27.01.2012 · Die Haute Couture blüht wie lange nicht mehr. Neue Märkte helfen der alten Pariser Handwerkskunst. Auf der Modewoche in Paris kippt die Stimmung so, dass Dita von Teese in der ersten Reihe weint.
Von Alfons Kaiser, ParisDie Designer lassen sich feiern, die Journalisten strömen zum Champagner, die Investoren checken die Lage, die Models tauschen 20000-Euro-Kleider gegen 200-Euro-Acne-Jeans: Hinter der Bühne ist die Hölle los. Aber nach dieser Schau zum Abschluss der Haute-Couture-Woche stehen am Rande, als ob sie die Kleiderständer bewachen wollten, auch noch zwei Dutzend Frauen in weißen Kitteln und mit dicken Brillen. Valentino hat zur Schau im Hôtel Salomon de Rothschild kurzerhand die Näherinnen aus den Ateliers in Rom mitgebracht.
Das ist eine nette Geste, denn diese Frauen arbeiten wirklich hart am Gegenstand - und sticken mit der Hand Millionen kleinster Perlen, Stäbchen, Pailletten, Bänder und Kristalle an die leichtesten Stoffe von Organza bis Seide. Sie sind hier, weil die Kleider bis zur letzten Minute vor der Schau geändert wurden. Sie stehen hier aber auch als Symbol für die Haute Couture, die mit viel Aufwand den wachsenden Wunsch nach Authentizität und Originalität befriedigt. Bis zu 700 Stunden, sagt eine der Petites Mains, wie man in Paris die Näherinnen auch dann nennt, wenn sie aus Italien kommen, hätten sie an den am aufwendigsten bestickten Kleidern gearbeitet. Eine Italienerin ruft: „Che collezione!“ Und Model-Ikone Inès de la Fressange, neuerdings tätig für „Madame Figaro“ und unterwegs im Gavroche-Look der Pariser Straßenjungen mit Schiebermütze und Cordjacke, fotografiert jeden einzelnen Look noch einmal auf der Stange: „Magnifique!“
Bei Valentino, der von ihrem Gründer Valentino Garavani vor drei Jahren verlassenen Marke, lassen seine früheren Assistenten Pierpaolo Piccioli und Maria Grazia Chiuri die Couture in jedem Wortsinn blühen. Für die Marke ist der Aufwand kein Luxus, sondern Überlebensstrategie: Denn Valentino lebt längst nicht so stark wie die beiden wichtigsten Couture-Häuser Dior und Chanel von Schuhen oder Taschen. Valentino-Mode muss allein durch die Mode sprechen. Und das tut sie denn auch mit herrlich bestickten Cocktail- und Abendkleidern. Veritable Schleppen allerdings möchte heute wohl nicht einmal mehr die Couture-Kundin in Dallas oder Dubai hinter sich her schleppen.
Eigentlich ist all der bizarre Aufwand von gestern. Stylistin Carine Roitfeld erzählt, dass sie sich wegen eines Jobs in London nur ein paar Schauen angesehen hat und dass sie selbst kaum Couture-Teile trägt, obwohl sie die nicht einmal bezahlen müsste. Auch der Einzelhandel hat nichts mit diesen Kleidern zu tun, weil sie den Kundinnen im Atelier oder gar direkt zu Hause angepasst werden. So stellt Sarah Lerfel vom Trendladen Colette, die sonst immer auf Originelles aus ist, die schönen Stücke höchstens mal als Blickfang ins Schaufenster.
Und dennoch boomt die Hohe Schneiderkunst, trotz zuweilen arg trutschiger Outfits wie etwa bei Alexis Mabille. Vor allem in Südamerika, China, Russland und im Mittleren Osten wächst die Nachfrage. Für Chanel war 2011 das beste Jahr in der Couture-Geschichte. Fast alle Marken verzeichnen nach einer Umfrage von „Women’s Wear Daily“ hohe zweistellige Zuwachsraten - freilich bei recht niedrigen Umsätzen, denn mit Prêt-à-porter und Accessoires verdient man weit mehr. Außerdem hilft die Haute Couture bestens bei der Imagebildung, wie man an Patrick Demarcheliers opulentem Bildband „Dior Couture“ gut sieht.
Die wachsende Aufmerksamkeit nutzen in dieser kurzen Pariser Woche allerdings auch andere Anbieter. Tod’s präsentiert unter dem Titel „No_Code“ eine Schuhkollektion mit dem britischen Stylisten Jefferson Hack. Miuccia Prada ist mit einer 24-Stunden-Ausstellung von Francesco Vezzoli dabei, der alten Frauendarstellungen neuere Köpfe aufgesetzt hat. Die frühere Prostituierte Zahia Dehar, die durch eine Affäre mit dem Fußballspieler Franck Ribéry bekannt wurde, präsentiert, inzwischen 19 Jahre alt, ihre von der Beteiligungsgesellschaft First Mark Investments finanziell unterstützte Dessous-Kollektion, tritt also gewissermaßen „in Arbeitskleidung“ („Bild“) auf den Laufsteg.
Und Karl Lagerfeld startet ausgerechnet zur Woche der teuren Couture mit seiner preiswerten Linie „Karl“ im Segment „Masstige“ - das aus „mass“ und „prestige“ zusammengesetzt ist. Aber für Chanel zeigt er eben auch, wie man die Couture spielerisch bedient: Die Models laufen durch den Mittelgang eines überdimensional nachgebauten Flugzeugs, die Zuschauer sitzen in Passagiersesseln, und die Crew verteilt Getränke aus dem Rollwagen. Kein Wunder, dass helles Blau die vorherrschende Farbe der wunderbar schlicht ausgearbeiteten Kollektion ist.
Das Blau stammt doch bestimmt von Stewardess-Uniformen!? „Nein, nein“, sagt Lagerfeld zwei Tage später, „das ist das Blau der Augen meiner Katze.“ Zu Weihnachten war er mit dem Kätzchen beschenkt worden, einem schönen weißen Tier mit zarter Zeichnung namens Choupette („Schnuckelchen“), das allerdings ans Haus gefesselt ist: „Nach draußen kommt sie nicht“, sagt Lagerfeld über seine neue Muse, „sonst bringt sie nur Dreck rein.“
Zur Couture gehört neben verschwenderischer Materialfülle, handwerklicher Perfektion und entsprechenden Preisen eben auch das Je-ne-sais-quoi überschießender Ideen, das dem Prêt-à-porter weitgehend abgeht. Lagerfeld, der das Genre seit den fünfziger Jahren kennt, bedient die dekadenten Sehnsüchte der happy few souverän. Nicht jeder in Paris kann das, wie eine weitere Nachricht der Woche zeigt: Das Nicht-Couture-Haus Sonia Rykiel, dem modisch lange nichts mehr eingefallen ist, wird vermutlich bald zu 80 Prozent vom Hongkonger Investor Fung Brands übernommen. Während also der „Figaro“ am Donnerstag auf seinen lachsfarbenen Seiten über die wirtschaftlichen Schattenseiten der Mode berichtet, feiert Kritikerin Virginie Mouzat auf den hinteren Seiten die Übermode der Lebens- und Überlebenskünstler - dieses Mal zu Recht - in den höchsten Tönen.
Chinesische Models, Hongkonger Investoren, Dubaier Kunden, mit Elie Saab und Zuhair Murad gleich zwei libanesische Designer auf dem Kalender: Der Hang zum Mittleren und Fernen Osten ist nicht zu übersehen. So feierte nicht nur Versace nach acht Jahren Couture-Abstinenz einen Neuanfang. Aus Indonesien stammt der Modemacher Didit Hediprasetyo, aus Dubai kommt der Couture-Debütant Rami Al Ali. Und als Gastmitglied hat die Chambre Syndicale de la Haute Couture erstmals die erst 26 Jahre alte Chinesin Yiqing Yin zugelassen.
Bei ihrem Debüt in der Maison de l’Architecture herrscht feierliche Stille. Der Putz blättert ab im Seitensaal des ehemaligen Klosters an der Gare de l’Est. In den Heiligennischen mit Muschelkronen stehen keine Heiligen mehr. Das Tonnengewölbe wirft die trockenen Backstage-Befehle zurück. In dieser Atmosphäre irgendwo zwischen scholastischer und chinesischer Nostalgie erstrahlen die herrlich drapierten und mit Seide, Jersey, Organza, Pelz im „material blocking“ gebauten Kleider um so heller. Neben Iris van Herpen, der experimentierfreudigen Neu-Interpretin abgetretener Avantgarde-Künstler wie Martin Margiela und Alexander McQueen, gehört Yiqing Yin zu den kommenden Stars der alten Kunst.
Wie er am Ende über den Laufsteg hüpft, kann man nicht glauben, dass Jean Paul Gaultier, seit 40 Jahren in der Mode, längst zu den älteren Stars gehört. Der Designer, seit neuem mit Investoren der Puig-Gruppe aus Barcelona, also mit frischem Geld versorgt, zeigt am Mittwoch eine Kollektion, die zumindest Beth Ditto in der ersten Reihe begeistert: Sie schreit spitz auf, als endlich der erste Look um die Ecke biegt. Die Stimmung kippt am Ende so, dass Dita von Teese in der ersten Reihe wirklich weint und Beth Ditto nachher immerhin bekennt, „fast geweint“ zu haben. Denn der opulente Bilderbogen ist als Hommage an Amy Winehouse gedacht, mit der die beiden bekannt waren.
Unter dem Eindruck von Winehouse-Hits wie „No, no, no“, „A taste of you“, „Stronger than me“ oder „Rehab“ meint man in jedem Mädchen eine Amy zu erkennen - natürlich aufgemotzt mit den typischen Gaultier-Versatzstücken von Schleiern über Korsetts und Bustiers bis zum dekonstruierten Smoking. Gaultier nennt Winehouse „eine wahre Mode-Ikone“. Vielleicht hat man das vor ihrem Tod nicht so richtig bemerkt. Dieser Modemacher beweist es auf dem schmalen Grat zwischen Sekretärinnen-Pose und Domina-Couture dann doch. Dass das Winehouse-Lookalike bei ihrem großen Auftritt auf der Bühne torkelt, ist vielleicht nicht so richtig geschmackvoll. Die Kollektion kippt deshalb aber nicht.
Alfons Kaiser Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.
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