16.01.2006 · Am ersten Tag der Mailänder Modewoche richten sich die Augen auf Raf Simons. Der Designer gibt seinen Einstand bei „Jil Sander“.
Von Anke Schipp, MailandDer Neuanfang von Jil Sander beginnt dort, wo niemand die Marke kennt. Irgendwo im Osten Mailands, in einer Straße, die auf den Stadtplänen der Touristen nicht mehr verzeichnet ist, wo sich Industriebauten an Apartmenthäuser reihen, weit weg von den glamourösen Einkaufsstraßen rund um die Via Montenapoleone.
Wahrscheinlich würde bei einer Blitzumfrage unter den Bewohnern des Viertels keiner etwas mit dem Namen Jil Sander verbinden. Offenbar wollte die ehemals deutsche Marke ihren Neuanfang nicht in der Zentrale an der Via Beltrami wagen - dort wo die Firmengründerin jahrelang ihre Kollektion präsentierte, bevor sie wegen Unstimmigkeiten ging, zurückkam und wieder ging und wo alle Versuche, Jil Sander ohne Jil Sander auf Kurs zu bringen, gescheitert sind.
Intellektuell und eigensinnig
Man hat einen neutralen Ort gesucht, um es noch einmal zu probieren. In der Via Ventura halten im Sekundentakt Taxis. Es ist Sonntag. Es ist der Tag von Raf Simons. Der Belgier soll der angeschlagenen Marke, die seit 1999 zum Prada-Konzern gehört und rote Zahlen schreibt, wieder auf die Beine helfen und für ein positives Image sorgen. Aber ist Simons dafür der richtige?
Er ist ein ziemlich unbekannter Designer, der zur Avantgarde gezählt wird, weshalb er der Menge kein Begriff ist, der aber trotzdem die Männermode beeinflußt hat. Er gilt als intellektuell und eigensinnig, er läßt sich so gut wie nie fotografieren, seine Models holt er am liebsten von der Straße, und seine Schauen bei der Herrenmodewoche in Paris inszeniert er regelmäßig wie Kunstprojekte.
Beobachtet vom Prada-Chef
Daß er in seine Entwürfe Elemente der Jugendkultur einfließen läßt, dürfte den 1968 geborenen Designer ebensowenig zum idealen Jil-Sander-Nachfolger machen wie die Tatsache, daß er sich ungern kommerziellem Druck aussetzt. „Wenn sich meine Kleider nicht verkaufen, dann eben nicht“, hat er einmal in einem Interview gesagt. Wie aber geht das als Designer eines börsennotierten Unternehmens, das jährlich einen dreistelligen Millionenumsatz macht?
Am ersten Tag der Mailänder Modewoche, in der die Herrenkollektionen für den nächsten Herbst und Winter präsentiert werden, richten sich also aller Augen auf Raf Simons - die der internationalen Presse, die der mächtigen amerikanischen Einkäufer, aber vor allem die schmalen Adleraugen von Prada-Chef Patrizio Bertelli, die er hinter einem schwarzen Brillengestell versteckt und die doch blitzschnell alles registrieren, was in seiner Umgebung geschieht.
„Pur“
Es gibt Gerüchte, der mächtige Konzernchef wolle die Marke Jil Sander verkaufen. Sollte das stimmen, entscheidet dieser Tag auch über den Marktwert des Unternehmens, dessen Sitz gerade von Hamburg nach Mailand verlegt wurde.
Auf den ersten Blick ist alles wie immer. „Pur“, würde die Firmengründerin sagen. Ein weißer Saal mit weißen Sitzbänken, weißem Laufsteg, weißem Licht. Die ersten Models, die ersten Entwürfe - manch einer dürfte schon jetzt aufatmen. Es scheint so, als gedenke der exzentrische Belgier, der eigentlich gelernter Industriedesigner ist, das Jil-Sander-Universum nicht zu verlassen.
Klassische Sander-Stücke
Seine Kollektion rankt sich um die klassischen Sander-Stücke: weißes Hemd, Anzug und Mantel. Vergeblich sucht man nach grellen Farben oder Bezügen zur Jugendkultur, wie man es aus seinen eigenen Kollektionen kennt. Grau, Schwarz, Weiß und Beige - mehr gibt es nicht. Die knabenhaften Models, wie sie auch seine Vorgängerin favorisierte, tragen ihre Hemden bis zum Hals geknöpft, dazu schmale, schwarze Hosen und schlichte Schnürschuhe.
Die Materialien sind hochwertig und teils selbst entwickelt - auch hierin folgt Simons der Tradition der Marke. Beschichtetes Tweed gibt es ebenso wie ein mit Wollflies verschmolzenes Leder. Die Schnittführung ist klar und gradlinig. Simons verzichtet auf dekorative Elemente. Hier referiert jemand die Grammatiklehre der Jil Sander. Zu brav? Keineswegs, denn Simons überrascht, ohne zu schockieren.
Schüchternes Lächeln
Wie seinerzeit die Firmengründerin tobt er sich auf dem Feld der Form aus und spielt gekonnt mit Volumen. Fast unverfroren präsentiert er eine breite Schulterlinie und weit geschnittene Sakkos und Mäntel - zu einer Zeit, in der die Herrenmode fast komplett einer schmalen Linie folgt und nichts anderes kennt als taillierte Jacketts, die sich eng an den Körper schmiegen. Simons' kastenförmige Jacken fallen gerade vom Körper herab.
Später wird es dafür viel Lob geben: Lange schon hat man auf einen neuen Impuls in der Herrenkonfektion gewartet. Ob sie sich im Handel durchsetzen, ist eine andere Frage. Nach der Schau jedenfalls gratuliert Prada-Chef Patrizio Bertelli seinem neuen Zögling, der lächelt schüchtern. Noch steht ihm die richtige Bewährungsprobe bevor, wenn er Ende Februar zum ersten Mal die Damenkollektion von Jil Sander in Mailand präsentieren wird. Ein Debüt in gleich doppelter Hinsicht, denn der Belgier hat bislang ausschließlich Herrenmode entworfen.
Anke Schipp Jahrgang 1966, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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