Er hat Männer in Röcke gesteckt, Alte und Dicke auf den Laufsteg geholt und Madonna Eistüten auf die Brüste gesetzt. Das reichte erst einmal, um ihn mit dem allenthalben strapazierten Etikett „Enfant terrible“ zu belegen, was hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt ist, aber sonst tunlichst vermieden werden sollte. Man würde Jean-Paul Gaultier damit auf ein paar Knalleffekte reduzieren, für die er zwar immer gut ist, in denen sich seine Arbeit aber längst nicht erschöpft.
Er begann seine Laufbahn früh, ein reguläres Studium absolvierte er nie. Er zeichnete Entwürfe und verschickte sie an verschiedene Modeschöpfer, mit Erfolg. Im Alter von siebzehn Jahren wurde er Assistent bei Pierre Cardin, dann bei Jean Patou. Nach sechs Jahren hatte er genug gelernt, um seine erste Kollektion vorzustellen, mit der er, noch ganz vom Punk beeinflusst, erst einmal sämtliche gängige Laufstegästhetik dekonstruierte: Was ist schon schön, was ist schon hässlich? Für seine Ästhetik bedeutete das wenig, reine Eleganz interessiert ihn nicht. In den achtziger Jahren verwischte er die Unterscheidung zwischen Unter- und Oberbekleidung, im nächsten Jahrzehnt machte er sich schließlich an die Geschlechtergrenzen. Kilts und Sarongs, gestreifte Fischerhemden und Korsette hat er entstaubt, neu kombiniert, überzeichnet. Wie auch im Jahr 1990 die konische Korsage für Madonnas „Blonde Ambition“-Tour: Damit deutet er das repressivste Kleidungsstück, das je für Frauen erfunden wurde, um ihre Körper zu formen, zur Waffe um.
Niemals kompromisslos avantgardistisch
Aber bei aller Auflösung und Verwischung des Status quo setzte Gaultier immer eigene Entwürfe dagegen, die sich seinem enormen kulturgeschichtlichen Fundus verdanken. Wenn er Männer in Röcke steckt, dann sind diese perfekt geschnitten und nie in den luftleeren Raum entworfen. Geschichtsbewusst könnte man das nennen, aber auch als wahllos eklektizistisch kritisieren, je nach Standpunkt. Mit jeder Kollektion erschafft er auch ein Setting, eine Figur, eine Epoche - in diesem Frühling war seine Couture-Schau eine Hommage an Amy Winehouse. Die vor kurzem gestorbene Soulsängerin passt ins Bild, denn Gaultiers Frauen sind keine fragilen Blumen, sondern Matrosenbräute, außerirdische Kriegerinnen von mitunter offensiver Sexualität. In den vergangenen Jahren benötigten seine Frauen allerdings keine Waffen mehr, um sich durchzusetzen. Stark sind sie noch immer, aber subtiler, hochgeschlossener, mit Gesichtsschleier oder im klassischen Kostüm.
Zu seiner eigenen Linie kommt die Arbeit für den Film. Für Jean-Pierre Jeunets Dystopie „Stadt der verlorenen Kinder“, für Peter Greenaways Filmoper „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“, für Pedro Almodóvars Satire „Kika“ und für Luc Bessons Science-Fiction „Das fünfte Element“ entwarf er historisierende, futuristische, phantastische Kostüme, die ebenso wie seine Mode niemals kompromisslos avantgardistisch waren, sondern immer mit Zitaten vergangener Epochen angereichert und mit Verweisen gespickt. Ein Blazer, auch wenn er schräg geschnitten, aufgelöst, fließend oder gewickelt ist, ist bei ihm immer noch ein Blazer.
Und schließlich betreibt Jean-Paul Gaultier eines der wenigen Häuser, die sich der aufwendigen Kunst verschrieben haben, die sich Haute Couture nennt und handgenähte Unikate verlangt. Ein Dutzend Couturiers gibt es noch in diesem exklusiven Kreis, er ist seit 1997 offiziell dabei. Hier läuft er zur Hochform auf, schickt die Modelle federbekränzt, mit Schnürtaille und ellenbogenhohen Lederhandschuhen auf den Laufsteg. Immer ein bisschen Pop, ein bisschen Boudoir, ein wilder Stoffdruck hier und da, und mit Sicherheit ein bisschen verspielter als alle anderen. Am Dienstag wird er sechzig.
"Mit der Euphorie, welche die Mode auslöst, gehen ...
Bruder Marcus . (mcporsche)
- 24.04.2012, 16:54 Uhr