12.05.2009 · Für Jean Paul Gaultier ist die Krise kein Grund, „die Ohren hängen zu lassen“. Im Gegenteil. Man müsse jetzt noch kreativer sein, meint der berühmte Pariser Modedesigner. Ein Gespräch über Leder, Tüten-BHs, falsche Extensions - und über seine Arbeit für das Haus Hermès.
Der Modedesigner plaudert aus dem Nähkästchen. Die Finanzkrise liefere keine Anregungen für seine Kollektionen, sagt er, dafür welche für das Leben generell. „Die Krise ist jedenfalls kein Grund, die Ohren hängen zu lassen. Im Gegenteil: Man muss jetzt eben noch cleverer und kreativer sein.“
Monsieur Gaultier, in anderthalb Stunden beginnt die Schau. Haben Sie trotzdem Zeit?
Klar, kein Problem, wir sind fast fertig mit den Vorbereitungen.
Oder wollen Sie noch mal kurz nachsehen, ob die Mädchen richtig geschminkt und frisiert werden?
Nein, nicht nötig. Ich habe Odile Gilbert für die Haare und Tom Pêcheux fürs Make-up. Denen kann ich voll vertrauen.
Dieses Mal haben Sie ein gefährliches Thema gewählt: die Flugpionierinnen der zwanziger Jahre, etwa Amelia Earhart. Viele von ihnen gerieten in Turbulenzen.
Na, bei uns werden sich die Propeller schon drehen!
Sind die Damen damals schon mit Overknee-Stiefeln herumgelaufen, wie Sie sie für den nächsten Winter vorschlagen?
Die sind doch schön! Wenn man lange Beine hat, passen die. Solche Stiefel sind sexy! In einem wirklich strengen Winter schützen sie außerdem die Beine.
Im Haus Hermès, für das Sie nun seit fünf Jahren arbeiten, sagt man, Sie könnten machen, was Sie wollen - Sie hätten komplette Freiheit. Stimmt das?
Ja. Mein einziges Limit bin ich selbst. Ich kann machen, wozu ich Lust habe - und deshalb bin ich hier sehr glücklich.
Sie haben backstage sogar fürs gesamte Team einen Chef de cuisine mit weißer Haube!
Wir werden gut behandelt. Das gehört bei uns zum Savoir-vivre.
Sie haben in Ihrer Karriere schon für viele Modemarken gearbeitet. Nächstes Jahr können Sie Jubiläum feiern: Dann sind Sie seit vierzig Jahren in der Mode!
Was, seit vierzig Jahren? Wirklich?
An Ihrem 18. Geburtstag kamen Sie aus der Schule, und Ihre Mutter sagte, Pierre Cardin habe angerufen, er erwarte Sie. Sie hatten ihm Zeichnungen geschickt - das war 1970.
Meine Güte, ja.
Beeinflusst Sie diese Aufbruchzeit des Prêt-à-porter noch immer?
Ja, ich war damals vollkommen fasziniert von Cardin, Saint Laurent, Dior, Chanel, Hermès. Es ging nicht um Massenkonfektion, sondern alles war handwerklicher, kleiner, intimer. Deshalb habe ich meine Zeichnungen direkt den Couturiers geschickt - und Cardin nahm mich, zunächst als Teilzeitkraft, obwohl ich noch Schüler war. Ich wollte zu den großen Designern.
War das Größenwahn?
So würde ich das nicht sagen. Ich war vollkommen fasziniert von der Szene. Das Erste, was ich von der Mode sah, war der Film "Falbalas" von Jacques Becker aus dem Jahr 1944, für den Marcel Rochas die Kostüme entworfen hatte. Er zeigte die Haute Couture und ihren Schöpfer, den Couturier - und genau das wollte ich sein. Es ging nicht darum, dass ich einen Top-Job wollte, sondern es ging um die Phantasie. Damals waren Couturiers noch nicht so berühmt wie heute. Die Schauen spielten sich in kleinen Zirkeln ab, die Fotos wurden noch vom Haus selbst gemacht. Das alles war ein großes Mysterium, das ich erobern wollte. Halt! (Ein Model mit langen Haaren läuft vorbei, Gaultier hält sie auf.) Nein, das geht doch nicht mit diesen Extensions! Das ist doch verrückt - Entschuldigung!
Was ist falsch an dem Mädchen?
Diese Haarverlängerungen! Sie muss einen kleinen Kopf haben. Es ist ja nicht dramatisch, aber da muss die Fliegermütze draufpassen. Die sollen doch Haare haben wie Jungs. Das ist ja unglaublich!
Man merkt gar nicht, dass Sie angeblich schüchtern sind.
Bin ich aber. Mein Redefluss lenkt nur davon ab. Wahrscheinlich habe ich Angst vor der Stille.
Wie funktioniert Ihre Einbildungskraft? Beginnen Sie immer noch mit Zeichnen, oder arbeiten Sie direkt am Modell?
Zunächst einmal, wenn es noch nicht um die Kleidungsstücke geht, heißt es: zeichnen, zeichnen, zeichnen. Immer öfter schreibe ich mir jetzt aber meine Ideen auf - wenn etwas schön aussieht oder mir Materialien auffallen. Das kann jederzeit und an jedem Ort passieren. Oft ist das nicht für die nächste Saison bestimmt. Aber vor der Kollektionsarbeit gucke ich mir die Notizen noch einmal an.
Die konkrete Arbeit geschieht aber am Modell?
Ja, die besten Ideen sehen nach nichts aus, wenn sie schlecht gemacht sind. Da ist es schon besser, wenn etwas gut gemacht ist, aber keine Idee darin steckt. Am Ende kauft man das, was man sieht. Da zählt die Idee nicht mehr so viel.
Sie haben trotzdem für Ihre Kollektionen schon aus der Geschichte der Kunst, des Christentums, der Sexualität, der Schwulenbewegung und aus der Popmusik Ideen bezogen. Was bleibt Ihnen heute als Inspiration noch übrig - die Krise vielleicht?
Die Krise inspiriert mich zwar nicht, aber sie bringt immerhin zum Nachdenken. Man überlegt sich, wie man sein Leben gestaltet, wie man sich besser organisiert, was wirklich wichtig ist. Jedenfalls ist die Krise kein Grund, die Ohren hängen zu lassen. Im Gegenteil: Man muss jetzt eben noch cleverer und kreativer sein.
Heißt das auch, wieder auf die klassischen Stücke zu setzen, für die eine Marke bekannt ist?
Ja, genau. Man muss sich darauf konzentrieren, was man wirklich sehr gut kann. Das gilt für Hermès, eine Marke, die trotz der Krise sehr gut dasteht, und für meine eigene Marke. . .
. . . die stärker unter der Krise leidet.
Ja, wir spüren es und versuchen, uns auf die Arbeit zu konzentrieren.
Gerade sind Experimente mit Materialien in Mode, mit Neopren und anderen Kunstfasern. Wird es das bei Hermès auch geben?
Nein, wir arbeiten hauptsächlich mit natürlichen Materialien, mal ein bisschen Elasthan, aber nicht zu viel.
Interessanterweise ist Leder gerade ebenfalls wieder in Mode, eine Spezialität des Hauses.
Deshalb freue ich mich sehr darüber, denn wir haben natürlich die besten handwerklichen Fähigkeiten im Umgang mit diesem Material. Die Maroquinerie, also das Bearbeiten verschiedener Lederstücke, ist eine große Kunst.
Was die Inspiration angeht: Sie reisen viel.
Früher fuhr ich fast jede Woche nach Italien. Natürlich fahre ich noch nach Amerika, Spanien, aber nicht mehr so oft.
Fahren Sie denn wenigstens nach Moskau, zum Eurovision Song Contest?
Dieses Mal nicht. Als ich Kommentator war, bin ich hingefahren, weil ich den Wettbewerb liebe und schon immer davon geträumt hatte. Aber das reicht jetzt auch. Es einfach zu sehen ist besser, als daran mitzuwirken. So ist mehr Überraschung dabei - und die Überraschung ist das Beste, was man erleben kann. Ich brauche jeden Tag neue Anregungen, da bin ich immer noch ein Kind.
Sie sind in Arcueil aufgewachsen, einem bescheidenen Pariser Vorort. Als Kind hat Sie vor allem Ihre Großmutter gefördert.
Ja, aber sie hat mich zu nichts gedrängt. Meine Großeltern haben mich vor allem geliebt, was ja schon mal das Wichtigste in der Kindheit ist. Vor allem für mich: In der Schule habe ich nämlich nicht das gemacht, was alle Jungs so tun, zum Beispiel Fußball spielen. Oft wies man mich zurück. Meine Großmutter hat mir Selbstsicherheit gegeben. Sie hat mir die Karten gelegt, und dabei kam immer nur das Beste heraus: "Un, deux, trois, quatre, cinque - succès!" Oder: "Un, deux, trois, quatre, cinque - amour!" Da wusste ich, dass ich alles schaffen kann.
Und deshalb waren Sie schon als Kind kreativ?
Ja, zum Beispiel habe ich den "cone bra" . . .
. . . den spitz zulaufenden Büstenhalter, den Sie 1990 für Madonna entworfen haben . . .
. . . den habe ich eben schon 35 Jahre vor Madonna entworfen. Ich habe Papier so geschnitten und geklebt, dass ich es als Brüste an meinem Teddybär befestigen konnte. Ich wollte mit einem Mädchen spielen.
Später ging es unkonventionell weiter mit den Röcken für Männer, den Ganzkörper-Fetisch-Anzügen, den Heiligen-und-Huren-Kollektionen.
Ich habe nie eine Modeschule besucht. Einmal habe ich gedacht: Ich muss vielleicht ein paar Techniken erlernen. Also habe ich dort einige Kurse belegt. Und was kam dabei raus? Ich war nur noch besessen davon, es technisch richtig hinzubekommen. Ich hab alles vergessen, was ich eigentlich mit der Mode sagen wollte. Da bleibe ich doch lieber frisch und spontan.
Helfen Ihnen Popstars eigentlich noch bei dieser Arbeit?
Ja, zurzeit arbeite ich mit Mylène Farmer zusammen, einer französischen Popsängerin. Auch fürs Kino arbeite ich gerne. Die Arbeit mit Peter Greenaway, Pedro Almodóvar oder Luc Besson war auch deshalb interessant, weil man sich in die Geschichte einfügen muss, die ein Regisseur erzählen möchte.
Das verschafft Anregungen?
Ja, genau, ich überlege dann immer, was ich für meine Kollektionen verwenden kann. Leider komme ich aber kaum noch zum Film, weil es so viel Arbeit ist.
Wie trennen Sie die Arbeit für die Marken Hermès und Gaultier?
Wenn ich in die Rue du Faubourg Saint-Honoré komme, bin ich in einer ganz anderen Stimmung als in meiner eigenen Firma an der Rue Saint-Martin gegenüber von Sacré-Coeur. Einmal pro Woche auf eine kleine Reise durch Paris zu gehen, das hilft mir viel. Ich kann so ein Modehaus nur richtig fühlen, wenn ich auch da bin.
Immer öfter arbeiten heute Modemacher nur noch für eine Marke - nicht mehr wie Sie für Hermès und Gaultier oder Marc Jacobs für Louis Vuitton und Marc Jacobs. Wie schaffen Sie es, beide Häuser zu bedienen?
Für mich ist es gut, mich nicht nur einer Sache zu widmen. Ich brauche nämlich Luft zum Atmen. Als ich zu Hermès kam, war das auch gut für Gaultier. Wenn man immer nur in einem Raum arbeitet, atmet man ja immer dieselbe Luft, und irgendwann ist sie vergiftet. Nehmen Sie zum Beispiel mein Haus: Jeden Tag kommen irgendwelche Sachen auf mich zu, die ich nicht gerne mache, Personalfragen, Organisation - das kann einen erdrücken! So habe ich mehr Distanz. Ich fühle mich viel freier, und das hilft mir bei der Kreativität. So wie es ist, ist es gut für Hermès und gut für mich. Und so geht es auch anderen. John Galliano tut gut daran, neben Dior auch noch seine eigene Marke zu führen.
Nur noch eine halbe Stunde bis zur Schau.
Ich hoffe, Sie werden abheben!
Jean Paul Gaultier
Die Schau wird von Etienne Russo produziert, die Schuhe sind von Pierre Hardy, die Frisuren macht Odile Gilbert, und Tatjana Patitz ist eigens aus Kalifornien angereist: „Für ihn mache ich das.“ Jean Paul Gaultier, der am 24. April 57 Jahre alt geworden ist, kann sich bei seiner Arbeit für Hermès die besten Mitarbeiter leisten. Am Anfang seiner Karriere, als er für Pierre Cardin, Michel Goma und Angelo Tarlazzi arbeitete, hatte er das noch nicht hoffen können. 1976 gründete er sein eigenes Modehaus und wurde schnell mit seinen von Straßenmode und Popkultur beeinflussten Entwürfen zu einem Star. Seine eigene Marke finanziert er auch mit seiner Arbeit für das Haus Hermès, dessen Umsatz (2008: 1,76 Milliarden Euro) nach Angaben vom Donnerstag trotz Krise auch im ersten Quartal 2009 gewachsen ist. (kai.)