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Isabel Toledo Nähen für das Weiße Haus

10.08.2009 ·  Dass Michelle Obama immer so gut aussieht, ist auch der New Yorker Designerin Isabel Toledo zu verdanken. Die Latino-Amerikanerin, Kind einer Arbeiterfamilie aus Kuba, versteht sich nicht als Modeschöpferin. Sie besteht vielmehr auf der Bezeichnung „Näherin“.

Von Claudia Steinberg
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Die Auszeichnung war überfällig: Soeben haben Barack und Michelle Obama die Liste der bestangezogenen Zeitgenossen erobert - an der Seite von Hollywood-Star Brad Pitt und Prinzessin Letizia von Spanien. Längst hat das Publikum zur Kenntnis genommen, dass Amerikas neue First Lady ihre Garderobe gern für nonverbale Statements einsetzt - mal zeigt sie sich im ärmellosen Schnittkleid, mal auffallend lässig mit Strickjacke beim offiziellen Termin. Und jedes Mal belebt sie damit aufs Neue die Debatte, ob dies alles gerade noch „comme il faut“ sei oder nicht vielmehr ein unerhörter Affront gegen den politischen Dresscode.

Schon der Auftakt geriet spektakulär, und das Bild ist unvergessen: An der Seite des Präsidenten steht Michelle Obama im zitronengrasgelben Mantel unter eisblauem Himmel vor der Kuppel des Kapitols in Washington. Am 20. Januar 2009, dem Tag der Amtseinführung, verstieß ihr Ensemble aus wollener Schweizer Guipure-Stickerei in Kombination mit grünen Pumps und Handschuhen deutlich gegen die Konvention des blauen oder roten Kostüms, das frühere First Ladies zu diesem Anlass für geboten, nein: für unverzichtbar hielten. Doch das Outfit von Mrs. Obama fand Gnade - bei Millionen Fernsehzuschauern ebenso wie bei Fashionistas und Modekennern.

Inkarnation von Offenheit und Transparenz

Keine sechs Monate später sind Kleid und Mantel von der politischen Weltbühne ins Museum gewandert: In der Vitrine des New Yorker „Fashion Institute of Technology“ (FIT) wirkt das Outfit nun geradezu hoheitsvoll.

Für Michelle Obama entworfen hatte es Isabel Toledo, und zwar mit der erklärten Absicht, die Präsidentengattin nicht als monolithische Gestalt, sondern als Inkarnation von Offenheit und Transparenz auftreten zu lassen, den winterlichen Temperaturen zum Trotz. Toledo und die 13 Näherinnen, die über Weihnachten an dem Projekt gestichelt hatten, verfolgten atemlos am Fernsehschirm, wie die Sonnenstrahlen das Netzwerk reflektierender Fäden unter der Spitze während der Zeremonie zum Leuchten brachten - ganz wie erhofft.

„Designerin für Designer“

Eine Latino-Amerikanerin, Kind einer Arbeiterfamilie aus Kuba, mit diesem Auftrag zu beehren, das sei doch eine intelligente Wahl der First Lady, so hieß es gleich. Seit Isabel Toledo ihr Atelier 1984 in einem schäbigen Mietshaus in der Nähe des Times Square eröffnete, hat sich die 48 Jahre alte Designerin mit der „flüssigen Architektur“ ihrer Kreationen, die sich oft zu geometrischen Objekten zusammenfalten lassen, den Ruf einer „Designerin für Designer“ erobert - ihre rigorosen Schnitte werden immer wieder mit jenen von historischen Meistern wie Charles James, Geoffrey Beene und Cristóbal Balenciaga verglichen. Die Retrospektive im FIT, deren Auftakt Michelle Obamas Inaugurations-Gewand bildet, ist bereits ihre zweite Ausstellung dort.

Doch Mrs. Toledo versteht sich nicht als Modeschöpferin und erst recht nicht als Künstlerin. Sie besteht vielmehr auf der Bezeichnung „Näherin“ - und das nicht einfach aus Bescheidenheit, sondern weil sie stolz darauf ist. Sie kennt das Geheimnis raffinierter Nähte ebenso wie den Rhythmus der Stiche, und ein Griff ins Material verrät ihr, wie sich bestimmte Stoffe verhalten, wenn die Trägerin sitzt, geht oder steht. „Ich brauche nur einen Blick auf ein Kleid in einem Magazin oder im Internet zu werfen, und mir ist sofort klar, wie es gemacht ist“, behauptet sie. Ihrem Mann und Geschäftspartner, dem Modezeichner, Filmemacher und Bildhauer Ruben Toledo, erklärt sie oft die exakte Konstruktion von Entwürfen, wenn er nach rudimentären Vorlagen für andere Auftraggeber zeichnen soll. Isabel Toledo selbst kann mit dem Zeichenstift überhaupt nicht umgehen; ihre Ideen entstehen bis in letzte plastische Details zunächst im Kopf.

Sprache der Couture

Die beiden Toledos kennen einander seit ihrer Schulzeit, geheiratet wurde 1984, und ihre ebenso professionelle wie romantische Beziehung gilt in ihrem beruflichen Umfeld als absolute Ausnahme. Beide emigrierten als Kinder in den sechziger Jahren aus Kuba und wuchsen in New Jersey auf. Für die Prinzessinnenkleider, die Mutter Izquierdo so gern an der Tochter gesehen hätte, war Isabel bereits im heimischen Camajuani zu klein, zu dünn und zu wild gewesen. Daher hatte das Mädchen begonnen, für sich selbst und ihre beiden älteren Schwestern zu nähen. Bis in die Nächte hinein transformierte sie jene sperrigen, eckigen Formen, die sie ihre „Drachen“ nannte, in körperfreundliche Hüllen.

Als Modestudentin in New York restaurierte sie mit chirurgischer Präzision ausgerissene Ärmel und zerfranste Säume von historischen Meisterwerken in den Depots des Metropolitan Museum. Zu Beginn ihrer fünfjährigen Lehrzeit im Costume Institute kannte sie an Modegrößen weder Mme. Vionnet noch Mme. Grès, doch von deren fließenden Kleidern lernte sie die Sprache der Couture.

Experiment mit der Schwerkraft

Michelle Obama stieß im Chicagoer Modekaufhaus Ikram erstmals auf Bügel mit dem Toledo-Label, und zwar lange bevor sie nach Washington umzog. „Das ist eine große Ehre für mich“, teilte die Designerin, darauf angesprochen, schon vor einem Jahr dem „New York Magazine“ mit. „Sie ist einfach losgezogen und hat mich gekauft, das ist meiner Meinung nach noch besser, als wenn sie den offiziellen Kontakt gesucht hätte.“ Letzterer kam erst zustande, als es um den Tag der Amtseinführung ging.

„Poetische Volumen“ nennt Valerie Steele, Direktorin des FIT-Museums und Kuratorin der laufenden Ausstellung, Isabel Toledos Stoffgehäuse, die mal anschmiegsam, mal steif ausfallen können. Toledos „Demi-Couture“ ließe sich auch als raffiniertes, enorm arbeitsintensives Experiment mit der Schwerkraft beschreiben - mit Werkstoffen wie Jersey oder Taft. Gleichgültig, ob ein ganzes Kleid an einem einzigen Träger aufgehängt oder ein anderes mit einer einzigen, um die Hüfte herumgeführten Naht zusammengehalten wird: Das Ergebnis ist unangestrengt originell. Beim „Hermaphrodite Dress“ ergeben sich aus geschnürten Stoffmassen Formen, die weder ausgesprochen weiblich noch männlich wirken.

Stoffschichten wie Knospenblätter

Ganz anders der „Kangaroo Dress“, der sich durch eine tiefe Falte in der Bauchregion auszeichnet und somit an die Anatomie des Beuteltiers erinnert. Das Kornblumenkleid ließe sich beinahe als eine geometrische Übung verstehen, doch drapieren sich dabei die Stoffschichten wie Knospenblätter eng und schmeichelhaft um die Figur.

Michelle Obamas stattliche Amtseinführungsrobe entstammt dagegen einer Serie, die auf Origami basiert und in einer strengen, skulpturalen Silhouette resultiert. Ob kreisrundes, besticktes „Quallenkleid“ oder silberner Trenchcoat mit der Anmutung einer Rüstung - Isabel Toledo verlangt von all ihren Kreationen die gleiche Intensität: „Wenn man ein Kleidungsstück zum ersten Mal trägt, sollte es mit einer Flut unerwarteter Gefühle überraschen.“

Toledo repariert die Nähmaschinen selbst

Bei Toledos „Infanta-Tunika“ und in den Kleidern, die sie höchst effizient aus kleinen Musterstücken schwarzer Spitze schneiderte, lässt sich leicht der hispanische Einfluss ihrer Herkunft erkennen. Sie selbst aber nimmt wegen der klaren, kühlen Linien ihrer Entwürfe und der aller Exzentrizität zum Trotz immer praktischen und bewegungsfreundlichen Designs ganz ausdrücklich die amerikanische Tradition für sich in Anspruch: „Ich bin im Grunde meines Herzens Pragmatikerin, aber ich versehe meinen Realismus hier und da mit ein wenig Romantik“, erläutert Isabel Toledo. Zwar wurde von ihr als Kind der kubanischen Exilgemeinde von West New York erwartet, sich erfolgreich zu assimilieren.

Doch ganz hat sie den scharfen Blick der Außenseiterin nie verloren. Vielleicht ist auch das ein Grund für Michelle Obamas Affinität zu diesen nonkonformistischen, selbstbewussten Designs, die ihre Inspiration weniger aus der Ästhetik des Zeitgeistes als aus eigener Lebenserfahrung beziehen. „Ich interessiere mich nicht für Mode, sondern für Technik“, beteuert Isabel Toledo, die schon als Kind jedes textile Objekt auseinandernahm und heute die Nähmaschinen ihrer Angestellten repariert. Sie selbst schwört auf ihre alte Industrienähmaschine, mit der sie seit mehr als dreißig Jahren nahezu verheiratet sei. Ein weiteres Beispiel für bodenständiges Wirtschaften: Dass Stoffreste weggeworfen werden, würde sich in ihrem Atelier niemand erlauben.

Dort oben hoch über dem Broadway, auf Augenhöhe mit von unten unsichtbaren Türmchen, Pilastern und verwitterten Reliefs, überlässt sie sich den dreidimensionalen Denkaufgaben, die Faltenwurf und Nähte ihr immer wieder neu stellen. 300 Teile pro Saison - mehr sollen es nicht sein, hat sie festgelegt. Zu kaufen sind sie bei Barney's in New York, bei Colette in Paris oder bei Joyce in Hongkong. „Mit jedem Kleid tragen Sie meine Gedanken und die Lösung zu einem bestimmten Problem - das ist mein Beruf: Problemlöserin.“

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