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Herrenkleidung Der deutsche Mann wird neu vermessen

11.12.2007 ·  Seit den sechziger Jahren sind die Deutschen im Durchschnitt sechs Zentimeter größer geworden, die Körperproportionen haben sich merklich verändert. Höchste Zeit also, endlich wieder Maß zu nehmen. Für die neue Reihenmessung „SizeGermany“ werden jetzt die Körpermaße von 12.000 Deutschen erfasst.

Von Peter Thomas, Gießen
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Der Vorhang wird geschlossen, und ein roter Lichtstreifen fährt mit mechanischem Summen die abgedunkelten Kabinenwände entlang. Zehn, zwölf Sekunden lang klingt die Kabine wie ein alter Flachbettscanner. Gemessen wird hier allerdings nicht in zwei, sondern in drei Dimensionen: Die roten Laserstreifen wandern über den Körper eines Studenten, es blitzt kurz rot in den Augen.

Die Linien, die das Licht auf Schädel und Schultern, auf Bauch und Beine malt, liefern den Kameras Referenzpunkte für die Messung. Zwei Linsen erfassen gemeinsam einen Punkt und berechnen dessen Position im Raum mittels Triangulation. Aus 400.000 Messpunkten berechnet der Computer dann das digitale Abbild – während sich der frisch Vermessene wieder anzieht. Der Bildschirm zeigt die vertraute Gestalt des Studenten, allerdings in Form eines giftgrün schillernden Komparsen in einem unbekannten Videospiel.

Eine veraltete Datengrundlage

„SizeGermany“ heißt die neue Reihenmessung, mit der bis zum Spätherbst 2008 die Maße von rund 12.000 Deutschen im Alter zwischen sechs und 70 Jahren gesammelt werden. Ausgeführt wird das Projekt vom Textilforschungszentrum Hohensteiner Institute zusammen mit Human Solutions, einem auf Vermessung und Bodyscanning spezialisierten Unternehmen. Denn gleich, ob der Bund kneift, die Schulterpartie schlabbert, Ärmel zu kurz ausfallen oder Hosenbeine viel zu lang sind – Männer haben es schwer beim Kleiderkauf.

Schuld am Frust bei der Suche nach passender Kleidung von der Stange ist unter anderem eine veraltete Datengrundlage. Zuletzt wurden die Körpermaße deutscher Männer und Jungen vor 40 Jahren in einer repräsentativen Reihenmessung erhoben. Schnitte aktueller Herrenmode beziehen sich noch immer auf diese Analyse. Seit den sechziger Jahren sind die Deutschen aber im Durchschnitt sechs Zentimeter größer geworden und die Körperproportionen haben sich merklich verändert. Höchste Zeit also, endlich wieder Maß zu nehmen. Auch bei den Frauen, denn die aktuellen Maße für Damenmode stammen aus dem Jahr 1994. Zum ersten Mal wird bei „SizeGermany“ das berührungsfreie Verfahren des 3D-Bodyscans in einem so großen Maßstab eingesetzt.

Messung bisher in der Badewanne

Ein Scanner von „SizeGermany“ steht derzeit im Labor der Professur für Prozesstechnik an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Bis zum 21. Dezember vermessen hier Melitta Schumm und Andrea Mohler täglich bis zu 20 freiwillige Probanden. Knapp eine halbe Stunde dauert jeder Durchgang, dazu zählt neben vier Scans auch die Befragung der Teilnehmer. Professor Elmar Schlich ist vom Gastspiel des knapp 100.000 Euro teuren Apparats in seinem Labor begeistert. Die digitale Vermessung der menschlichen Körperoberfläche habe ein großes Potential für Medizin, Ernährungs- und Sportwissenschaften, sagt der 56 Jahre alte Lehrstuhlinhaber für Prozesstechnik. Bisher stecken die Forscher Menschen in Badewannen, wenn sie das Volumen von Körpern bestimmen wollen. Anschließend muss nur noch das verdrängte Wasser gemessen werden. Der dreidimensionale Scan dagegen berechnet nicht nur das Volumen, sondern liefert ein Abbild der Körperoberfläche.

Schlich erhält anonymisierte Datensätze aus der Reihenmessung für seine Untersuchungen. Damit will der Gießener Professor unter anderem untersuchen, ob Korrekturfaktoren für die Berechnung des Body-Mass-Index nötig sind, die vom Körperbau abhängen. Die von ihm betreute Master-Arbeit von Melitta Schumm zählt allerdings noch zur Grundlagenforschung: „Bodyscan als Methode für thermodynamische Fragestellungen in der Ernährung“ heißt der Titel des Abschlussprojekts in Haushaltswissenschaft der 26 Jahre alten Ökotrophologin.

400.000 Messpunkte von jedem Probanden

Die Textilforscher der Hohensteiner Institute haben die Phase der Grundlagenforschung längst hinter sich gelassen und sind überzeugt von den Qualitäten des Scanners: Er ist schneller als das alte Messverfahren von Hand mit dem Maßband und ergibt genauere und detailliertere Daten. Bei Maßen wie „Taille-Schritt-Taille“ ist das berührungslose digitale Verfahren außerdem für beide Seiten angenehmer als die herkömmliche Methode.

Aus den 400.000 Messpunkten berechnet der Computer ein dreidimensionales Abbild des Menschen, das als grün leuchtender Avatar auf dem Bildschirm angezeigt wird und sich in alle Richtungen drehen lässt. „Wir können an diesen digitalen Zwilling sogar ein virtuelles Maßband anlegen und individuelle Abstände bestimmen“, erklärt Martin Rupp das Potential des 3D-Bodyscanners. Der 39 Jahre alte Ingenieur ist Direktor der Abteilung Bekleidungstechnik der Hohensteiner Institute und leitet „SizeGermany“. Für gewöhnlich berechnet jedoch eine Software alle Maße von dem digitalen Modell, anschließend kontrollieren Mitarbeiter des Projekts die Werte noch einmal.

Mit Badekappe im Zelt

Und wie fühlt sich der ganze Vorgang aus der Sicht des Probanden an? Das Interview per Fragebogen geht bei „SizeGermany“ dem Scan voraus, weil die Auftraggeber aus Bekleidungsindustrie, Handel und Automobilwirtschaft (unter anderem Esprit, Otto, Karstadt, VW und Ford) nicht nur die Körperproportionen der Studienteilnehmer wissen wollen. Sie interessiert auch das Konsumverhalten der Teilnehmer sowie deren spezifische Probleme mit der Passform von Kleidung und der Ergonomie von Fahrzeugen. So brauchen die Autohersteller Richtmaße, um Autositze, Lenkräder und Armaturen richtig zu justieren.

Andrea Mohler misst Körpergröße und Kopfumfang, schickt den Studienteilnehmer anschließend in die Umkleide. In Unterhose und mit einer blau-weißen Badekappe auf dem Kopf geht es von dort durch einen grauen Vorhang von der Seite in den Scanner. Der sieht aus wie ein kleines Hauszelt mit Öffnungen an der Seite und vorn. Er hat einen quadratischen Grundriss und in der Mitte ein Podest mit stilisierten Fußabdrücken auf einer schwarzen Gummimatte. Es ist dämmrig, an den Ecken stehen vier gläserne Säulen, darin Kameras auf vertikalen Laufschienen. Die 27 Jahre alte Studentin der Bekleidungstechnik weist nacheinander in die verschiedenen Posen ein: Beine zusammen oder leicht gespreizt, Arme angewinkelt oder ausgestreckt, dabei den Körper immer gerade halten. Viermal wird jeder Teilnehmer nach einem genormten Ablauf vermessen, dreimal stehend und einmal im Sitzen.

Maße auch für andere europäische Staaten

An rund 30 Standorten soll bis Herbst 2008 für „SizeGermany“ gemessen werden. Bis zum 21. Dezember gastiert das Projekt nun in Gießen sowie am Universitätsklinikum Bonn. Als Stationen für 2008 stehen bereits Ravensburg (Januar) und Dresden (April) fest. Seit Juli 2007 ist außerdem jeweils ein Scanner in den Hohensteiner Instituten (Bönnigheim) und bei Human Solutions (Kaiserslautern) in Betrieb. Bereits Ende 2008 wollen die Hohensteiner Institute als Ergebnis der Messreihe neue Körpermaßtabellen und eine Analyse der Marktanteile für verschiedene Kleidergrößen vorlegen.

Anschließend werden die beteiligten Hersteller und Handelsunternehmen die Ergebnisse schnell verwirklichen, glaubt Martin Rupp. Schließlich finanzieren diese 80 Unternehmen die Reihenmessung selbst, während früher solche Vorhaben von Verbänden getragen wurden. Die Ergebnisse von „SizeGermany“ fließen auch in die Harmonisierung des europäischen Bekleidungsgrößensystems ein. Vielleicht passen dann künftig auch die Kleider von der Stange im Ausland besser.

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