Home
http://www.faz.net/-gut-wzm4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Indiana Jones als Modefigur Der Mann mit dem Hut

29.05.2008 ·  „Indiana Jones“ ist zum Inbegriff lässiger Nonchalance avanciert. Das liegt zum einen am Darsteller Harrison Ford. Zum anderen aber auch an seinem mittlerweile legendären Safari-Outfit: Fedora Hut, braune Lederjacke und khakifarbene Hose. Kaum zu glauben, dass ein Film aus dem Jahr 1954 das Vorbild für dieses „Kostüm“ war.

Von Marisa Buovolo
Artikel Bilder (7) Lesermeinungen (0)

Als der erste Trailer des Films „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ endlich im Internet zu sehen war, stand eines gleich fest: „The man with the hat is back.“ Der legendäre braune Fedora-Hut fällt in Staub, dann aber erscheint als Schatten die unverwechselbare Silhouette Indys, der den verlorenen Hut wieder aufsetzt.

Nach 19 Jahren ist Indy wirklich zurück gekehrt, denn das unverwechselbare Outfit macht den Mann. Die charismatische Ausstrahlung von Indiana Jones ist nicht denkbar ohne seinen berühmten Safari-Look, ohne den Fedora-Hut und die Lederjacke, die seit kurzem im Smithsonian's National Museum of American History ausgestellt sind.

Ein Abenteurfilm aus dem Jahr 1954 war Vorbild

Die Originalidee zu den Kostümen Indys entstand 1981 für „Jäger des verlorenen Schatzes“, den ersten Teil der Indiana-Jones-Trilogie, von der vielseitigen Kostümbildnerin Deborah Nadoolman, die auch Kultfiguren wie die Blues Brothers kreierte und die eine kongeniale Zusammenarbeit mit Steven Spielberg verband. Ihre Hauptinspirationsquelle sei damals der Abenteuerfilm aus dem Jahr 1954, „Das Geheimnis der Inkas“, gewesen, verrät die Kostümdesignerin, die heute Präsidentin der „Costume Designer's Guild“, des Verbands der Hollywood-Kostümdesigner ist.

„Jäger“ sollte laut Spielberg dessen Remake werden, „a B-Movie with an A-budget“. So habe sie den etwas überdimensionierten Fedora und die braune Fliegerjacke, die der stählerne Charlton Heston in dem Film als finsterer Abenteurer Steele trug, einfach neu erfunden. Das Indy-Outfit sei aber zugleich auch geprägt durch den Geist der „Hardboiled“-Filme der vierziger Jahre mit Alan Ladd: als desillusionierter Antiheld der Schwarzen Serie trug der melancholische Star jener Zeit einen tief in die Stirn gezogenen, breitkrempigen Fedora und eine schwarze Lederjacke.

Mit Sandpapier „auf alt“ getrimmt

„Jäger“ spielte Mitte der dreißiger Jahre, und der Archäologie-Professor und Abenteurer Indiana Jones sollte wie aus jener Epoche entsprungen scheinen, ein mit dem passenden Safari-Outfit ausgestatteter Held, umgeben aber von einem nostalgischen Hauch Lässigkeit einer Film-Noir-Figur. Der Fedora Indys ist aber nicht so breit und sperrig wie der seiner Vorbilder, erklärt Deborah Nadoolman.

Sie habe einen weicheren Hut mit kleineren Krempen für Harrison Ford entworfen, der ein viel sympathischeres Gesicht als der kantige Steele alias Charlton Heston zeigen konnte. Aus einem Modell des Londoner Hutmachers Herbert Johnson entwarf sie eine sanft geschwungene Variante, die besser zu dem Schauspieler Harrison Ford passte.

Und auch die Lederjacke, die Heston im Film trug und die als Vorlage diente, wurde von der Kostümdesignerin buchstäblich auf den sanften Abenteurer Indiana zugeschnitten. Verwirklicht wurde sie von dem Londoner Peter Botwright für Berman's und Nathan's. Mit Hilfe von Fords Schweizer Armee-Messer, einer Bürste aus Stahl und einer unglaublichen Menge Sandpapier wurde die Jacke so bearbeitet, dass sie schließlich aussah, als ob Ford sie zwanzig Jahre getragen hätte.

Tom Selleck wollte nicht Indiana Jones sein

So wurde das kultige Objekt der Begierde unzähliger Fans kreiert, die es heute mit dem Gefühl einer authentischen Reproduktion bei Peter Botwright kaufen können, der behauptet, die Originalschnittmuster zu besitzen.

Überraschend wurde Harrison Ford als Indiana Jones besetzt, nachdem der ursprünglich vorgesehene Darsteller Tom Selleck - zum damaligen Zeitpunkt als „Magnum“ im Begriff, der berühmteste männliche Serienstar mit enormem Sexappeal der Achtziger zu werden - abgesagt hatte. Indy sollte zu einer „Magnum“-Variante werden. An dem Erscheinungsbild des kernigen Privatdetektivs, den Selleck von 1980 an verkörperte, verdichteten sich alle männlichen Modesünden der berüchtigten Dekade: übertrieben enge Schlagjeans im Stil von Blaxploitation-Filmhelden und bis zum Bauchnabel aufgeknöpfte Hawaii-Hemden umspannten den von Virilität strotzenden Körper Tom Sellecks. Sein Indy wäre gewiß ein ganz anderer geworden.

Die „mythische Uniform“ blieb unverändert

So schlüpfte der als mürrisch geltende Harrison Ford aus dem futuristischen Anzug des kauzigen Sternenkämpfers Han Solo aus „Krieg der Sterne“ in die altmodischen, extrem weit geschnittenen Anzüge des magnetischen Archäologie-Professors Jones, Objekt der Sehnsüchte seiner Studentinnen, und trotzdem hoffnungslos solo. Wenn ihn gefährliche Schatzsuchen aus der Reserve locken, greift er zum Safari-Outfit und verwandelt sich in den gewaltbereiten, mit Peitsche und Revolver bewaffneten, dynamischen Indy.

Damals war Harrison Ford schon um die 40, fast schon ein wenig zu alt für einen Action-Held. Muskelbepackt wie die männlichen Leinwandstars jener Epoche war er auch nicht, und dennoch: Als der reife Akademiker und zugleich Kind gebliebene Indiana Jones konnte er in dem „magischen“ Kostüm in atemberaubendem Tempo jede gefährliche Situation überleben.

Sein Khaki-Hemd, das im Kampf zerschnitten oder zerfetzt wird, zeigte einen eher mäßig muskulösen Oberkörper, seine Safari-Hose mit engem Ledergürtel betonte den Ansatz von kleinen Schwimmringen. Verschwitzt, verschmutzt, der Gefahr ständig ausgesetzt, konnte Indy in seiner Rüstung Verletzlichkeit und kindliche Allmacht stets in einem verbinden. Seine Insignien - vor allem der Fedora - wurden zum Zeichen seiner Heldenautorität. Und auch wenn in den weiteren Teilen der Trilogie ein anderer Kostümdesigner - Anthony Powell - die Aufgabe von Deborah Nadoolman übernahm, ist Indiana Jones mythische „Uniform“ stets unverändert geblieben.

Müheloser Ganzkörpereinsatz

Und im vierten Teil, fast zwanzig Jahre später? Trotz der Berührung mit dem Trank aus dem Heiligen Gral im dritten Teil ist Henry Jones Jr. doch nicht unsterblich geworden, im Gegenteil, die Jahre sind an ihm nicht spurlos vorbei gegangen. In seinem Drei Tage-Bart finden sich graue Stoppeln, die Haare sind silbrig geworden, der Schritt ist etwas schlurfend. Trotzdem scheint bei dem älteren Indy das Action-Outfit von früher noch immer wie angegossen. Schon in der ersten Action-Szene kann er darin frei und unbeschwert den puren Ganzkörpereinsatz wie in jüngeren Tagen (fast) mühelos demonstrieren.

Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels spielt in den fünfziger Jahren, in der Zeit des Kalten Krieges und der Atombomben, der rebellischen Töne des Rock'n'Roll und der zornigen Teenager in Lederjacken. Die Kostümdesignerin Mary Zophres, die schon Spielbergs „Catch me if you can“ virtuos ausstattete, hatte die schwierige Aufgabe, einen reiferen „Indiana Jones“ in die Fünfziger zu verpflanzen und neu zu inszenieren.

Es ist wohl kein Zufall, dass die Begegnung zwischen der alten und der jungen Generation männlicher Helden, nun zwischen Indy und seinem Sohn Mutt, als das Zusammenprallen von zwei gegensätzlichen Körperbildern in Szene gesetzt wird: Der erste Auftritt des jungen Mutts alias Shia LaBeouf ist ein offenes Zitat aus „Der Wilde“ mit Marlon Brando, der in engen Jeans, Bikerboots und kurz geschnittener Lederjacke zur Ikone der Existenzangst der Teenager wurde, einsam, zornig, cool. Das coole Outfit des jungen Mutt trifft auf den mit der Patina des Alters gezeichneten coolen Abenteurer vergangener Tage.

Wo ist die alte khakifarbene Hose?

Sicher, die legendäre Lederjacke Indys ist heute ein wenig größer geschnitten, damit die Polster für Fords Stunts darunter passen. Und der Schnitt der Hose ist auch etwas weit ausgefallen, der Gürtel ist ziemlich hochgezogen und locker, ein wenig Altherrenhose, wie im deutschen Indiana-Jones-Fan-Forum enttäuscht beobachtet wurde. Wo ist die dynamisch wirkende khakifarbene Hose aus den glorreichen Tagen geblieben?

Vielleicht wäre sie heute etwas zu unbequem für unseren alternden Helden, er braucht jetzt keine enge Hose, die nur zwickt, er soll sich damit frei bewegen können, um weiterhin ganz authentisch ins Schwitzen zu geraten. Und es ist fast rührend zu sehen, wie der junge Shia Lebouve als Verdoppelung Indys in rebellischer Lederjacke an der Seite seines Vaters eine Initiationsreise erlebt, seine eigene „Heldenreise“, in der er von dem Ältesten in das Erwachsenenalter eingeweiht wird. Als uramerikanischer junger Hero muss Mutt alias Shia seine physischen Kräfte einsetzen, um die Probe zu überstehen.

Er leistet Knochenarbeit genau wie sein Vater Indy alias Harrison Ford, der sich mit seinen 65 Jahren nicht unterkriegen lässt. Und vielleicht liegt darin das Geheimnis der Kostüme von „Indiana Jones“, die auch in dem vierten Teil nichts von ihrer Aura verloren haben: Sie schließen einen Helden aus Fleisch und Blut ein, der dem körperlichen Verfall ausgesetzt ist und trotzdem seine Coolness selbstbewusst und selbstironisch bewahrt. Vielleicht wird Indy im nächsten Teil an der Seite seines Sohnes kämpfen und mit Hosenträgern seine Safari-Hosen befestigen. Aber den coolen Fedora wird er nicht weiter geben.


  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel