Home
http://www.faz.net/-gut-zet5
Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

John Galliano Der gefallene Mode-Messias vor Gericht

 ·  Der Modeschöpfer John Galliano muss sich in Paris vor einem Gericht wegen angeblicher Nazi-Pöbeleien verantworten. Er will seinem Anwalt zufolge aussagen, dass er kein Antisemit sei. Vielmehr habe er schwere Suchtprobleme.

Artikel Bilder (4) Video (2) Lesermeinungen (6)

Der britische Modeschöpfer John Galliano muss sich seit Mittwochnachmittag wegen angeblicher Nazi-Pöbeleien vor einem Pariser Gericht verantworten. Dem 50-Jährigen wird in zwei Fällen die schwere Beleidigung von Besuchern einer Brasserie vorgeworfen. „Dreckiges Judengesicht, Du solltest tot sein!“ ist einer der Ausdrücke, die von ihm stammen sollen. Galliano erschien im Gerichtssaal mit einer sehr weiten schwarzen Hose und einem dunklen Sakko, dazu trug er ein Tuch um den Hals. Die Haare sind noch immer lang, er trägt sie offen.

Nach Angaben seines Anwalts will Galliano in dem Prozess beteuern, kein Antisemit zu sein und auf seine schweren Suchtprobleme verweisen. Bei einem der ihm zur Last gelegten Vorfälle war er nachweislich stark betrunken. Auf öffentliche rassistische Beleidigungen stehen in Frankreich bis zu sechs Monate Haft und 22.500 Euro Geldstrafe. Gefängnisstrafen werden allerdings nur äußerst selten für ein solches Delikt verhängt. Das Modehaus Dior hatte Galliano Anfang März wegen der Pöbeleien vor die Tür gesetzt.

Es überraschte, dass er 14 Jahre bei Dior blieb

Als John Galliano im Oktober 1996 bei Dior antrat, war das Entsetzen der französischen Presse groß. Dass dem „jungen Wilden“, dem Exzentriker aus Großbritannien, das kreative Ruder bei einem der nobelsten Modehäuser der Welt anvertraut wurde, schockierte und war vor allem gänzlich „unfranzösisch“. Niemand rechnete damit, dass Galliano mehr als 14 Jahre bei Dior bleiben würde. Niemand rechnete allerdings auch damit, dass der heute 50-Jährige wegen Nazi-Pöbeleien „unehrenhaft“ entlassen werden würde.

Denn eigentlich schien vom wilden Gebaren zu Beginn seiner Karriere nur seine Liebe zur Verkleidung übrig geblieben zu sein. Gallianos in üppigen Details schwelgende Kollektionen entzückten die Modepresse. Am Ende seiner Schauen trat der stets sportgestählte und ziemlich selbstverliebt wirkende Modemacher mal als Pirat auf den Laufsteg, mal als Napoleon. Allerdings stellte sich in den vergangenen Jahren zunehmend Langeweile ein. Vielleicht war der Druck einfach zu groß: Für bis zu 17 Kollektionen war Galliano pro Jahr zuständig. Von der Haute Couture bis zu Kindermode und Uhren reichten seine Aufgaben.

Ein dramatischer Typ zwischen Genie und Wahnsinn

Als sich kritische Stimmen mehrten, galt der Brite in Paris allerdings längst als Institution. Sein Handwerk verstand er - schließlich hatte er in der Londoner Kreativschmiede Central Saint Martins College of Art & Design studiert. Neben dem Studium jobbte er als Ankleidehilfe im Theater und machte sich mit selbst kreierten Kostümierungen in der Club-Szene einen Namen.

Die Liebe zum Dramatischen setzte sich in seiner Arbeit fort. Galliano ließ sich von der Französischen Revolution inspirieren, aber auch von Bollywood oder Las Vegas. Und er machte mit irren Inszenierungen Furore, er zeigte seine Schauen auf der Rennbahn oder in einem improvisierten Roma-Lager. Die Models wirkten stets wie Traum-, manchmal auch Alptraum-Gestalten.

Beobachter hatten häufig den Eindruck, der in Gibraltar geborene Mann schwebe zwischen Genialität und Wahnsinn. Andere beschrieben den medienscheuen Designerstar als scheu und sensibel. Doch hinter der
schillernden Maske kam im vergangenen Winter eine grobe Fratze zum Vorschein. Mittlerweile hat Galliano schwere Suchtprobleme eingeräumt.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen