07.07.2007 · Als Modeschöpfer hat Hedi Slimane die Silhouette einer ganzen Generation geprägt. Der Franzose ist aber auch Künstler, Fotograf und Möbeldesigner. Claudia Riedel traf sich mit ihm in London, im Brown's Hotel in Mayfair.
Von Claudia RiedelAls Modeschöpfer hat Hedi Slimane die Silhouette einer ganzen Generation geprägt. Der Franzose ist aber auch Künstler, Fotograf und Möbeldesigner. Wir treffen uns in London, im Brown's Hotel in Mayfair. Slimane trinkt Tee.
Wann sind Sie angekommen?
Gestern. Und Sie?
Vorgestern. Wie geht es Ihnen, Herr Slimane?
Ich habe Heuschnupfen und etwas zu wenig geschlafen. Aber ansonsten geht es mir sehr gut. Ich freue mich, endlich wieder in London zu sein.
Woher kommen Sie?
Von einer längeren Amerika-Tour.
Eine Tour?
Ja. Ich war in Los Angeles, New York, San Francisco und habe fotografiert für mein neues Buch „Young Americans“. Und meinen Freund Gus van Sant in Portland besucht.
Haben Sie seinen neuen Film gesehen?
Ja, er hat ihn mir gezeigt. „Paranoid Park“. Großartig. Den müssen Sie sehen! Gus ist ein wunderbarer Mensch und übrigens der Einzige, der in meiner Zeit bei Dior Homme je eine Dokumentation gedreht hat hinter den Kulissen. Ich liebte es, ihn um mich zu haben.
Sie haben sich von dem Modehaus getrennt, für das Sie als Kreativdirektor die Marke Dior Homme entwickelt haben und dessen Chefdesigner Sie fast sieben Jahre lang waren. Ihr Abschied vor ein paar Monaten war spektakulär. Was machen Sie jetzt?
Im Moment bin ich hauptsächlich mit meinen Ausstellungen beschäftigt, in Lissabon, Berlin und Amsterdam. Außerdem arbeite ich an verschiedenen Musikprojekten in London, am Bühnenkonzept für ein Indie-RockFestival und an meinem „Diary“, einem Bilder-Tagebuch auf meiner Internetseite.
In Ihren Ausstellungen treten Sie als Fotograf, Designer und Kurator in Erscheinung. Fotografie, Design, Kunst und Musik sind neben Mode feste Bestandteile Ihrer Arbeit.
In meiner Art zu arbeiten erfasst ein Bereich den anderen. Ich transportiere meine Ideen mittels eines Mediums in ein anderes, Mode in die Fotografie und Musik oder umgekehrt. Ich könnte mich nicht auf nur ein Gebiet festlegen, nicht mal auf die Fotografie. Überall wird verlangt, dass du professionell bist in dem, was du machst. Das finde ich beängstigend. Spezialistentum ist für mich eine absolute Falle und Bedrohung.
Warum?
In gewisser Weise wollte ich nie professionell sein, auf keinem Gebiet. Vor Schulen und Profis hatte ich immer Angst. Schon als Elfjähriger. Damals sind meine ersten Fotos entstanden, etwas später die ersten Kleidungsstücke. Trotzdem wollte ich nie Mode oder Fotografie studieren. Einem Fotografen zu assistieren wäre auch nicht in Frage gekommen, vielleicht weil ich dachte, meine Ideen könnten an Kraft verlieren, wenn sie einer spezialisierten Autorität ausgeliefert sind. Ich habe dann Kunstgeschichte studiert. Das war okay.
Weil Sie da zum Beobachter und nicht zum Künstler ausgebildet wurden?
Genau. Ich habe dieses Studium sozusagen als Tourist bestritten, einfach nur konsumiert.
In der Mode haben Sie ein Gesamtwerk erschaffen, das bis in alle Bereiche und Details von Ihnen gestaltet wurde. Dazu gehörten das Casting, das ganze Design auch der Kampagnen und Läden sowie die Choreographie Ihrer Modeschauen. Warum haben Sie diese Dinge nicht den jeweiligen Profis überlassen?
Ein Medium transportiert oder verstärkt sozusagen die Vision des anderen. Da es bei meiner Arbeit aber um die Darstellung von nur einer einzigen Vision geht, kann ich die einzelnen Bereiche nicht voneinander trennen oder an Spezialisten delegieren. Das wäre für mich nicht möglich. Es sei denn, ich arbeite in einem Kollektiv. Ein Thema, das mich übrigens auch sehr interessiert.
Können Sie ein Beispiel geben, erklären, wie etwa Mode das Medium Musik erfasst?
Musik und Mode sind sehr direkt miteinander verbunden als Ausdruck von Lebendigkeit, Feierlichkeit und dem ganzen Verführungsspiel. Musik verewigt sich in der Mode und umgekehrt. Mode verrät, in welcher Zeit du lebst und welche Musik du hörst. Die Musik bestimmt die Posen, wie du bist und dich bewegst. Zur „Musik der Zeit“ gehört der „Look der Zeit“. Beides ist ein wichtiger Teil dessen, was unsere Gegenwart beeinflusst. Mit meiner Arbeit will ich die Codes, die sich verändern, auf der Straße und in der Musik, in einen ganzheitlichen Kontext übersetzen. Deshalb ist Musik als Träger meiner Arbeit sehr wichtig, ebenso wie die Protagonisten dafür und die Art, wie ich sie aussuche, auf der Straße eben und nicht in einer Modelagentur.
Diese Protagonisten haben Sie fotografiert und auch Bücher über sie veröffentlicht. Eigentlich waren das immer Reportagebilder. Neuerdings fotografieren Sie auch im Studio?
Ja, eine Neuentdeckung. Normalerweise entstehen meine Bilder eher zufällig. Im Moment gefällt mir die Komposition.
Vermissen Sie die Mode?
Sie ist ja nicht verschwunden. Die Kleider sind immer in meinem Kopf, auch wenn ich sie gerade nicht entwerfe. Ich habe meinen Arbeitsprozess nicht unterbrochen. Ich verfolge meine Ideen mit der gleichen Integrität und entsprechend klaren Vorstellungen zurzeit eben verstärkt auf anderen Gebieten.
Viele Frauen tragen längst Ihre Herrenjacketts und Jeans. Dennoch: Wie gefällt Ihnen die Vorstellung, Kleider für sie zu entwerfen?
Das ist ein klares und definiertes Bild in meinem Kopf, eine Idee, die mir sehr gefällt.
Sie planen auch ein Indie-Rock-Festival ...?
Ja, da geht es um die Rituale von Live-Auftritten und die Kurzlebigkeit von Bühnenarchitektur. Damit habe ich mich bereits in meinem „Stage“-Buch beschäftigt. Nun arbeite ich an der Definition und Konzeption dieser Bilder. Das ist eines dieser Projekte, die sich fast zufällig aus anderen Begegnungen ergeben. Wie auch gestern, auf dieser Party.
Wo war das?
Bei einem dieser Konzerte, die Freunde von mir regelmäßig in einem Pub organisieren. Später landete ich noch in einem Studio in Nord-London bei den Aufnahmen von „The Wireless“; eine kleine, noch unbekannte, sehr gute Band. So ähnlich haben sich viele Verbindungen ergeben: in ihren Anfängen. 2003 waren das Bands wie „Franz Ferdinand“, „The Libertines“ oder „Jack White“, deren Musik bei meinen Schauen lief und die auch von mir eingekleidet wurden.
In einer Dekade auf Ihrem Weg durch die Couturehäuser von YSL zu Dior haben Sie die gesamte Herrenmode mit zwei Begriffen erneuert: „skinny legs“ und „tight jackets“. Diese Silhouette bestimmt heute den Look und Sound einer ganzen Generation.
Ich bewegte mich damals in einer aufkommenden Indie-Szene, die noch „Underground“ war und erst sehr viel später zum Vorschein kam. Dieser neuen Musikbewegung, mit ihren Styles und Codes habe ich meine Anerkennung zu zeigen versucht. Vom ersten Tag an habe ich sie fotografiert. Daraus wurden später die ersten und bisher einzigen zwei Fotobücher, die je über die Anfangszeit dieser Renaissance von Gitarrenrock veröffentlicht wurden.
Als Sie anfingen, diese heranwachsende Generation darzustellen und zu unterstützen, wurden Sie von der Modebranche scharf kritisiert.
Einige aus der Branche konnten nicht verstehen, warum meine Jeans so eng waren, meine Jacketts so knapp. Sie schimpften nur über die Proportionen oder die kleinen Größen, ohne zu sehen, was vor ihren Augen passierte: Eine neue Generation lief meinen Catwalk herunter oder schrieb die Musik für meine Shows. Außerdem hatte ich die Garderobe entworfen, die meine Freunde aus der Musikwelt trugen - als Einziger in dieser Zeit. Ich konzentrierte mich so lange auf die Szene, von der ich überzeugt war, bis diese Generation über Nacht an die Macht kam. Ich glaube, es geht um den richtigen Zeitpunkt, um diesen präzisen Moment, den du intuitiv verstehen und im richtigen Augenblick aufgreifen musst. Weil ich so unmittelbar involviert war, blieb meine Position, mein Glaube an diese Szene und das Vertrauen in meine Arbeit immer unerschüttert. Wenn ich jetzt in London, New York und Paris Vierzehnjährige sehe, die so aussehen wie die Jungs auf meinen Fotos und Fashion Shows, ist das etwas seltsam.
Die Ausstellung „Sweet Bird of Youth“, die Sie in Berlin kuratieren, hat ihren Titel von einem Tennessee-Williams-Stück, in dem Chance Wayne, die Hauptfigur, irgendwann feststellen muss, dass er seine Jugend verloren hat. Sie versammeln junge Künstler der sogenannten „New School“ aus New York, in deren Arbeiten es um die Rituale der Jugend geht. Auch als Modedesigner waren Sie auf der Suche nach dem Wesen der Jugend. Was fasziniert Sie so an diesem Thema?
In gewisser Weise war ich diesen Ritualen der Jugend schon immer sehr verbunden, weil ich nie wirklich Teil davon war, sondern immer nur Beobachter. Als ich anfing, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, war ich jünger als die Teenager, die ich fotografiert habe; jetzt bin ich älter als sie. Diese Phase, kurz bevor man erwachsen wird, ist wahrscheinlich die der größtmöglichen Integrität und Authentizität von Energie, Gefühl, Liebe, Hass und Kampf. Dieser kurze Moment mit seinen unbestechlichen Haltungen, der alles, was danach kommt, verändert, nämlich eine ganze Generation, fasziniert mich.
Zeitgleich in Berlin eröffnet mit Ihrer Möbel-Kollektion „F-System“ bei Clemens Tissi eine Ausstellungsreihe. Worum geht es dabei?
Möbeldesign verrät, ähnlich wie Mode, viel über die Gesellschaft und die Konventionen einer Zeit, weil sich Funktion und Proportion sozialen Verhaltensweisen anpassen. Bei meinen Entwürfen geht es um Formen, die von der Zeit überholt wurden, und um das Verschwinden einer überflüssig gewordenen Funktion. Möbel, die zum Beispiel nicht mehr das Sozialverhalten einer Zeit beschreiben, sondern es durch ihre Form verändern: Wenn man in einem meiner Möbelstücke Rücken an Rücken sitzen muss, verändert das die Art der Unterhaltung. Das F-System ist zugleich eine Anlehnung an die funktionslosen Möbel und „Trompe-l'oeil“-Entwürfe des französischen 18. Jahrhunderts. Meine Möbel wirken sehr industriell und sehen aus wie aus Stahl, sind aber in Wirklichkeit aus Ebenholz und eloxiertem Metall. Alles ist Handarbeit.
Wie interpretieren Sie mit diesem Möbelsystem moderne Verhaltensweisen?
In der Art, wie man sie benutzen muss. Mit bestimmten Posen, zu denen man durch ihren Gebrauch gezwungen wird.
Diese Ausstellungsprojekte bringen Sie zurück nach Berlin, wo Sie in Ihrer Zeit zwischen YSL und Dior gelandet waren und ein „pied-à-terre“ in den Kunstwerken hatten. In dieser Zeit ist Ihr Fotobuch über Berlin entstanden. Hat sich die Stadt sehr verändert?
Der Style und der Sound ist ein ganz anderer. Für mich war Berlin immer eine unbefleckte und aufgebrachte Stadt. Obwohl ich eigentlich sehr spät dort ankam: 1999.
Haben Sie ein Archiv?
Das Einzige, was ich habe, ist meine Fotografie. Ich archiviere meine Mode nicht. Mir bedeutet das nichts. Vielleicht, weil ich mich nie als Modedesigner definiert habe, obwohl ich es über alles liebe, Kleider zu entwerfen. Mode war nie mein Ziel, es passierte zufällig.
Vielleicht sind es genau diese Zufälle, die Ihre Arbeit bestimmen?
Ja. Ich weiß eigentlich nie, warum ich etwas mache. Meine Arbeiten enden meistens sehr formal oder in Konzepten, aber sie entstehen im Chaos. Ich bin immer offen für Zufälle. Zufälle sind impulsive Momente der Wahrheit mit einer großen Ausstrahlungskraft. Sie zu erreichen ist allerdings schwer.
Verraten Sie uns den Trick?
Vertrauen, Geduld und Hingabe.
Was haben Sie von Ihren Projekten gelernt?
Etwas sehr Interessantes: In dem Moment, in dem man an einem Projekt arbeitet, meint man, dass es ein komplett neues ist. Später stellt man fest: Das war gar nichts Neues, sondern genau das Thema, mit dem man vorher auch schon beschäftigt war. Fazit: Man relativiert seine Konzepte und Ideen regelmäßig, aber letztlich erneuert man sie nur, weil man versucht, ihnen jedes Mal etwas näher zu kommen. Du versuchst also, dein eigenes Wesen zu zerstören, indem du es ständig neu erfindest, aber da du das nicht schaffst, bist du dein ganzes Leben auf der Suche nach den Ideen, die dein Wesen bestimmen.
Und nie am Ziel?
Nie! Deshalb darfst du keine Angst vor Veränderung haben, solange deine Ideen bei dir bleiben. Man kann jederzeit das Medium wechseln, aber nicht die Ideen. Sie sind das Wichtigste.
Wann haben Sie bemerkt, dass es immer wieder die gleichen Ideen sind, die Sie umtreiben?
Eigentlich schaue ich nie zurück, aber das habe ich neulich zufällig entdeckt, auf meinen Fotos, als ich anfing, meine Bilder zu archivieren - die Schachteln mit den richtig alten Sachen habe ich allerdings noch nicht gefunden.
Wo sind diese Schachteln?
In einem Lager. Dort stehen wirklich nur Schachteln. Schachteln über Schachteln, Hunderte von schwarzen Schachteln, sonst nichts. Ich komme mir dort immer vor wie auf einem Foto von Thomas Demand, als wäre ich in einem seiner „Archive“-Bilder gelandet.
Sind Ihre Schachteln wenigstens beschriftet?
Manche. Trotzdem muss ich sie alle öffnen. Was toll ist, denn so finde ich immer wieder Überraschungen aus der Vergangenheit.
Zur Person
- Hedi Slimane wird am 5. Juli 1968 in Paris geboren. An der École de Louvre studiert er Kunstgeschichte und absolviert später eine Schneiderlehre. Von 1996 bis 1999 entwirft er die Herrenkollektion von Yves Saint Laurent.
- 1999 verbringt er immer wieder Zeit in Berlin, wo Aufnahmen zu seinem „Berlin“Buch entstehen, das 2003 bei Steidl erscheint. 2004 veröffentlicht Slimane „Stage“ mit den ersten Aufnahmen einer aufkommenden Indie-Rock-Szene. Es folgen weitere Publikationen und Ausstellungen.
- 2000 wird Slimane Kreativdirektor von Dior Homme. Sein neuer Look von Herren in engen, hängenden Hosen und knapp sitzenden Jacketts prägt eine neue Silhouette und das Erscheinungsbild des Rock 'n' Roll-Revivals, vorgeführt von Sängern wie Pete Doherty, der neben Beck und anderen auch den Soundtrack für seinen Laufsteg schreibt. 2002 wird Slimane „Designer of the Year“.
- Im März dieses Jahres verlässt Slimane Dior Homme nach gescheiterten Verhandlungen über eine neue Linie unter seiner Signatur. Seitdem spekuliert die Branche über einen möglichen Alleingang Slimanes und seine erste Damenkollektion.
- In Berlin ist bis zum 24. August die von ihm kuratierte Ausstellung „Sweet Bird of Youth“ in der Galerie Arndt & Partner zu sehen; außerdem zeigt Clemens Tissi seine Möbelserie „F-System“ (bis 18. August).