28.05.2009 · Die Modemacher Viktor und Rolf sind zwei Illusionskünstler in einer Person - oder einer in zweien? Der größte Unterschied zwischen ihnen sind ihre Namen. Ihre Ähnlichkeiten aber gehen bis in ihre Kindheit zurück.
Von Anke Schipp und Alfons KaiserSind wir schon mittendrin? An der Herengracht malt ein Künstler Kanalwasser und Backsteinhäuser. Eine Frau Antje mit Hörern auf dem Kopf und Frappuccino in der Hand schiebt ein rosa Fahrrad mit Blümchen vorbei. Am Haus von Viktor & Rolf in der „Goldenen Bucht“ der schönsten Amsterdamer Gracht knien zwei Bauarbeiter und setzen neue alte Pflastersteine ein. Ihr Ghettoblaster übertönt - „Are we human, or are we dancer?“ - sogar das Hämmern. Kunst, Mode, Handwerk, Musik: Noch bevor die beiden größten niederländischen Modemacher aufgetreten sind, hat die Schau an der schmalen Straßenfront schon begonnen. Willkommen bei den Traumtänzern und Wirklichkeitsverdrehern!
„Hallo, ich bin Viktor!“ - „Hallo, ich bin Rolf!“ Damit sind die größten Unterschiede schon benannt. Der Rest verliert sich in Gleichheit. Differenzen werden weggelächelt. Die Hornbrille, Markenzeichen seit zehn Jahren, der Bart, der nicht so recht sprießen will, die gleichmäßigen Bewegungen: zwei Illusionskünstler in einer Person - oder einer in zweien? Zur Unterscheidung halten sich die Augen an den grünen Nike-Schuhen (Viktor) und der schwarzen Smokingjacke (Rolf) fest. Getrennt wollen sie nicht interviewt werden. Sie heißen ja auch nicht Viktor oder Rolf. Sondern Viktor und Rolf. Wie Siegfried und Roy. Oder Gilbert und George.
Weniger Jeans, mehr Krawatte
Die Ähnlichkeiten gehen bis in die Kindheit zurück. Viktor Horsting, der Zurückhaltende, stammt aus Geldrop, einem bescheidenen Vorort von Eindhoven. Rolf Snoeren, der Schüchterne, wurde, ebenfalls 1969, in Dongen geboren, 50 Kilometer entfernt. In ihrer Jugend entdeckten sie unabhängig voneinander die Mode. „Ich habe mich anders angezogen als der Rest der Klasse“, sagt Rolf, dessen Vater als Ingenieur in einem Stahlwerk arbeitete. „Weniger Jeans, mehr Krawatte. Wir fühlten uns anders, vielleicht auch, weil wir schwul waren.“ Aus seiner Umgebung, in der er sich fremd fühlte, floh er in die Phantasie, zeichnete Menschen und wollte Modezeichner werden. „Dann traf ich ihn.“
Er, Viktor, spricht noch besser Englisch und dazu noch Deutsch. Vor drei Jahrzehnten lebte er drei Jahre lang mit seinen Eltern in Bergen bei Hannover, weil sein Vater als Soldat dorthin versetzt worden war. Er ließ sich - wie so viele deutsche Modemacher - von Antonia Hilkes NDR-Sendung „Neues vom Kleidermarkt“ inspirieren. Auch er verabschiedete sich aus der Vorstadt in die Phantasie. An der Arnheimer Kunstakademie, wo sie von 1989 bis 1992 studierten, lernten sie sich kennen.
Sie drehten es auf links
Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als eine neue Welt zu erfinden. Viktor & Rolf kehrten alles um, drehten es auf links, stellten es auf den Kopf. Weil es keine holländische Modeszene gab, gingen sie nach dem Studium nach Paris. Dort waren sie schon wieder Außenseiter, zogen zurück nach Amsterdam, nutzten die „Hassliebe zur Mode“, wie Rolf sie nennt, um von außen das System in Frage zu stellen und gleichzeitig das Bedürfnis nach exaltierter Zurschaustellung zu befriedigen.
Wie Avantgarde-Mode alle Bekleidungssitten und Modeordnungen auflöst - dieses Modell schöpferischer Zerstörung erlernten sie bei Martin Margiela, dem konsequentesten aller Belgier. Außerhalb des Schauenkalenders zeigten sie, bestätigt durch den Modepreis des Festivals von Hyères, ihre ersten Entwürfe. In Paris hatten die Japaner (Kawakubo, Yamamoto, Watanabe), Belgier (van Noten, Demeulemeester, Margiela) und Engländer (Galliano, McQueen, McCartney) die sich globalisierende und ausdifferenzierende Szene schon auf einiges vorbereitet. Viktor & Rolf aber waren nicht so düster wie die japanische und nicht so angestrengt wie die belgische Avantgarde. Ihre ersten Schauen Ende der Neunziger sahen aus, als hätte Sacha Baron Cohen beim Burgtheater angeheuert. Endlich brachte jemand Humor in die noch immer von französischer Etikette bestimmte Veranstaltung. Bei ihren Achtfachkrägen, den Bettzeugkleidern, den Hirschgeweihdamen durfte man - lachen. In der Babuschka-Kollektion von 1999 trug Maggie Rizer zehn Outfits übereinander, die sie ihr nach und nach auszogen. Viktor & Rolf sind aber nach 15 Jahren Experimenten intelligent genug, weder auf der Avantgarde noch auf ihrem Humor herumzureiten. „Wir wollen nicht nur spielen, manchmal meinen wir es wirklich ernst“, sagt Rolf. „Wir hassen Zweidimensionalität.“ Das Aufgedonnerte verdankt sich der Suche nach dreidimensionaler Tiefe in einer ansonsten recht flachen Branche.
Scherzkekse der Szene
Ihren seltsamen Blick auf die Welt haben Viktor & Rolf auch bei der Inneneinrichtung des Hauses Herengracht 446 bewahrt, das sie vor einem Jahr erworben haben. Im Lampenschirm sind Pferde ausgeschnitten. Der riesige ovale Spiegel wirft den fragenden Blick der Interviewer zurück. Der schwere süßliche Duft im ganzen Raum betört die kritischen Sinne. Die mit Nägeln durchbohrte französische „Vogue“ mit dem berühmten Kate-Moss-Cover vom Dezember 2005 („Scandaleuse Beauté“), ein Werk der Künstlerin Amie Dicke, macht sich über Mode lustig. Die „Map of an Englishman“ gegenüber, eine fiktive Landkarte des britischen Künstlers Grayson Perry, mit dem Bewusstsein als Zentrum, eingekreist von Liebe, Sex, Romantik, Klischee, Schizophrenie, Hyperaktivität und Träumen, zeigt die Kraft des Unbewussten - ein Fluss heißt Orgasmus. Vor all den Eruptionen der Phantasie residierte hier die Macht. Andries de Graeff, Amsterdams Bürgermeister von 1657 bis 1672, im Goldenen Zeitalter der Niederlande, hatte in dem Stadtpalais seine Residenz - wovon noch ein Thomas-de-Keyser-Gemälde von de Graeffs Bruder und Vorgänger Cornelis zeugt. Unter dem Bild lassen sich Viktor & Rolf gern fotografieren, in ernster Pose, als wollten sie dem Alten da oben Respekt zollen, als wollten sie die zarten Bande zum Barock und zu der Detailverliebtheit und den Licht-Schatten-Spielen der Gemälde Rembrandts oder Vermeers betonen - und als wollten sie damit auch gleich den Eindruck zerstreuen, sie seien die Scherzkekse der Szene.
Die Schauen nennen sie heute die „idealisierte Version“ dessen, was man im Laden kauft. Die Inszenierungen seien die letzte Stufe eines langen Designprozesses, der mit einer Geschichte beginnt. „Für uns ist es schwierig, etwas zu machen, bei dem es nur um Style geht“, sagt Viktor. Deshalb entwickeln sie ein Storyboard und reden dauernd darüber, tagsüber im Atelier, abends via Blackberry. Ihre Zusammenarbeit nennen sie organisch. „Wenn wir nicht einer Meinung sind, wissen wir, dass etwas nicht stimmt“, sagt Rolf. „Dann reden wir noch mehr“, sagt Viktor. Es wird so sein wie im Interview: Ein Wort gibt das andere, und am Ende lächeln beide sanft erleuchtet. Man kann sich nicht vorstellen, dass es mal laut werden könnte im Atelier im ersten Stock, wo 25 Mitarbeiter an all den Entwürfen basteln.
Das lächeln sie weg
Doch sie zerschmeißen auf dem Laufsteg keine Porzellankette mehr - damals ihr Statement zum aufkommenden Accessoire-Wahn in der Mode. Mittlerweile sind sie im Establishment angekommen: Sie brachten ein Damenparfum auf den Markt („Flowerbomb“, 2004), einen Herrenduft („Antidote“, 2006), gingen in der H&M-Kollektion von 2006 einen Teufelchenpakt mit dem Massenmarkt ein, eröffneten das Upside-Down-Geschäft (2005) im Goldenen Dreieck von Mailand. Viktor Horsting und Rolf Snoeren, die beide in diesem Jahr 40 Jahre alt werden, sind in der Mitte des Systems angekommen. Im Juli 2008 erwarb der italienische Jeans-Unternehmer Renzo Rosso („Diesel“) über seine Holding „Only The Brave“ (OTB) die Mehrheit an ihrem Modehaus. Rosso soll ihnen helfen, das Unternehmen auszubauen. Kunst und Business, das geben sie zu, sei ein Drahtseilakt. Aber Renzo sei der Richtige: „Für uns war ein Partner wichtig, der vor Kreativität keine Angst hat“, sagt Rolf, „der sogar danach sucht und uns anregt. Mit Kreativität alleine kann man eine Marke nicht groß machen. Mit dem richtigen Zusammenwirken zwischen Kreativität und Business geht's.“
Das Tempo ändert sich schon. Ende dieses Jahres kommt ihr zweiter Damenduft heraus. Über weitere Geschäfte wird nachgedacht. Ihre Jeans, die sie unter dem Bild von Cornelis de Graeff tragen, sind nicht von Diesel, sondern von Viktor & Rolf. Die Schuhe werden vom Winter an ebenfalls aus eigenem Hause stammen. Weitere Accessoires werden kommen. Trotz der neuen Produktwelten, mit denen sie künftige Läden üppig bestücken wollen, sehen sie ihren Avantgarde-Status nicht gefährdet. Auch das Schicksal Martin Margielas, der ebenfalls von Renzo Rosso gekauft wurde und sich vermutlich frustriert aus seinem Unternehmen zurückgezogen hat, scheint sie nicht sonderlich zu beeindrucken. Das lächeln sie weg. Und für richtige Haute Couture gehen sie nun einfach in die Oper. „Mit Bob Wilson zu arbeiten“, sagt Rolf ohne Seufzer, den er sich nicht erlauben würde, „das ist manchmal sehr befreiend.“ Es ist aber noch nicht so, dass sie aus dem bescheidenen Alltag wieder in die Phantasie flüchten müssten.
Anke Schipp Jahrgang 1966, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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Alfons Kaiser Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.
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