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Im Gespräch: John Malkovich „Süßer, guck dir das an!“

14.07.2010 ·  Kaum einer verkörpert exzessive Charaktere so beunruhigend wie John Malkovich. Jetzt macht der Schauspieler Männermode. Ein Gespräch über Stil und Schönheit, über die Faszination des Bösen und die Bürden eines Lebens unterwegs.

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Als der Ständer mit der Frühjahrskollektion hereingerollt wird, ist an ein Interview zunächst nicht mehr zu denken: John Malkovich, unterwegs nach Sankt Petersburg, wo er als Serienkiller auf der Bühne stehen wird, greift nach einem Hemd. Fühlt die Struktur des Stoffes, prüft den Sonnenschirmchen-Druck daneben, streicht einen Jackettkragen glatt. Der Sechsundfünfzigjährige wirkt sehr konzentriert. Erstmals in Deutschland stellt er an diesem Abend im Berliner Modegeschäft „The Corner“ sein Label „Technobohemian by John Malkovich“ vor.

Herr Malkovich, wenn man Ihre Anzüge und Hemden trägt, bedeutet das dann wie damals im Film: „Being John Malkovich“?

Hoffen wir's nicht. Das würde ich keinem wünschen.

Wie würden Sie Ihre Mode beschreiben?

Farbenfroh, nicht so wie andere Sachen. Es geht nicht um Trends. Ich mache, was mich anspricht.

Was verrät uns Ihre Kollektion über die Person John Malkovich?

Für mich ist das eine Form, mich auszudrücken. Nicht mehr und nicht weniger.

Warum machen Sie Mode? Langweilt Sie die Schauspielerei?

Nein.

Oder haben Sie mehr Zeit, seit die Kinder aus dem Haus sind?

Durchaus. Aber ich hatte auch schon früher ein Label. Mit meinen neuen Partnern aus Prato ist das jetzt die vierte Kollektion.

Es ist Mode geworden, dass Prominente ihren Namen vermarkten, indem sie Label gründen und damit versuchen, Geld zu verdienen. Ist Ihr Projekt anders?

Ich mache kein Geld damit, ich zahle drauf. Und ich stecke den bei weitem größten Teil meiner Zeit hinein.

Und dann drehen Sie einen Blockbuster, um die nächste Kollektion zu finanzieren?

Im Prinzip ja. Aber ganz so kostspielig ist es auch wieder nicht.

Sie scheinen es sehr ernst zu nehmen. Sie kümmern sich von den Entwürfen bis zur Korrektur der Prototypen um viele Dinge selbst.

Ich nehme eigentlich gar nichts ernst. Aber natürlich mache ich alles selbst. Warum sonst sollte ich meinen Namen dafür hergeben?

Spielen Sie mit dem Gedanken, die Branche zu wechseln?

Langfristig könnte ich mir das vorstellen: nicht mehr zu drehen, nicht mehr zu produzieren oder keine Mode mehr zu machen. Aber im Moment kriege ich alles unter einen Hut.

Schauspielen oder designen - was machen Sie lieber?

Kann ich nicht sagen.

Und welche Welt ist schrecklicher: Mode- oder Filmgeschäft?

Große Frage! Matt Tyrnauer, der diesen brillanten Dokumentarfilm über Valentino gemacht hat, sagte zu mir: Na, da hast du ja eine Branche aufgetan, die noch vergifteter ist als Hollywood. Wahrscheinlich hat er recht. Aber ich kann nicht klagen. Wir arbeiten mit Leuten, die ich schätze, und die schätzen meine Kollektion.

Sind Sie so eitel wie der Malkovich in „Being John Malkovich“?

Eitelkeit ist mehr etwas für junge Menschen. Ich will nicht wie ein Stadtstreicher aussehen. Aber ich bin, wie ich bin, und daran habe ich mich gewöhnt.

Der Regisseur Bernardo Bertolucci hat Sie einen "Pfau aus dem Mittleren Westen" genannt.

Wunderbar.

Was ist für Sie Stil?

Stil ist das Einzige im Leben, das bleibt. Man heiratet, man wird geschieden. Man verdient erst hiermit, dann damit Geld. Stil ist etwas Konstantes. Das kann Kleidung einschließen, gewisse Äußerlichkeiten. Aber eigentlich bezeichnet Stil die Art und Weise, wie wir uns durch die Welt bewegen.

Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?

Das würde ich nie tun.

Sie sammeln Stoffe, in Drehpausen nähen Sie am Set, und Ihr Haus in Los Angeles hatten Sie so sorgfältig ausgestattet, dass Stilmagazine darüber berichteten. Woher kommt diese Leidenschaft?

Das weiß ich wirklich nicht. Ich habe immer gerne gezeichnet, ohne besonders gut darin zu sein. Und ich habe mich immer für Ästhetik interessiert.

Kann es sein, dass gutes Design und Ästhetik für Sie auch ein Gegengewicht sind zu der Bösartigkeit und der Gewalt, mit der Sie als Schauspieler in Verbindung gebracht werden?

Werde ich das?

Ich glaube schon.

Warum? In welchen Filmen? „Gefährliche Liebschaften“? „Tod eines Handlungsreisenden“? „Klimt“? Das ist eine Medienerfindung, die ewig wiederholt wird. Nehmen Sie meine aktuelle Oper über den österreichischen Serienmörder Jack Unterweger: Sie sehen da nicht einfach einen Bösen. Das ist eine sehr ernstzunehmende Persönlichkeitsstudie. Klar habe ich Sachen gemacht wie „In the Line of Fire“ oder „Con Air“. Aber auf jeden dieser Filme kommen zehn andere. Nur die Presse interessiert das nicht. Ich kann drei Modefilme machen, trotzdem wollen alle Journalisten mit mir über einen zwanzig Jahre alten Kassenschlager reden. So funktionieren Medien. Sorry, dass ich Ihnen den Hintern versohle, aber Sie haben es mehr als verdient. Die eigentliche Frage wäre: Warum interessieren sich Menschen und vor allem die Medien so sehr für das Böse? Und was sagt das über Sie anstatt über mich? Ich persönlich sehe am liebsten Komödien. Aber jetzt sind Sie dran.

Was glauben Sie denn?

Nein! Was glauben Sie?

Mich fasziniert die Ambivalenz Ihrer Charaktere. Dass Sie dem Bösen eine Intelligenz oder eine erotische Ausstrahlung verleihen. Ich fühle mich abgestoßen und angezogen zugleich.

Das lasse ich gelten. Aber das ist etwas anderes: böse oder ambivalent. Alle Menschen sind ambivalent. Jack Unterweger hatte viele Frauen in seinem Leben, weil sie von ihm angezogen waren. Tatsache ist: Jeder Serienkiller bekommt ungezählte Heiratsanträge.

Gruselig.

Wenn Sie mich gefragt hätten, was ich gut kann, hätte ich gesagt: Ich bin gut darin, dem Publikum Angst zu machen. Aber ich war auch immer gut darin, das Publikum zum Lachen zu bringen, mehr im Theater als im Film. Das kommt auch darauf an, was von einem Schauspieler verlangt wird. Warum also interessieren wir als Zuschauer uns so sehr für das Böse?

Haben Sie eine Antwort?

Ich sehe das so: Natürlich ist jemand wie Jack Unterweger zunächst einmal charmant und lustig. Irgendwann hört das auf. Aber selbst dann bleibt er irgendwie charmant und lustig. So ist das Leben. Serienkillern gelingt es, Vertrauen zu gewinnen, aber wer ihnen vertraut, ist verloren. Und wir anderen sind fasziniert, weil wir nicht zum Opfer geworden sind und uns vergewissern wollen, wie uns das gelungen ist. Selbst die schrecklichsten Menschen finden jemanden, der sie liebt und sich um sie sorgt. Auch Helden sind keine Helden. Sie mögen eine heldenhafte Tat vollbracht haben, aber auch sie sind ambivalent.

Ist es das, was Sie an der Schauspielerei reizt?

Um nichts anderes geht es.

Lassen Sie mich meine Frage noch einmal anders formulieren: Ist die Eindeutigkeit, das Zeitlose von Stil und Ästhetik für Sie ein Gegengewicht zur menschlichen Ambivalenz?

Auf jeden Fall.

Anders als Menschen haben Kleider keine Schattenseite.

Kleider sind, was sie sind: eine Ausdrucksform wie jede Kunst. Und ich glaube, das Potential ist allen Menschen angeboren: Schönheit wahrzunehmen und zu empfinden und sich zu vergewissern, dass der Mensch zu schönen Dingen in der Lage ist. Vor ein paar Monaten habe ich, keine Ahnung warum, auf Youtube gesehen, wie der italienische Komponist Ennio Morricone mit dem Symphonieorchester von Verona die Filmmusik von "The Mission" aufgeführt hat. Das war so fantastisch, ich habe zu meinem Sohn gesagt: Süßer, guck dir das an! Sieh, was so ein kleiner Mann schaffen kann - nur mit einem Bleistift. Und mit seinem Talent und Wissen natürlich. Auch ein Klavier ist hilfreich. Unabhängig davon, was Morricone für Ambivalenzen haben mag. Der Mensch hat dieses Bedürfnis, Gefühle wie Schönheit, Poesie und Ästhetik auszudrücken.

Das übersteigt die Ambivalenz.

Und die Banalität des täglichen Lebens, seine Vulgarität, seine nervtötende Blödheit.

Trotzdem: Sie selbst machen so einen ruhigen Eindruck, so freundlich und höflich . . .

So bin ich.

. . . und wundervoll.

Wundervoll? Ich weiß nicht. Aber ich bin ruhig, freundlich und meistens auch höflich, außer zu Autogrammjägern. Ich bin nicht so ein gequälter Künstlertyp.

Und die Bösartigkeit, die Gewalttätigkeit, die Wutausbrüche, für die Sie zumindest auch berühmt sind - woher kommt das denn?

Ich kann nur wiederholen: Das steckt in jedem drin. Die Leute sehen mir bloß so gerne dabei zu, weil ich meine Sache gut mache. Ich bringe eine Brutalität zum Ausdruck, die Menschen wiedererkennen, die selbst unter Brutalität gelitten haben. Viele Menschen fühlen eine unglaubliche Wut, können die aber nicht herauslassen. Sie wissen nicht, wie das geht, sie wagen es nicht oder sie dürfen es nicht. Deshalb sehen sie gerne mir zu, wenn ich ausraste. Eigentlich raste ich nie aus.

Echt nicht?

Ich bin nur sehr selten sehr sauer. Wenn es alle zehn oder fünfzehn Jahre doch einmal dazu kommt, denke ich ein paar Tage nach und rede erst darüber, wenn ich mich wieder beruhigt habe.

Woher können Sie das dann so gut spielen?

Ich bin in einer sehr gewalttätigen Familie groß geworden. Ein aggressiver Umgangston, kleine körperliche Übergriffe - bei uns zu Hause war das Alltag. Mir ist das vertraut. Das heißt nicht, dass ich das gut finde, im Gegenteil. Aber ich kenne die Signatur.

Vermissen Sie eigentlich Ihr Leben in Frankreich?

Manchmal. Aber ich bin nicht so ein großer Vermisser. Wenn man so viel reist wie ich, ist es selbstmörderisch, Menschen oder Dinge zu sehr zu vermissen.

Wenn Sie sich damals als Biologiestudent nicht in ein Mädchen verliebt hätten, das Schauspielerin werden wollte, und so zu Ihrem Beruf gefunden hätten: Was würden Sie heute machen?

Keine Ahnung. Ich war schlecht in Biologie. Aber ich denke nicht viel darüber nach, wo ich gerade stehe. Wo ich herkomme. Wohin ich hätte gelangen können. Manchmal denke ich ein bisschen darüber nach, wohin mich die Reise führt. Aber das ist auch alles.

Die Fragen stellte Julia Schaaf.

Quelle: F.A.S.
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