder, der Direktor des Israel-Museums, über die kleine Kulturrevolution in seinem Haus. Wenn die Türen der Schau Ende November schließen, werden sie wahrscheinlich mehr als 200000 Menschen besucht haben. Danach würden sie Museen in Europa und Amerika gerne zeigen; vielleicht kommt sie auch nach Berlin.

Ausgerechnet mit einer ethnographischen Ausstellung gelingt es in Israel, eine Bresche in die Mauer zwischen weltlichen und frommen Israelis zu schlagen, die in Israel immer höher wird. Die einen sind neugierig, die anderen stolz. „Ich wusste nicht, wie fröhlich die Chassiden stundenlang feiern können“, staunt ein Besucher aus Tel Aviv über die Lebensfreude der frommen Minderheit. Viele Strenggläubige hatten das Jerusalemer Museum bis dahin noch nie betreten. Sie mussten sich oft erst nach dem Weg erkundigen, obwohl sie in derselben Stadt leben. „Endlich sehen uns die anderen, wie wir sind“, hörte die Kuratorin Muchawsky-Schapper eine fromme Besucherin sagen - mit den anderen meinte sie die säkularen Israelis, von denen sich viele Strenggläubige oft missverstanden und angegriffen fühlen. Manche sprechen deshalb in Israel schon von einem Kulturkampf.

Schön bürsten und mit Alkohol abschaben

Ester Muchawsky-Schapper hat über viele Jahre hinweg den Kontakt zu den Frommen gesucht und dabei Vertrauen aufgebaut, das sich jetzt auszahlte. Oft musste sie über Mittelsmänner mit Rabbinern Verbindung aufnehmen, weil sie sich mit Frauen nicht treffen würden. In enger Abstimmung mit ihren chassidischen Partnern hat sie dann Bilder, Videos und Exponate ausgewählt. „Obwohl ich bis zuletzt Angst hatte, dass ein Rebbe sagt: Das geht so nicht!“ Statt dessen kamen sogar prominente Rabbiner, und die religiöse Presse lobte die Kuratorin als „Friedensbringerin“. „Es ist revolutionär, dass sie kommen. Das Eis ist gebrochen. Ich hoffe, sie besuchen auch nach der Ausstellung weiterhin das Museum.“

Die Hutmacher-Familie Ferster war selbstverständlich auch schon im Museum, wo ein kleiner Film ihren Laden in Mea Schearim zeigt. Aber Itzhak Ferster ist im internationalen Hutgeschäft viel unterwegs. Mehrmals im Jahr reist er nach Ungarn und Amerika. Und unten in der Werkstatt unter dem Laden geht in diesen Tagen die Arbeit nicht aus. Gute Hüte brauchen auch Pflege. Fersters Mitarbeiter setzen sie auf Metallköpfe, bürsten sie und schaben sie mit Alkohol ab. Bei dieser Arbeit muss am Ende wieder jedes Detail stimmen: Von der Neigung der Randes, bis zur Schleife am Hutband ist nichts zufällig.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

Jüngste Beiträge